ErklärtSie helfen nicht jedem, und es ist ein Rätsel, wie sie wirken: Was man über Antidepressiva wissen sollteAntidepressiva wirken schlechter als gedacht und können unangenehme Nebenwirkungen haben. Für wen sich die Einnahme trotzdem lohnt und was man beim Absetzen beachten sollte.Felicitas Witte02.07.2026, 11.38 Uhr6 LeseminutenIllustration Hans-Jörg WalterWer noch nie eine Depression hatte, kann sich nicht vorstellen, was das heisst. Man kann sich zu nichts aufraffen, jede Unternehmung fällt schwer – vom Arbeiten ganz zu schweigen. Man hat auf nichts mehr Lust, kann nicht schlafen und sieht gleichzeitig keine Möglichkeit, sich aus dem Loch wieder herauszuarbeiten. Antidepressiva können die Stimmung bessern, doch sie helfen nicht jedem. Woher weiss man, ob sich die Medikamente für einen lohnen, und wie findet man das Präparat, das am besten zu einem passt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.InhaltsverzeichnisWie gut helfen Antidepressiva?Wie wirken Antidepressiva?Gibt es noch andere Antidepressiva?Welche Alternativen gibt es?Welche Nebenwirkungen haben Antidepressiva?Wie gut helfen Antidepressiva?Über diese Frage diskutieren Forscher seit der Zulassung der ersten Mittel in den 1960er Jahren. Lange Zeit vermutete man zum Beispiel, dass Antidepressiva bei leichten Depressionen besser wirken würden als bei schweren. Aber diese Hypothese konnten spätere Studien nicht eindeutig bestätigen. Klar ist: Bei manchen Patienten wirken sie mehr, bei anderen weniger oder gar nicht. «Wir wissen nicht, warum das so ist», sagt Andreas Reif, Direktor der Psychiatrie in der Uniklinik Frankfurt, der an der deutschen Behandlungsleitlinie mitgeschrieben hat. «Womöglich liegt es daran, dass Depressionen durch unterschiedliche Mechanismen entstehen und nicht wie andere Krankheiten – etwa Gicht – in der Regel durch einen Faktor, nämlich in diesem Fall zu hohe Harnsäure.»Die Wirkung von Antidepressiva wird mit einer Punkteskala von 0 bis 52 gemessen. Je höher der Wert ist, desto stärker ist die die Depression. Nach sechs bis acht Wochen Behandlung sinkt der Punktewert von Patienten, die Antidepressiva nehmen, um zwei Punkte mehr als bei Patienten, die ein Placebo erhalten. Dieser Durchschnittswert wurde in Studien ermittelt.Als therapeutisch relevant, also als merklicher Fortschritt für den Patienten, wird aber eigentlich erst ein Unterschied von drei bis fünf Punkten oder mehr angesehen. 2018 haben Wissenschafter in einer Metastudie mit rund 120 000 Patienten den Effekt von 21 Antidepressiva miteinander verglichen. Ihr Fazit: Alle Mittel wirken besser als ein Scheinmedikament, aber bei allen ist der antidepressive Effekt nicht besonders ausgeprägt.«Wie man es dreht und wendet – im Schnitt wirken Antidepressiva nur mässig», sagt Michael Hengartner, der sich an der Kalaidos-Fachhochschule in Zürich als Forscher seit zehn Jahren mit der Wirksamkeit von Antidepressiva beschäftigt. Aber schon dieser mässige Effekt könne sich zum Beispiel dadurch bemerkbar machen, dass die Betroffenen nun genügend Energie hätten, um einkaufen zu gehen oder Freunde zu treffen.Für den einzelnen Patienten sei die durchschnittliche Wirksamkeit ohnehin wenig entscheidend, sagt Gregor Hasler, Chefarzt am Freiburger Netzwerk für psychische Gesundheit. «Wichtiger ist, dass Patient und Arzt gemeinsam schauen, ob die Behandlung hilft, und dass der Patient einfach einmal ein Antidepressivum ausprobiert.» Die Wirkung der Medikamente lässt sich auch steigern, indem man den Patienten gleichzeitig psychotherapeutisch behandelt.Jahrzehntelang waren viele Forscher überzeugt, Depressionen würden durch einen Botenstoffmangel im Gehirn entstehen. Vor allem durch einen Mangel an Serotonin. Das schlossen Wissenschafter aus der