Drohnenüberflüge verunsichern auch die Schweiz. Laut einem ETH-Forscher wird Russland oft vorschnell beschuldigtRegelmässig sorgen unbekannte Drohnen über kritischen Infrastrukturen für Aufregung – so kürzlich auch in der Schweiz. Ein ETH-Forscher hat solche hybride Aktionen analysiert und mahnt: Man dürfe Moskau nicht überschätzen.14.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIm Mai haben Kampfsoldaten der Schweizer Armee mit Drohnen geübt.Gian Ehrenzeller / KeystoneVerdeckte Angriffe, etwa mit Drohnen, sind eine wachsende Bedrohung für europäische Staaten. Zu diesem Schluss ist Ivo Capaul, Forscher am Center for Security Studies der ETH Zürich, gekommen. Er hat verschiedene Datensätze zu europäischen Vorfällen ausgewertet und dazu letzte Woche eine Analyse veröffentlicht mit dem Namen «Blind im Graubereich: Einordnung eines hybriden Lagebilds». Bei den analysierten Daten geht es nicht nur um Drohnenflüge, sondern etwa auch um Cyberangriffe, Desinformation, Sabotage oder gezielte Tötungen. Gemäss Capaul zeigen die Daten eine klare Tendenz: Seit dem Überfall auf die Ukraine 2022 haben hybride Aktionen in Europa deutlich zugenommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei Vorfällen zeigt der Finger meist schnell nach Moskau. Einige Beispiele der vergangenen Monate: Im Mai gab es allein in Lettland ein halbes Dutzend Zwischenfälle mit Drohnen – es soll sich um Vergeltungsschläge Moskaus infolge ukrainischer Drohnenangriffe gehandelt haben. In der litauischen Hauptstadt Vilnius kam es zu Luftalarm wegen einer Drohne. Der Flughafen wurde zeitweise gesperrt, ebenso der Bahnverkehr. Zwar soll es sich um ukrainische Drohnen gehandelt haben, doch sie sollen von der russischen Luftverteidigung abgelenkt worden sein und deshalb in den Luftraum eines Nato-Staates eingedrungen sein. Und in der Schweiz hat vor gut einer Woche eine Aussage des Chefs der Armee für Schlagzeilen gesorgt: Eine Drohnenformation soll über eine Militäranlage gesteuert worden sein. Der «Blick» titelte: «War es Russland?»Oft nur wenige gesicherte InformationenGemäss der Analyse des ETH-Forschers Capaul sehen einige Analysten aufgrund der Datenlage eine eskalierende Krise mit drastischen Folgen für den Kontinent. Andere betonten, wie wenig die bisherigen hybriden Angriffe tatsächlich bewirkt hätten.Capaul erklärt den Widerspruch mit mangelnden Informationen. Man schreibe Vorfälle Moskau zu, die sich nicht zweifelsfrei zurückverfolgen liessen. Der Forscher verweist auf den vergangenen Herbst. Erst drangen rund zwei Dutzend nachweislich russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Kurz darauf legten unbekannte Objekte die Flughäfen von Kopenhagen und Oslo stundenlang lahm.Die Analyse von Capaul relativiert den Alarm: In der Mehrheit der Fälle sei unklar, ob es sich tatsächlich um hybride Angriffe Russlands gehandelt habe. Von 61 registrierten Drohnensichtungen liessen sich lediglich 3 zweifelsfrei Moskau zuschreiben.Allerdings liegt es in der Natur verdeckter Operationen, Spuren zu verwischen und Unsicherheit zu säen. Das weiss auch der Forscher. Doch er mahnt: Wer Moskau jedes ungeklärte Flugobjekt am Himmel anlaste, lasse den Kreml wirkmächtiger erscheinen, als er sei. Angst zu schüren, gehöre zum russischen Kalkül. Wenn ein paar Flüge genügten, um Europa glauben zu lassen, Moskau könne nach Belieben kritische Infrastrukturen attackieren, sei der Effekt dieser Angriffe überproportional. Die Daten belegten das nicht, so Capaul.Gegen die Verunsicherung helfen laut dem ETH-Forscher vor allem zwei Dinge: rasche Aufklärung bei