PfadnavigationHomeGeschichteMarien-Erscheinung 1876„Alles ohne Ausnahme war eine einzige große Lüge“Von Antonia KleikampStand: 11:13 UhrLesedauer: 6 MinutenEine zeitgenössische Illustration der Madonnenerscheinung von MarpingenQuelle: Literaturland SaarAm 13. Juli 1876 trieben preußische Soldaten mehrere Tausend Pilger im Härtelwald bei Marpingen mit Bajonetten auseinander. Drei Mädchen hatten von einer Marien-Erscheinung berichtet, der kleine Ort im Saargebiet wurde ein Wallfahrtsort – dann gab es ein Geständnis.Die Behörden waren alles andere als erfreut. Weil der königlich-preußische Landrat Karl Hermann Rumschöttel, zuständig für das Amt St. Wendel im Saargebiet, im Sommerurlaub weilte, ärgerte sich sein Kreissekretär Hugo Besser stellvertretend. Zusammen mit dem zuständigen Bürgermeister Wilhelm Woytt reagierte er völlig überzogen – und versuchte, mit einigen Gendarmen etwa 4000 Pilger zur Auflösung ihrer nicht genehmigten Versammlung im Härtelwald zu bewegen.Als das natürlich misslang, schickten Besser und Woytt ein Telegramm an die nächste Armeegarnison in Saarlouis und ersuchten um militärischen Beistand. Daraufhin traf am Mittag des 13. Juli 1876 die 8. Kompanie des 4. Rheinischen Infanterieregiments mit 94 Mann in St. Wendel ein. Ihr vorgesetzter Offizier, Hauptmann Paul von Fragstein-Riemsdorff, ließ sich die Lage erläutern. Am späten Nachmittag marschierten die Soldaten die rund zehn Kilometer zum Härtelwald querfeldein und näherten sich gegen acht Uhr abends den hier versammelten Gläubigen, Die Trommler der Kompanie machten sich per Wirbel bemerkbar – doch das Signal löste bei den Soldaten Verwirrung aus, denn es konnte auch bedeuten, ihre Gewehre durchzuladen und schussbereit zu machen. Die Menge sang derweil: „Maria hilf’, vernichte unsere Feinde.“ Dann begann die 8. Kompanie, die Menge mit aufgesetzten Bajonetten auseinanderzutreiben – sie sprengte die Versammlung. Die „Kölnische Volkszeitung“ kommentierte, das preußische Militär habe sich „benommen wie in Feindesland“.Der Armee-Einsatz beruhigte die Lage keineswegs – im Gegenteil: Marpingen wurde besonders im katholischen Teil Europas zum Symbol für die Unterdrückung der (nach eigenem Verständnis einzig wahren) Kirche durch die protestantische Staatsmacht. Tausende Besucher kamen in das verschlafene Dorf westlich von Kaiserslautern; selbst katholische Hochadlige erschienen, um den Ort des Geschehens mit eigenen Augen zu sehen. Die Behörden, nun wieder unter Leitung von Landrat Rumschöttel, der sicher nicht zu den liberalen Vertretern seines Standes zählte, setzten weiter auf Repression. Der örtliche Pfarrer sowie mehrere Einwohner Marpingens wurden verhaftet und intensiv befragt – was wiederum zu Auseinandersetzungen im Preußischen Landtag in Berlin führte. Jahrelang blieb Marpingen, der gerade 1600 Einwohner zählende kleine Ort, in den deutschen und teilweise internationalen Schlagzeilen. Lesen Sie auchWas hatte den Kreissekretär und den Hauptmann zu ihrer scharfen Reaktion gebracht, die ihr Vorgesetzter deckte und fortsetzte? Was war in der hügeligen Landschaft des nördlichen Saarlands überhaupt vorgefallen, dass sich die Situation so zugespitzt hatte?Anfang Juli 1876 hatte in Marpingen wie in jedem Jahr die Heuernte angestanden. Die Arbeit begann stets im Morgengrauen, und alle Hände wurden gebraucht, weshalb auch größere Kinder mitarbeiten mussten: Die Dorfschule hatte „Heuferien“. Wer noch zu klein war, wurde zum Sammeln von Beeren in den Wald geschickt.Am 3. Juli, einem heißen Montag, suchten einige kleine Mädchen im Härtelwald, wenige Gehminuten vom Dorf entfernt, nach Blaubeeren. Sie waren zu fünft: Katharina Hubertus, Susanna Leist und Margaretha Kunz, alle acht Jahre alt, sowie Katharinas sechsjährige Schwester und ein gleichaltriges Kind. Lesen Sie auchPlötzlich schrie Susanna Leist auf; Katharina und Margaretha liefen zu ihr. Alle drei sahen eine „weiße Gestalt“, eine Frau mit einem Kind auf dem Arm, zwischen den Bäumen schweben. Erregt und verängstigt kamen die Mädchen heim. Zunächst nahmen die Eltern ihren Bericht wohl nicht weiter ernst. Doch die drei Kinder beschäftigte ihr Erlebnis: Margaretha schlief schlecht, Katharina träumte von der weißen Frau, und Susanna wollte gar nicht ins Bett gehen. Am nächsten Tag kehrten sie zu der Stelle zurück, um zu beten. Ihrer Aussage zufolge erblickten, nachdem sie drei Vaterunser gemurmelt hatten, Margaretha und Katharina die Erscheinung erneut – nicht jedoch Susanna.Lesen Sie auchBald kamen auch die ersten Erwachsenen in den Härtelwald, beteten – und sahen die weiße Frau mit Kind, die sie „eindeutig“ als Jungfrau Maria erkannten. Dann sprach man von „Wunderheilungen“, die am Ostrand des Dorfes Marpingen stattgefunden hatten. Binnen weniger Tage strömten Tausende Pilger in den Ort, nach Schätzungen allein in der ersten Woche bis zu 20.000 Besucher; bis zu 4000 Menschen beteten gleichzeitig an dem Weg; inzwischen stand auch ein erstes improvisiertes Kreuz. Marpingen war auf dem Weg zum „deutschen Lourdes“. Dort in Südwestfrankreich hatte 1858 eine Madonnenerscheinung für einen wahren Pilgerboom und starke Ausbrüche von Volksfrömmigkeit gesorgt. Um den 10. Juli 1876 erfuhren die preußischen Amtsträger von St. Wendel von den Ereignissen in Marpingen. Schon seit 1834 gehörte der Landkreis zum Königreich Preußen, war seinerzeit von Sachsen-Coburg verkauft worden. Doch mit der gut katholischen Provinz weit im Westen fremdelte die protestantische Verwaltung in Berlin und dem regionalen Zentrum Trier. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 spitzte sich dieses Gefühl zur Konfrontation zwischen der katholischen Minderheit im Westen und der protestantischen Mehrheit im Osten zu. Reichskanzler Otto von Bismarck nutzte den politischen Katholizismus, als „Ultramontanismus“ wegen der Verbindung zum Papsttum jenseits der Berge geschmäht, als Gegner, um die (National-)Liberalen an seine Seite zu holen. Als „Kulturkampf“ ging die Auseinandersetzung in die Geschichte ein.Nach dem Militäreinsatz am 13. Juli wurden die drei Mädchen ihren Eltern weggenommen und in ein protestantisches Waisenhaus gebracht. Hunderte Dorfbewohner verhörte man, der Zugang in den Härtelwald wurde gesperrt und von Polizisten bewacht. Wer sich dagegen wehrte, wurde festgenommen. Aus Berlin reiste ein Kriminalbeamter namens Leopold Friedrich Wilhelm von Meerscheidt-Hüllessem an, der sich in Marpingen als irisch-katholischer US-Journalist des „New York Herald“ ausgab – natürlich mit den entsprechenden Papieren. Der Verdacht seiner Vorgesetzten: Bei den Marienerscheinungen handele es sich um die Folgen einer klerikalen Beeinflussung von Frauen und Kindern. Dafür sollte Meerscheidt-Hüllessem Beweise sammeln – notfalls auch als „agent provocateur“, seinerzeit bei polizeilichen Ermittlungen noch eine gern genutzte Methode. „Im Fall Marpingen haben wir es mit kleinen Mädchen zu tun, die gerade mit dem Katechismusunterricht begonnen hatten, unterwiesen von einem Gemeindepriester, der ein eigenes Ölbildnis der Jungfrau mit dem Kind in der Dorfkirche aufgehängt hatte“, schreibt der britische Religionshistoriker David Blackbourn, der 1997 eine umfangreiche Studie über die „Marienerscheinungen in Marpingen“ publiziert hat. Bei aller Sympathie für die Pilger meint der Experte, an der „von Amtspersonen und Liberalen erhobenen Beschuldigung“ sei „also doch etwas Wahres“ gewesen.Gleichwohl musste der preußische Staat in Gestalt von Landrat Rumschöttel dem lokalen Ausbruch von Volksfrömmigkeit schließlich nachgeben. Die verhafteten Erwachsenen wurden freigelassen, mehrere Gerichtsverfahren gingen zuungunsten der Staatsanwaltschaft aus.Susanna Leist starb schon 1882 im Alter von 14 Jahren, während Katharina Hubertus Nonne wurde und immerhin bis 1904 lebte. Margaretha Kunz gestand als Novizin einer Schwesternschaft bei der Osterbeichte 1887, dass sie über ihr Erlebnis bei Marpingen gelogen habe. Am 26. Januar 1889 schrieb sie eigenhändig (das Schriftstück liegt im Bistumsarchiv Trier): „Ich bin eines der drei Kinder, die vor beinahe dreizehn Jahren in Marpingen das Gerücht ausstreuten, die Muttergottes gesehen zu haben, und muss leider das tief demütigende Geständnis machen, dass alles ohne Ausnahme eine einzige große Lüge war.“Inzwischen kamen nur noch ganz vereinzelt Pilger in den Härtelwald. Erst Anfang der 1930er-Jahre wurde am Ort der (vermeintlichen) Erscheinung eine richtige Kapelle mit Marienquelle und einem Standbild errichtet. 1934 griff der katholische NS-Gegner Friedrich Ritter von Lama das Thema wieder auf, um indirekt gegen den neuen Kirchenkampf der Hitler-Regierung zu protestieren.1999 gab es angeblich erneute Marienerscheinungen in Marpingen, die tausende Pilger in den Härtelwald lockten; die katholische Kirche erkannte die Wiederholung nicht als Wunder an. Trotzdem gibt es heute eine offiziell gepflegte Kapelle und im Ort Hinweisschilder zur Marienerehrungsstätte Härtelwald. Die Behörden stört es längst nicht mehr.
Marien-Erscheinung 1876: „Alles ohne Ausnahme war eine einzige große Lüge“ - WELT
Am 13. Juli 1876 trieben preußische Soldaten mehrere Tausend Pilger im Härtelwald bei Marpingen mit Bajonetten auseinander. Drei Mädchen hatten von einer Marien-Erscheinung berichtet, der kleine Ort im Saargebiet wurde ein Wallfahrtsort – dann gab es ein Geständnis.






