Geistlich ist bekannt für seinen Bastelleim. Heute halten die Produkte des Traditionsunternehmens Zähne im KieferDer Wechsel in die Medizintechnik hat sich für Geistlich ausgezahlt. China ist einer der wichtigsten Märkte für die Familienfirma. Jetzt fordert Peking Gegenleistungen.13.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDen Leim mit dem knallroten Verschluss der Marke Geistlich kannte in der Schweiz jahrzehntelang jedes Kind. Er stand in jedem Schulzimmer, und auch zu Hause wurde er vor allem für Bastelarbeiten rege benutzt. In Baumärkten und in Online-Shops ist er bis heute erhältlich, aber die Traditionsfirma Geistlich stellt ihn längst nicht mehr selber her.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Andere Firmen haben die Produktion übernommen und entrichten der Holding der Familie Geistlich Gebühren für die Benutzung der Marke. Der einstige Zürcher Leimproduzent hat sich zu einer Medizintechnikfirma gewandelt, deren Herz im Entlebuch im Kanton Luzern schlägt.Mitglieder der dritten Generation der Eigentümerfamilie Geistlich bei einer Zusammenkunft im Jahre 1928.PDZürcher WurzelnGegründet wurde das Familienunternehmen vor 175 Jahren im Zürcher Stadtteil Riesbach, von wo aus es später nach Schlieren weiterzog. In der Luzerner Gemeinde Wolhusen ist es allerdings auch schon seit über 125 Jahren aktiv.Wegen des Firmenjubiläums hängt derzeit ein riesiges Transparent an der Fassade der Fabrik. Es trägt die Aufschrift «175 Jahre Schweizer Pioniergeist». Geistlich Pharma, wie das Unternehmen heute mit vollem Namen heisst, ist auf die Herstellung von Biomaterialien vorab für die Verwendung in Zahnarztpraxen spezialisiert.Weltweit setzen Zahnärzte das Material als Knochenersatz nach der Extraktion von Zähnen ein. Es wird in das sogenannte Zahnfach – die knöcherne Mulde, in der normalerweise jeder Zahn passgenau sitzt – eingefüllt. Dadurch entsteht ein Gerüst, in das neue körpereigene Knochenzellen einwachsen können. Zugleich wird das Zahnfach so für den späteren Zahnersatz vorbereitet. Viele Patienten erhalten anstelle des entfernten Zahns ein Implantat.Laboranten arbeiten im Labor von Geistlich in Wolhusen (Aufnahme von 1944).Schmidhauser / Photopress-Archiv / KeystoneGewonnen wird das Knochenersatzmaterial aus Rinderknochen. Damit ist der Firma trotz allen Veränderungen eine Konstante geblieben: Die ersten Leime, die Geistlich herstellte, hatten ihren Ursprung ebenfalls in ausgekochten Knochen von Rindvieh. Die synthetisch produzierten Varianten kamen erst später dazu.Aufstieg zum WeltmarktführerDank seinen Biomaterialien gelang dem KMU etwas, was mit dem Bastelleim und anderen Massenprodukten wie Düngemitteln oder Vitaminen, die einst ebenfalls in Wolhusen oder in Schlieren gefertigt wurden, nie zu schaffen war: der Aufstieg zu einem Weltmarktführer. Kein anderer Anbieter sei im Bereich der regenerativen Medizin so global aufgestellt wie Geistlich, sagt der Verwaltungsratspräsident Andreas Geistlich. Es gebe kaum ein Land auf der Welt, in dem die medizintechnischen Produkte von Geistlich nicht verwendet würden.Fabrikarbeiterinnen bei der Arbeit in Wolhusen, wo damals noch Leim hergestellt wurde (Aufnahme von 1944).Schmidhauser / Photopress-Archiv / KeystoneDas Unternehmen sieht sich denn auch als Gewinner der Globalisierung. «Wir erlebten wie grosse Teile der Schweizer Medtech-Branche goldene Zeiten und bauten nach der Jahrtausendwende fast in jedem Jahr in einem weiteren Land eine Tochterfirma auf», sagte Geistlich an einer Festveranstaltung anlässlich des Firmenjubiläums. Allerdings fügte der Patron, der mit mittlerweile 60 weiteren Familienmitgliedern Anteile am Unternehmen hält, augenblicklich hinzu: «Das hat sich komplett gekehrt.»Auch die Firma Geistlich sieht sich wachsenden protektionistischen Strömungen ausgesetzt. Behörden in grossen Märkten wie den USA, China und Brasilien pochen zunehmend darauf, dass Produkte lokal hergestellt werden. Anderenfalls lassen sie die Anbieter bei der öffentlichen Vergütung von Gesundheitskosten links liegen.Was das bedeutet, bekommt Geistlich zurzeit besonders in China schmerzhaft zu spüren. Das Unternehmen versuchte, es jüngst in einem Mediencommuniqué zum Bau einer Fabrik in der Volksrepublik zu beschönigen: «Seit einiger Zeit erfordern Marktzugang, regulatorische Anforderungen und die Lieferkettendynamik eine stärkere lokale Präsenz.»Die Firma hätte aber auch genauso schreiben können: Wir haben keine andere Wahl, als in China eine Fertigungsstätte für unsere Biomaterialien zu errichten. Sonst müssten wir den Markt zu einem grossen Teil Konkurrenten überlassen, die im Land selbst produzieren.Firma mit knapp tausend AngestelltenLaut dem CEO Diego Gabathuler fliessen in den Bau und die Ausstattung des Werks, das 2029 in Suzhou bei Schanghai in Betrieb gehen soll, 10 bis 15 Millionen Franken. Geistlich veröffentlicht keine Geschäftszahlen. Allerdings lässt Gabathuler durchblicken, dass der Umsatz der Firma mit weltweit gegen tausend Angestellten zwischen 300 und 400 Millionen Franken beträgt. Für ein Unternehmen dieser Grösse ist der Aufbau einer chinesischen Produktion ein grosser Schritt. Gabathuler sagt, das Vorhaben beschäftige die ganze Firma.Wie der Firmenchef betont, wird in China alles nach Schweizer Vorbild aufgebaut. Ziel sei es, in der Produktion dieselbe Qualität wie in der Fabrik in Wolhusen zu erreichen. Im Stammwerk, wo auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilung angesiedelt ist, arbeiten 250 Personen. Für die neue Fertigungsstätte in China rechnet Gabathuler mit einem Mitarbeiterbestand im niedrigen zweistelligen Bereich.Geistlich stellt im luzernischen Wolhusen Knochenersatzprodukte vor allem für den Einsatz in Zahnarztpraxen her.PDIn seiner Medienmitteilung zur Expansion im Reich der Mitte beteuert das Unternehmen, Wolhusen bleibe «das Herzstück der globalen Produktion sowie Forschung und Entwicklung». Doch sah sich die Firma angesichts wachsender Beschränkungen bei Exportgeschäften schon gezwungen, auf ein grosses Neubauprojekt am Hauptsitz zu verzichten. Dank Kostenvorteilen könnte Geistlich dereinst auch zu dem Schluss kommen, mehr Mitarbeiter in China einzustellen als bis anhin geplant.Straumann verlagert Stellen von der Schweiz nach ChinaSo erging es Straumann: Der Basler Zahnimplantat-Hersteller, der vom Umsatz her rund siebenmal so gross ist wie Geistlich, verlagerte erst in den vergangenen Monaten 250 Arbeitsplätze aus seiner Fabrik in Villeret im Berner Jura nach China. Ein Firmensprecher begründete auf Anfrage den Schritt mit der «Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit im chinesischen Markt».China ist für Straumann mit einem Umsatzanteil von 15 Prozent zum zweitgrössten Absatzmarkt nach den USA (24 Prozent) aufgestiegen. Bei Geistlich tragen laut dem Präsidenten Andreas Geistlich Geschäfte mit chinesischen Kunden bereits ein Viertel zum Konzernerlös bei.Allerdings erlitt die Entlebucher Firma 2025 wegen hoher Preissenkungen, welche die chinesische Regierung im Vorjahr für Medtech-Produkte im Bereich der Zahnmedizin verordnet hatte, einen starken Umsatzrückgang. «Der staatliche Eingriff ins Preisgefüge tangierte uns massiv», sagt Geistlich.Glimpflicher kam Straumann davon. Der Umsatz der Firma sank 2025 in China um 3 Prozent. Mittlerweile glauben beide Unternehmen, das Schlimmste in der weltweit zweitgrössten Volkswirtschaft hinter sich zu haben. Die Umsätze hätten seit Jahresbeginn wieder angezogen, erklären sie übereinstimmend.Passend zum Artikel