M»Mein Sohn, elf Jahre alt, und sein Freund sammeln am Wochen­ende manchmal hier im Stadtviertel Pfandflaschen und bringen sie zum Supermarkt. Da kommt durchaus eine stattliche Summe zusammen, neulich zum Beispiel zehn Euro. Ich möchte das eigentlich nicht, weil ich weiß, dass viele Menschen Pfandflaschen sammeln und sich ihr mickriges Geld damit aufbessern. Ich habe den Eindruck, wenn die beiden aus Spaß sammeln, um sich davon ein bisschen was am Kiosk zu kaufen, nimmt man anderen Menschen, die es nötig haben, eine Einkommensquelle weg. Sollte ich mich da lockermachen, oder ist an meinen Bedenken was dran?« Vera P., MünchenWenn Sie meine unmaßgebliche Meinung dazu hören wollen, können Sie sich hier ruhig lockermachen. Lassen Sie den Kindern doch den Spaß, sich ihr eigenes Geld zu verdienen. Das ist ja auch etwas, das fördernswert ist. Nicht immer nur am Handy zu hängen wie all die anderen Kinder, sondern mit Fleiß einer Aufgabe nachzugehen, die dann belohnt wird, und das Ganze auch noch an der frischen Luft. Gegen Belohnung für Fleiß ist doch hoffentlich nichts zu sagen. Und ihr Einsatz kommt sogar dem Gemeinwohl zugute. Die beiden verdienen sich ja nichts dazu, indem sie irgendeine Firma gründen, die auf dem gewinnbringenden Prinzip der Ausbeutung Schwächerer ba­siert. Nein, wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn und so viele andere reale Kinder zu allen Zeiten stromern sie auf eigene Faust durch die Nachbarschaft, machen sich nützlich und bessern sich damit ihr Taschengeld auf.Sie können den beiden ja ihre Gedanken mitteilen, vielleicht sind es zwei irrsinnig gutmütige, feinfühlige Jungen, die daraufhin ihr Flaschenpfand – oder einen Teil-betrag davon – spenden möchten. Aber als freie Entscheidung. Oder vielleicht möchten sie dann ihre gesammelten Flaschen jemandem übergeben, der das Geld nötiger hat. Es gibt ja Kinder, die, wenn sie erst einmal verstehen, wie ungerecht die Welt ist, ein bisschen dazu beitragen möchten, dass es besser wird. Aber spenden wir denn all unser Pfandgeld an Obdachlose? Oder benehmen uns immer so, dass wir uns durch nichts selbst bereichern? Warum sollte man Kinder dann um ihren ersten, selbst erarbeiteten Lohn bringen? Und um das Glück, sich selbstständig am Kiosk ungesunde süß-saure Sachen zu kaufen? Und wäre es nicht fatal, wenn Kinder, die das Glück haben, privilegiert aufzuwachsen, nicht lernen, dass man für sein Geld auch selbst arbeiten muss?Johanna Adorján Illustration: Grafilu