zufälligen Beobachtung, dass das Blutdruckmittel Reserpin bei manchen Patienten Depressionen auslöste. Denn dessen Einnahme führt dazu, dass die Nervenzellen im Gehirn weniger Serotonin und andere Botenstoffe wie Noradrenalin und Dopamin ausschütten.Ende der 1980er Jahre kamen die SSRI auf den Markt, die sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Sie sind in der Lage, den Serotoninspiegel im Gehirn anzuheben. Dass ein Mehr an dem Botenstoff den Patienten tatsächlich helfen kann, war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht bewiesen.Auch heute wird noch diskutiert, ob die Beschwerden wirklich am Serotoninmangel liegen. Eines der wesentlichen Argumente der Zweifler ist die verzögerte Wirkung der Mittel. So sind SSRI zwar in der Lage, die Serotoninkonzentration im Gehirn schon innerhalb weniger Stunden zu heben. Es dauert aber einige Wochen, bis es den Patienten besser geht. «Würde die Theorie stimmen, träte der antidepressive Effekt viel schneller ein», sagt der Psychiater Gregor Hasler.Ebenfalls ins Feld geführt wird das Argument, dass auch solche Antidepressiva wirken, die das Serotonin gar nicht erhöhen. Und die Mangelhypothese erklärt auch nicht, warum die SSRI nur einem Teil der Patienten helfen.Manche Forscher gehen heute davon aus, dass SSRI zu neuroplastischen Veränderungen im Gehirn führen. Das bedeutet, dass sich das Hirn umbaut, anpasst und neu vernetzt. Michael Hengartner ist kritisch: «Diese Hypothese finde ich genauso fragwürdig. Es ist ein weiterer Versuch, eine Erklärung zum Wirkmechanismus zu finden. Aber auch hier haben wir keinen überzeugenden Beleg, dass Antidepressiva genau wegen der Umbauvorgänge wirken.»Gibt es noch andere Antidepressiva?Die ersten Antidepressiva kamen in den 1960er Jahren auf den Markt. Heute gibt es Dutzende verschiedener Präparate, die sich grob in fünf Gruppen einteilen lassen. Die ersten vier Gruppen erhöhen über verschiedene chemische Mechanismen die Menge an Serotonin, Noradrenalin und anderen Botenstoffen im Hirn.Die ersten zugelassenen Antidepressiva gehörten in den 1950er Jahren zur Gruppe der sogenannten Monoaminooxidase-Hemmer. Sie bremsen die Wirkung des Enzyms Monoaminooxidase, das Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin abbaut. Dadurch erhöhen die Mittel im Gehirn die Konzentration dieser Transmitter. Wenig später ergänzten die trizyklischen Antidepressiva das Repertoire der Psychiater – Beispiele sind Amitriptylin und Imipramin. Der Name leitet sich von dem chemischen Aufbau der Mittel ab.In den späten 1980er beziehungsweise Anfang der 1990er Jahre kam dann eine dritte Gruppe dazu, das waren die bereits erwähnten SSRI. Zu ihnen gehören zum Beispiel Sertralin, Fluoxetin und Citalopram. Seit den späten 1990er und 2000er Jahren stehen auch sogenannte SNRI zur Verfügung. Sie wirken ähnlich wie die SSRI, nur erhöhen sie vor allem die Menge des Noradrenalins. Bekannte Wirkstoffe sind Duloxetin oder Venlafaxin.Zur fünften Gruppe gehören die sogenannten atypischen Antidepressiva wie Agomelatin, Bupropion und Mirtazapin. Mirtazapin sorgt ebenfalls dafür, dass die Serotonin- und Noradrenalinmenge im Hirn steigt, der Mechanismus ist aber ein anderer. Das Antidepressivum verschreiben Ärzte oft, aber nicht nur gegen Depressionen, sondern auch gegen Schlafstörungen. Mirtazapin macht müde.Am häufigsten werden SSRI und SNRI verschrieben. Insgesamt gilt aber für alle Antidepressiva: Die Wirkung ist schwach bis mittelmässig.Welche Alternativen gibt es?