Das Frauen-Klo ist der beste Ort für einen Kollaps: 22 Autorinnen antworten auf die «Schnatterzone»-Polemik von Denis ScheckHier wird gelästert, geweint und getröstet. Ein Band versammelt Liebeserklärungen an die Damentoilette.13.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSpieglein, Spieglein: Bei aller Idealisierung der Damentoilette – hier wird auch erbarmungslos verglichen. Szene aus dem Dokumentarfilm «Models» von Ulrich Seidl (1998).© Ulrich Seidl FilmproduktionWer sagt heute noch Damentoilette, was soll dieses altmodische Wort als Titel eines Buchs? Die Philosophin Gabriele von Arnim beschreibt ihr Befremden so: «Was für ein Wort. Ich kann es nicht leiden.» Als Hamburgerin sage sie «Toledde», und als «alte Emanze» habe sie etwas gegen «Damen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es war dennoch selbstverständlich, dass sie für den Sammelband «Die Damentoilette» einen Beitrag schreibt. Denn in einem langen Frauenleben kommen viele Erinnerungen an diesen intimen öffentlichen Ort zusammen.Warum von der Damentoilette und nicht vom Frauen-WC oder vom Frauenklo die Rede ist, hat einen Grund: Die Anthologie ist eine Replik auf den Literaturkritiker Denis Scheck. In seiner ARD-Sendung «Druckfrisch» bezeichnete Scheck das neue Buch von Ildikó von Kürthy als «Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette». Er warf «Alt genug», wie bei Verrissen üblich, in eine Tonne. Damit entfachte er eine Debatte über Sexismus und die Trivialisierung weiblichen Schreibens.Eingeschworene Blicke im SpiegelVielleicht müsste Scheck, der in «Die Damentoilette» nicht namentlich erwähnt wird, die Texte darin lesen, um zu merken: So trivial ist die Damentoilette gar nicht, als dass sich mit ihr Bücher bewerten, also verreissen liessen. Auf dem Frauen-WC wird zwar geschnattert, getratscht und gekichert. Bei einer Party ist es der Rückzugsort, um die Lage dort draussen zu besprechen. Vor dem Spiegel zieht man den Lippenstift nach, in der Kabine entledigt man sich des einengenden BH.Doch das Frauen-WC ist viel mehr als das. Es ist ein Schutzraum, ein «Safe Space», wie man heute sagt. Der Männerblick ist ausgesperrt. Hier wird die Schwesternschaft im Kleinen gefeiert, auch unter Fremden: Kannst du mir etwas Klopapier unten durchreichen? Dein Parfum riecht so gut. Man tauscht Geheimnisse aus oder streicht der Freundin die Haare aus dem Gesicht, wenn sie sich in die WC-Schüssel übergibt.Die Autorin Katja Eichinger schreibt: «Im Alltag gibt es wohl kaum einen besseren Ort für einen Nervenzusammenbruch als die Damentoilette. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem Hilfe und Empathie widerfährt, ist hier am grössten.»Fehlgeburt im Restaurant-WCRomantische Komödien und Serien feiern diese Gemeinschaft, die sich oft auf engem, weiss gekacheltem Raum entfaltet. In «Sex and the City» bittet Samantha Carrie einmal um einen Tampon, worauf Carrie in Tränen ausbricht: Sie könne nicht aushelfen und werde nie wieder einen Tampon brauchen: Sie sei in den Wechseljahren und übrigens auch älter, als sie den Freundinnen vorgetäuscht habe.In der Serie «Fleabag» erlebt die Titelheldin auf einem WC in einem Restaurant in London die Fehlgeburt ihrer Schwester mit. In «Girls» hat Jessa auf einer öffentlichen Toilette Sex mit einem Fremden, nachdem ihr Freund sie verlassen hat.Dies mag seicht und nach «Geschnatter» klingen, aber das täuscht. Das stille öffentliche Örtchen ist politisch, wie die 22 Beiträge in «Die Damentoilette» zeigen. Sie nennen sich zwar Liebeserklärungen. Dabei erzählen die mal philosophischen, mal poetischen Texte durchaus von ambivalenten Erfahrungen.Reicht das Patriarchat bis aufs Klo?Die eine wird hier mit ihrem Reinlichkeitszwang konfrontiert. Die andere erinnert sich, wie ihre Mitschülerinnen über sie lästerten, während sie in der Kabine alles mithörte. Für Dana Vowinckel ist das Frauen-WC deshalb sowohl ein magischer wie auch grausamer Ort. Schwesterlich solidarisch? Hier vergleichen sich die Frauen erbarmungslos.Danach wird es schwieriger, Vowinckel zu folgen. «Cis-Frauen» formierten sich im WC zu Gruppen, um queere oder schwarze Frauen zu unterdrücken, schreibt sie. Das tönt dann so: «Nebeneinander stehen wir, blinzeln hinein, doch was uns entgegenblinzelt, das sind nicht wir, sondern das Patriarchat.»Obwohl die Männer draussen bleiben, spüren manche Autorinnen deren Toxizität durch die geschlossene Klotür hindurch. Mehrfach wird die fehlende Inklusion durch öffentliche Toiletten beklagt. Unschwer zu erkennen: Es schreiben Gleichgesinnte.Dabei ist die Frage, wer hineindarf, berechtigt. Sie wird von Medien und der Gesellschaft noch heftiger debattiert als die polemische Bemerkung eines Literaturkritikers.Transrechte vor FrauenrechtenSonja Finck definiert sich als nonbinär. Das öffentliche WC sei ein Ort, «an dem mir immer wieder klargemacht wird, dass ich nicht dazugehöre», schreibt sie. «Ungenierte Blicke, forschend bis feindselig. Die Frage, ob ich mich in der Tür geirrt hätte.»Man versteht, dass dies unangenehm ist. Gleichzeitig wird in keinem der Texte erwähnt, dass viele Frauen diesen geschützten Raum nicht mit biologischen Männern teilen wollen, die sich als Frau identifizieren. Oder mit Personen, deren Geschlecht Frauen nicht gleich erraten, wie es im Fall von Finck offenbar geschieht.Ein Beitrag zu genderneutralen WC wäre interessant gewesen: Selbst offene und tolerante Frauen, die gegen Mitternacht auf dem Heimweg dringend mal müssen, haben Mühe mit Männern in dem Schutzraum.Es ist gerade dieser Geschlechterkonflikt, der die Bedeutung des Frauen-WC zeigt. Doch manchmal ist er aufgehoben. In ihrem berührenden Text erinnert sich Gabriele von Arnim, wie sie kurz vor dem Begräbnis ihres Mannes mit ihrer damals fünfjährigen Enkelin zwei WC-Häuschen im Wald benutzt. Links für Herren, rechts für Damen. Das Mädchen ruft in ihre Kabine hinüber: «Musst du jetzt gross oder klein?»Es hätte keinen besseren Satz geben können, um sie aus ihrer Trauer herauszuholen, schreibt von Arnim. Auf der Damentoilette auf dem Friedhof schöpfte sie wieder Lebensmut.Friederike Schilbach (Hrsg.): Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen. Verlag Park x Ullstein, Berlin 2026. 160 S., Fr. 31.90.Passend zum Artikel
Ein Buch über das Frauenklo antwortet auf Schecks Polemik von der Damentoilette als «Schnatterzone»
Hier wird gelästert, geweint und getröstet. Ein Band versammelt Liebeserklärungen an die Damentoilette.







