KommentarEs lohnt sich, auf technische Lösungen zu warten, die sowohl unsere Kinder wie auch unsere Daten schützen. Politiker sollten bei Alterskontrollen nichts überstürzen.13.07.2026, 14.17 Uhr3 LeseminutenEchter Jugendschutz wahrt die Privatsphäre der Jugendlichen.Ikvyatkovskaya / ImagoImmer mehr Länder führen Alterskontrollen im Internet ein. Auch die EU-Kommission eruiert gerade, auf welchen Websites und mit welchen Mitteln Altersüberprüfungen im Netz vorgeschrieben werden sollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grundsätzlich ist das richtig. Es kann nicht sein, dass Kindergartenkinder Zugriff auf Pornografie haben. Oder dass sich Erwachsene in Onlineforen als Jugendliche ausgeben und sich an andere Minderjährige heranmachen, sie missbrauchen oder erpressen.Aber die Art und Weise, wie Alterskontrollen im Internet gerade durchgesetzt werden, ist haarsträubend. In Australien und Grossbritannien verlangen soziale Netzwerke und Pornografie-Websites nun beim Log-in ein Foto einer offiziellen ID oder eines Passes. Oder sie lassen ihre Nutzer ein Selfie aufnehmen und schätzen mit einer Bildanalyse-KI das Alter der Menschen ein.Der Eingriff in die Privatsphäre der Nutzer ist massiv. Schliesslich lagern die Plattformen die Altersprüfung oft an einen Drittanbieter aus. Nutzer geben sensitive biometrische Daten wie ihr Gesicht, ihren Namen und ihr Geburtsdatum also nicht nur an die Plattform, deren Dienste sie nutzen wollen, sondern auch an andere Unternehmen, die sie meist nicht kennen. Für die Einzelperson wird es damit zunehmend unmöglich, abzuschätzen, wer ihre Daten speichert und bearbeitet.Je nach Plattform hat die Datenspur Potenzial für Missbrauch. Geraten zum Beispiel Daten von Pornografie-Sites in die Hände von Kriminellen, könnten Erpresser damit drohen, die Pornografiepräferenz und das Ausweisbild an Arbeitgeber oder Familienmitglieder zu schicken, wenn kein Lösegeld bezahlt wird.Im Grunde muss jeder mit solchen Attacken rechnen. Dies illustriert der Fall des sozialen Netzwerks Discord: Dessen Anbieter für Alterskontrollen, ein unbekannter Drittanbieter namens 5CA, wurde vor ein paar Monaten gehackt. Danach landeten Tausende Fotos von Ausweispapieren im Darknet. Discord spricht von 70 000 betroffenen Profilen.ID-Informationen im Darknet sind keine Lappalie. Sie ermöglichen Identitätsmissbrauch. Zum Beispiel können Betrüger auf Secondhand-Plattformen Inserate unter falschem Namen schalten. Falls Käufer misstrauisch werden und nach einem Nachweis fragen, schicken die Betrüger das Foto des gestohlenen Ausweises. Das Geld fliesst in der Folge an die Kriminellen. Aber die Anzeige wegen Betrugs wird sich am Ende doch gegen den Besitzer der ID richten – obwohl der nichts mit dem Inserat zu tun hatte.Es gäbe bereits bessere LösungenDie Misere bei den Alterskontrollen ist unnötig. Sowohl die Schweiz wie auch die EU entwickeln gerade Systeme, mit denen Websites das Alter ihrer Nutzer privatsphärenkonform überprüfen können. Wer eine solche E-ID nutzt, muss Pornografie-Websites oder sozialen Netzwerken weder seinen Namen noch sein Geburtsdatum verraten. Es reicht, wenn die E-ID den Fakt offenlegt, dass der Nutzer älter ist als sechzehn.Sollte die Website mehr Informationen abfragen als die, die unbedingt nötig sind, kann der Nutzer die Site melden, zumindest im Schweizer System. In der E-ID-App kann der Nutzer ausserdem jede Information einzeln freigeben, die die Websites anfordern. Damit behält er die Kontrolle darüber, welche Informationen er mit welcher Website teilt.Die E-ID schützt damit die Jugend wie auch die Privatsphäre aller Nutzer. Denn eins ist klar: Jugendschutz und Datenschutz dürfen sich nicht widersprechen. Jugendschutz funktioniert nicht mit dem Holzhammer des ID-Uploads, wie er sich gerade ausbreitet.Echter Jugendschutz wahrt die Privatsphäre der Jugendlichen. Anstatt schnelle Lösungen zu fordern und damit den Datenschutz zu opfern, sollten Politiker auf die technische Umsetzung der Dienste warten, die sowohl unsere Daten wie auch unsere Kinder schützen. Alles andere ist kurzsichtig und schafft mehr Probleme, als es löst.Passend zum Artikel