«Hat der Patient die Depression noch nicht so lange und ist sie nicht so schwer, würde ich immer erst mit nichtmedikamentösen Massnahmen anfangen», sagt Hans Jörgen Grabe, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Uniklinik Greifswald. Auch die Leitlinie schlägt vor, leichte Depressionen zunächst mit Selbsthilfemassnahmen, Gesprächen mit Arzt oder Psychologen, Apps oder Programmen im Internet zu behandeln. Sollte das nicht helfen, wird eine Psychotherapie empfohlen.Auch Sport kann Depressionen lindern. Den grössten Effekt scheinen Ausdauertraining und Gruppentraining zu haben. Beliebt sind auch pflanzliche Präparate. Die Wirksamkeit von Johanniskraut ist zwar bei leichten Depressionen ähnlich wie die von Antidepressiva, «aber man muss sehr aufpassen, wenn man noch andere Medikamente nimmt», sagt der Psychiater Andreas Reif aus Frankfurt. Denn Johanniskraut kann die Wirkung anderer Mittel abschwächen.Welche Nebenwirkungen haben Antidepressiva?Jede Antidepressivagruppe hat typische Nebenwirkungen, die bei der Wahl des Präparats berücksichtigt werden sollten. Bei den trizyklischen Antidepressiva gehören dazu unter anderem Schwindel, Kreislaufprobleme, Müdigkeit, Herzrhythmusstörungen und eine Gewichtszunahme. Bei der Einnahme von SSRI und SNRI können Begleitsymptome wie Schwitzen, Unruhe und Schlafstörungen auftreten. Mehr als die Hälfte der Nutzer berichtet zudem über sexuelle Probleme wie Libidoverlust und Erektionsstörungen.Die Einnahme des atypischen Mittels Mirtazapin ist häufig mit Müdigkeit, Gewichtszunahme, Blutdruckproblemen und Albträumen verbunden. In einer Studie mit 673 177 Patienten waren SSRI etwas besser verträglich als trizyklische Antidepressiva, Mirtazapin und Trazodon. Nach zwei Monaten hatte fast jeder Zweite mindestens eine Nebenwirkung erlebt, aber weniger als sechs von hundert Patienten hatten die Mittel deshalb abgesetzt. Diese Quote gilt als ein Indikator dafür, wie sehr die Nebenwirkungen im Vergleich zur Wirkung ins Gewicht fallen. Ein weiteres Problem: Antidepressiva können die Wirkung anderer Medikamente stören oder deren Nebenwirkungen verstärken.Wie findet man das richtige Mittel? Um das richtige Präparat zu finden, braucht der Arzt einige Informationen. Zum Beispiel, ob der Patient sonst noch ein gesundheitliches Problem hat. Bestimmte Antidepressiva darf man bei gewissen Krankheiten oder zusammen mit anderen Medikamenten nicht einnehmen.Hat ein Patient oder ein erstgradiger Angehöriger mit Depressionen schon einmal ein bestimmtes Antidepressivum genommen und gut vertragen, würde man eher zu diesem raten. Leider gibt es noch keine Biomarker, die dem Arzt sagen, ob und welches Präparat bei einem Patienten wirkt. Deshalb wird häufig erst einmal eines ausprobiert und gewechselt, falls das nicht hilft.Kann man von Antidepressiva abhängig werden?«Antidepressiva lösen keine Sucht aus», sagt der Psychiater Grabe. Dennoch können Beschwerden auftreten, wenn beispielsweise SSRI zu plötzlich abgesetzt werden. Etwa jeder dritte Patient berichtet über solche Symptome. Typisch sind Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit und Reizbarkeit.«Aber diese Beschwerden lassen sich ertragen, wenn man die Dosis langsam reduziert», versichert Grabe. In einer Umfrage erlebte fast jeder Dritte, der ein solches Medikament ein Jahr oder länger nahm, mindestens drei Monate lang Absetzsymptome, jeder Zehnte sogar mehr als ein Jahr.Weil Antidepressiva aber nicht alle Kriterien einer Substanzabhängigkeit erfüllen, spricht man in diesem Zusammenhang nicht von einer Suchterkrankung. Laut diesen Kriterien gilt ein Patient als süchtig, wenn er zum Beispiel immer grössere Dosen nehmen muss, um den gleichen Effekt zu spüren. Das ist bei Antidepressiva nicht der Fall.Grundsätzlich gilt: Mit begleitender Psychotherapie und langsamer Dosisreduktion schaffen es zwischen 40 und 75 von 100 Patienten innerhalb eines Jahres, die Einnahme ihres Antidepressivums zu beenden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel