WirtschaftsWoche: Immer mehr Beschäftigte denken über einen Job im Ausland nach. Ist das eine neue Entwicklung?Sultan Waraich: Komplett neu ist das Thema nicht, aber es gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit – und hat 2026 aus meiner Sicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in den letzten Jahren nicht. Früher hat der Ingenieur aus Hamburg vielleicht nach München oder Berlin geschaut. Heute ist der Arbeitsmarkt internationaler geworden – auch durch den Wandel, den wir in Deutschland erlebt haben, etwa durch Corona, als sehr viel digital stattgefunden hat. Dadurch schauen sich viele Arbeitnehmer nicht nur im Inland, sondern tatsächlich auch im Ausland nach Jobs um.Was treibt diese Entwicklung besonders an?Da kommen mehrere Dinge zusammen. Ein Punkt ist der Fachkräftemangel, der nicht nur Deutschland betrifft, sondern international ein Problem ist. Qualifizierte Fachkräfte werden auch in anderen Ländern stark gesucht – etwa in den Arabischen Emiraten – und dort teils deutlich besser vergütet. Gleichzeitig spielen die wirtschaftliche Situation, geopolitische Ereignisse und steigende Kosten in Deutschland eine Rolle. Deutschland zahlt grundsätzlich gute Gehälter, aber die Unterhaltskosten steigen Jahr für Jahr – man sieht das etwa bei Energie- und Mobilitätskosten.Und dann verlassen uns ausgerechnet junge Leute, die wir lange und für viel Geld ausgebildet haben, oder?Ja, wir sind an dem Punkt, an dem Deutschland wachgerüttelt werden muss. Es kann nicht sein, dass Menschen, die in Deutschland ausgebildet werden, die deutsche Schulen und Universitäten besuchen, ins Ausland gehen. Wozu das führt, sieht man seit vielen Jahren bei den Medizinern, die nach Skandinavien oder in die Schweiz gehen, weil sie dort mehr verdienen.Sultan Waraich ist CEO von Curato. Foto: Privat Zur Person Der Bielefelder ist Geschäftsführer der Düsseldorfer Recruiting-Agentur Curato, die 300 Unternehmen und Gesundheitseinrichtungen beim Fachkräfte-Recruiting unterstützt.Die Bundesregierung diskutiert über Pläne, Gutverdiener stärker zu besteuern. Könnte das den Abwanderungsdruck in Richtung Ausland erhöhen – gerade bei Topverdienern?Solche Themen müssen in der aktuellen Lage vorsichtig behandelt werden. Ich halte es strategisch für klüger, Bürger eher langfristig zu entlasten, statt die Steuersätze weiter anzuheben. Grundsätzlich wünschen sich viele Arbeitnehmer Steuerentlastung, mehr Lebensqualität, eine bessere Infrastruktur und mehr Sicherheit.Was sagt das über Deutschland aus, dass gerade viele Gutverdiener über Auswanderung nachdenken?Meiner Meinung nach geht es bei dem Thema sehr stark um Kaufkraft. Die Fachkräfte verdienen in Deutschland gutes Geld – die Frage ist nur: Was kann man sich mit dem Haushaltsnettoeinkommen tatsächlich leisten? Wer etwas gereist ist und gesehen hat, welche Möglichkeiten das Ausland bietet, merkt, dass die Lebensqualität mit dem gleichen Geld im Ausland oft deutlich höher sein kann.Auswandern Fünf Punkte, die Auswanderer beim neuen Wohnort beachten sollten Viele Deutsche wollen wegen Bürokratie und hoher Steuern ihre Heimat verlassen. Wer auswandern will, sollte seinen Wohnort mit Bedacht wählen. von Martin GerthSie sprechen von Lebensqualität – hat sich auch die Haltung zur Arbeit verändert?Früher sind die Leute arbeiten gegangen, um an Lohn und Brot zu kommen. Heute erwarten gerade jüngere Generationen mehr: eine gute Lebensqualität, ein Leben nach der Arbeit. Social Media und Remote-Arbeit machen zudem sichtbarer, was woanders möglich ist.Wie steht es also um Deutschland als Arbeits- und Lebensort? Deutschland bietet immer noch viele Vorteile. Aber es ist auch so, dass Systeme nicht mehr so funktionieren wie früher. Dazu kommen Themen wie Bürokratie und eine Infrastruktur, auf der man sich lange ausgeruht hat. Ich glaube nicht, dass Deutschland schlecht ist – aber andere Länder sind deutlich besser geworden und an uns vorbeigezogen.Welche Berufsgruppen zieht es besonders ins Ausland?Sehr stark sieht man die Entwicklung bei Ingenieuren. In der Automotive-Industrie gab es auch zuletzt Bewegungen in Richtung China, wo sehr stark um deutsche Ingenieure geworben wurde. IT-Spezialisten sind in den letzten Jahren ebenfalls stark ausgewandert. Und was oft unterschätzt wird, sind Unternehmer. Da geht nicht nur eine einzelne Fachkraft – da zieht unter Umständen ein ganzes Unternehmen um. Dann stellt sich die Frage, wie viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse damit verloren gehen.Tschüss, Deutschland! Sorge über Wohnraum und Rente treibt junge Menschen ins Ausland Jeder fünfte Bundesbürger unter 30 hegt Pläne, auszuwandern. Was sind die Gründe? Und was bedeutet das für die Wirtschaft? von Dominik ReintjesWarum zieht es Deutsche gerade in diese Länder?Häufig ist es ein Gesamtpaket, das den Ausschlag gibt. Dazu gehört ein Vergütungsmodell mit großem Gehaltssprung – die Länder scheuen diese Investition nicht. Gleichzeitig nehmen sie Angst vor Veränderung: Agenten suchen die passende Immobilie, Kindergärten werden vorgestellt, internationale Schulen angeboten, im besten Fall mit deutschem Unterricht. Außerdem übernehmen Unternehmen oder Staaten teilweise Visa-Prozesse. Das macht den Schritt ins Ausland deutlich einfacher.Was können denn deutsche Arbeitgeber konkret tun, um Leute zu halten?Sie müssen die Benefits des internationalen Marktes verstehen und eine Brücke bauen: Der Mitarbeiter bleibt, bekommt aber Möglichkeiten, die ihm wichtig sind. Die Lösungen sehen je nach Branche unterschiedlich aus. In einer digitalen Agentur kann grundsätzlich jeder mit Laptop von überall arbeiten. Dann kann man Modelle wie Workation anbieten. In Bereichen wie der Pflege geht das nicht, da geht es dann eher um eine bessere Vergütung und Zuschläge, die am Ende wirklich beim Mitarbeiter ankommen. Wichtig sind individuelle Lösungen und Gespräche.Und die Politik: Was kann in Berlin getan werden, um die Abwanderung zu reduzieren?Deutschland muss für Wirtschaftswachstum sorgen – das ist essenziell. Und ja, in Deutschland muss mehr gearbeitet werden. Aber Arbeiten muss auch wieder attraktiver gemacht werden. Bessere Infrastruktur, Perspektiven und Lebensqualität. Das sind die wichtigen Punkte, die Menschen im Land halten.
Arbeitsmarkt: „Deutsche Auto-Ingenieure sind in China sehr gefragt“
Immer mehr deutsche Gutverdiener liebäugeln mit einem Job im Ausland. Viele Staaten locken mit niedrigen Steuern und Angeboten für die Familie, sagt Curato-CEO Sultan Wairach.








