Bei digitaler Souveränität geht es nicht um Unabhängigkeit von den USA, sondern um das Ende der grossen SorglosigkeitDie Politik Donald Trumps hat in Europa eine Debatte über die digitale Abhängigkeit von den USA ausgelöst. Das ist gut, denn es braucht eine Veränderung. Doch Antiamerikanismus hilft nicht weiter.13.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie USA dominieren das Internet. Europa kann nicht unabhängig werden, muss aber seine Stärken strategisch ausspielen.Jon Cherry / APDie Aufregung war gross, als die amerikanische Regierung vor wenigen Wochen das neuste KI-Modell der Firma Anthropic sperren liess. Aus Gründen der nationalen Sicherheit durften keine Ausländer mehr darauf zugreifen. Anthropic nahm das Modell vorübergehend ganz vom Markt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser Entscheid wurde weitherum als Beleg dafür gesehen, dass Europa unabhängiger von den USA werden müsse – und eigene KI-Modelle entwickeln solle. Künstliche Intelligenz wird zur Frage der digitalen Souveränität, so lautet das Credo.Doch diese Sichtweise ist falsch. Sie reduziert die Frage der digitalen Souveränität auf die Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Konzernen. Diese einseitige Sicht ist nicht nur naiv, sondern auch gefährlich. Denn sie versperrt den Blick darauf, dass es bei digitaler Souveränität um weit mehr geht als um Politik und die USA. Es geht um die Gefahr der Sorglosigkeit.In friedlichen Zeiten brachte die Vernetzung viele VorteileEuropa ist heute technologisch abhängig von den USA, aber auch von China. Die elektronische Hardware kommt aus chinesischen Fabriken, die Software und Online-Dienste stammen von amerikanischen Tech-Unternehmen. Dass es so weit gekommen ist, hat gute Gründe.Das Aufkommen des Internets ab Ende der 1990er Jahre fiel mit der Globalisierung und dem zunehmenden Freihandel zusammen. Kurz zuvor war die Sowjetunion zusammengebrochen. Es herrschte der Glaube vor, dass die Welt nun friedlicher und demokratischer werden würde. Zusammenarbeit war bedenkenlos.Das Internet wurde amerikanisch dominiert, gerade in Europa. Diese technologische Abhängigkeit war kein Problem. Das hat sich geändert. Die USA und China befinden sich im Handelskrieg, Russland hat die Ukraine angegriffen, und China unterstützt mit seiner Technologie andere autokratische Staaten.Ein Zeitalter der Konflikte hat begonnen. Das Vertrauen zwischen den Handelspartnern ist weg. Globale Wirtschaftsbeziehungen werden damit zum Risiko. Technologien sind eine Frage der nationalen Sicherheit geworden, bei der sich die Politik einmischt.Die Sperre des neuesten KI-Modells von Anthropic ist ein Beispiel dafür. Schon vor Jahren verbannte Washington die Technologie von Huawei und anderen chinesischen Firmen aus seinen Telekomnetzen. Die Angst vor Spionage war zu gross.Europa ignorierte die geopolitischen Risiken langeEuropa verhielt sich lange sorglos. Die wirtschaftliche und technologische Vernetzung sollte apolitisch bleiben. Washingtons Misstrauen gegenüber dem chinesischen Unternehmen Huawei wurde als übertrieben abgetan. Gleichzeitig ignorierte die Politik, als 2013 die Snowden-Dokumente publik wurden, dass die USA ihre technologische Macht zur Überwachung nutzen – auch gegen ihre europäischen Verbündeten.Das Vertrauen in die USA blieb bestehen. Europa hatte gar keine andere Wahl. Gerade sicherheitspolitisch war der Kontinent auf die Schutzmacht Amerika angewiesen.Das änderte sich erst mit Donald Trumps Wiederwahl Ende 2024. Er stellte die transatlantische Beziehung grundsätzlich infrage. Und er signalisierte gar, dass die liberalen Demokratien Europas und die EU zum Gegner der USA werden könnten.Das grenzenlose Vertrauen der Europäer in die USA war damit weg. Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Technologien kamen auf. Dass die Tech-Konzerne nach Trumps Wiederwahl eine grosse Nähe zum neuen Präsidenten suchten, verstärkte diese Entwicklung noch.Digitale Souveränität ist heute das neue Schlagwort in Europa. Doch die Debatte wird falsch geführt. Sie hat eine antiamerikanische Schlagseite, weil Trump mit seinem transatlantischen Epochenwandel der Auslöser war. Hinzu kommt die Abneigung gegenüber amerikanischen Tech-Konzernen in gewissen Kreisen. Das führt zur naiven Forderung nach weitgehender Unabhängigkeit von den USA.Die Debatte ist aber deswegen nicht unnütz. Europa muss über Abhängigkeiten und seine Selbständigkeit nachdenken. Doch das Thema braucht eine breitere Betrachtung. Denn weltweit gilt: Die digitale Sorglosigkeit ist zu Ende.Politische Unberechenbarkeit ist zum Risiko gewordenTechnologische Unabhängigkeit ist ein Mythos. Die Globalisierung ist nicht am Ende. Selbst rivalisierende Länder wie China oder die USA sind aufeinander angewiesen. Das hat sich etwa im vergangenen Jahr