Vorfällen und eine transparente Kommunikation der Behörden. Wie das aussehen könne, zeige das Beispiel Belgien. Im vergangenen Herbst beunruhigten diverse Drohnensichtungen das Land. Es gab Luftraumsperrungen, nächtliche Suchaktionen, Polizeieinsätze – doch die Sichtungen der Menschen konnten nicht verifiziert werden. Die Behörden setzten schliesslich ein System ein, das Drohnen orten, identifizieren, notfalls auch verfolgen und abschiessen kann. So kehrte Ruhe ein, obschon das System aus Kostengründen nicht fix an allen Hochrisikostandorten installiert wurde. Doch diverse Vorfälle konnten aufgeklärt werden, bei denen Menschen fälschlicherweise Objekte oder Vögel vom Boden aus für Drohnen gehalten hatten.Eine Drohnenformation über einer Schweizer KaserneAls der Chef der Armee, Korpskommandant Benedikt Roos, kürzlich von Drohnenformationen über einer militärischen Anlage sprach, gab es kaum Informationen dazu. Wo die Drohnen gesichtet wurden, hält die Armee aus Sicherheitsgründen geheim, wie SRF schreibt. Tamedia-Zeitungen sprechen von der Kaserne Jassbach im Emmental. Dort betreibt die Armee das Ausbildungszentrum für Cyberabwehr und Funkaufklärung. Der «Sonntags-Blick» will dagegen von einem «hochrangigen Armee-Angehörigen» wissen, dass es sich um Drohnen über dem Chemielabor Spiez gehandelt habe. Das Labor ist auf atomare, biologische und chemische Bedrohungen spezialisiert. Es war bereits früher Teil einer Spionagegeschichte: Im Frühling 2018 wurden der ehemalige russische Agent Sergei Skripal und seine Tochter in England vergiftet. In Spiez soll eine Probe des verwendeten Gifts Nowitschok untersucht worden sein. Wenig später flogen in Den Haag zwei Spione des russischen Militärdienstes GRU auf. In ihrem Gepäck: Zugtickets in die Schweiz und Pläne für das Labor Spiez. Ihr mutmasslicher Auftrag: die Spuren der Vergiftung im Berner Oberland verwischen.Im Fall der angeblichen Drohnenformation über einem Schweizer Militärgelände weiss die Armee selbst nicht, woher die Drohnen gekommen sind. Capaul würde sicherheitsrelevanten Akteuren wie Armee oder Polizei als ersten Schritt empfehlen, ihre Aufklärungsfähigkeiten auf- beziehungsweise auszubauen. Überhaupt zu wissen, ob und von wem man angegriffen werde, sei zentral. Je mehr Informationen man habe, desto kleiner sei auch der kommunikative Schaden, sagt der Forscher. Wer Angriffe schnell aufklären könne, signalisiere den eigenen Bürgern zudem: Der Staat behält die Kontrolle. Das schaffe Vertrauen und stärke die Glaubwürdigkeit. Einem Aggressor zeige man zudem, dass verdeckte Angriffe abgewehrt werden könnten – und Leugnen zwecklos sei.Gegenwärtig ist die Schweizer Armee bei Drohnen allerdings nahezu blind. Bislang verfügt sie über genau ein neues teilmobiles System. Es stand Mitte Juni beim G-7-Gipfel im Einsatz. Mit der neuen Armeebotschaft will das Militär weitere Systeme beschaffen. Etwa eines gegen Minidrohnen, das unterschiedlich einsetzbar sein soll. Mit Störsendern, sogenannten «Jammern», oder Lasern sollen Flugobjekte identifiziert und unschädlich gemacht werden. Welches System konkret beschafft wird, ist noch unklar. Da sich die Technik extrem schnell entwickelt, will die Armee erst kurz vor der Einführung 2028 entscheiden, welche Komponenten es brauchen wird.Zudem sollen verschiedene Abwehrsysteme gekauft werden, die Drohnen mithilfe von Radaren erkennen und abschiessen können. Der Ständerat hat die Armeebotschaft 2026 bereits bewilligt, der Nationalrat entscheidet voraussichtlich im Herbst.Passend zum Artikel
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