beim Zollstreit gezeigt, als China seine Exporte kritischer Mineralien einschränkte, auf welche westliche Industrien angewiesen sind. Die Produktion von elektronischen Komponenten war gefährdet.Geopolitische Spannungen und Handelskonflikte führen dazu, dass der Freihandel stockt und eingeschränkt wird. Viele Unternehmen diversifizieren deshalb ihre Lieferketten. Sie wollen nicht mehr nur von einem Hersteller abhängig sein. Die Verzahnung der Welt wird enger. Das sollte auch für Technologie gelten.Digitale Unabhängigkeit kann nicht das Ziel sein. Sie ist faktisch kaum realisierbar – oder wenn, dann ist sie mit grossen Nachteilen verbunden, etwa bei Qualität und Sicherheit. Ein Alleingang ist aber auch nicht nötig. Entscheidend ist es, die Kontrolle zu behalten und handlungsfähig zu bleiben. Souveränität bedeutet Selbstbestimmung im Handeln. Diversifizierung ist ein Mittel dazu.Wer die politische Überhöhung weglässt, landet bei der Frage nach digitaler Souveränität rasch bei zwei grundlegenden Konzepten der Unternehmensführung: beim Risikomanagement und beim Business-Continuity-Management, also dem Gewährleisten des unterbruchsfreien Betriebs. Jedes Unternehmen muss sich mit den Fragen beschäftigen, welche Risiken seinen Betrieb gefährden und wie ein Weiterbetrieb sichergestellt werden kann. Das gilt unabhängig von der politischen Aktualität.Dass Europa stark von amerikanischen Cloud-Anbietern abhängig ist, stellt zum Beispiel ein Risiko dar. Nicht unbedingt für ein einzelnes Kleinunternehmen, aber für staatliche Behörden, für kritische Infrastrukturen oder für sensible Branchen wie Pharma oder Rüstung. Zudem besteht ein systemisches Risiko: Der Ausfall eines Anbieters würde die Volkswirtschaft eines ganzen Landes schwer beeinträchtigen.Europa muss seine Stärken strategisch ausspielenMit Donald Trump als Präsident hat sich die Bewertung des politischen Risikos geändert. Das Vertrauen in die amerikanische Politik ist angeschlagen. Trump hat mehrfach gezeigt, dass er unberechenbar handelt und dabei auch zu extremen Druckmitteln greift. Die amerikanischen Tech-Firmen sind damit zu einem grösseren Risiko für Europa geworden.Dabei geht es um zwei Szenarien: zum einen um den Zugriff auf Daten, die in der Cloud gespeichert sind oder von amerikanischen Diensten verarbeitet werden. Behörden in den USA könnten diese Informationen abgreifen, im Extremfall auch ausserhalb des vorgesehenen rechtlichen Rahmens. Zum anderen geht es um die Verfügbarkeit der digitalen Dienste. Die USA könnten zum Beispiel die Zusammenarbeit mit bestimmten europäischen Firmen oder Institutionen untersagen.Diese Szenarien sind nicht völlig neu. Gegenüber chinesischen Unternehmen gibt es solche Bedenken schon länger. Eine Antwort auf diese Risiken hat Europa nicht. Hilflose Resignation, wie sie bisher praktiziert wurde, ist jedenfalls keine gute Idee. Die globalen Spannungen nehmen zu. Damit steigt die Gefahr, dass digitale Dienste in den nächsten Jahren als politisches Druckmittel oder für Spionage missbraucht werden.Eine einfache Lösung für diese globale Herausforderung gibt es nicht. Drei Punkte sind jedoch entscheidend, wenn Europa mehr digitale Souveränität erreichen will:Kenntnisse der konkreten Abhängigkeiten: Die Lieferketten komplett zu kontrollieren, ist heute kaum mehr möglich. Sie sind zu komplex geworden. Unternehmen und Organisationen müssen ihre Abhängigkeiten dennoch verstehen. Das ist der erste Schritt, um das Netzwerk der eigenen Zulieferer zu gestalten.Politische Einigkeit in Europa: Für mehr Selbständigkeit und Handlungsfreiheit müssen die europäischen Länder zusammenstehen. Geeint hat Europa das grössere Gewicht, politisch und wirtschaftlich. Nur so kann der Kontinent im zunehmenden Konflikt zwischen den USA und China eine gewisse Eigenständigkeit bewahren.Wille zum strategischen Handeln: Europa hat die Grösse und die technologischen Fähigkeiten, um die digitale Welt mitzugestalten. Es braucht jedoch den nötigen Willen dazu. Europa kann nur selbständiger werden, wenn es seine eigenen Stärken strategisch einsetzt, um politische Ziele zu erreichen. Zaudern ist keine Option.Das neueste KI-Modell von Anthropic ist inzwischen wieder verfügbar, mit zusätzlichen Sicherheitsschranken. Folgen hatte die vorübergehende Einschränkung – entgegen dem grossen öffentlichen Echo – kaum. Das ist wenig überraschend, denn grosse Abhängigkeiten bestehen bei einem neuen Produkt noch nicht.Die Diskussion über die europäische Abhängigkeit von KI-Modellen aus den USA und China zeigt das Missverständnis beispielhaft: Für Europa geht es nicht darum, am Wettlauf um die beste künstliche Intelligenz teilzunehmen. Für Europa ist entscheidend, dass es sich auf die alltägliche Technologie verlassen kann. Das klingt unspektakulär, ist aber schon viel.Passend zum Artikel