Kreuzgänge, Supermärkte, Innenhöfe: Barcelona kämpft mit Hunderten von Klimarefugien gegen den Hitzetod40 Grad am Tag und 100 tropische Nächte: Die Sommer in Barcelona werden immer gefährlicher. Die Stadt versucht, mit innovativen Massnahmen gegenzusteuern – bezahlt aber für Fehler der Vergangenheit.Florian Haupt, Barcelona13.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenViel Stein, wenig Grün: Barcelona leidet wie kaum eine andere europäische Stadt unter den Folgen des Klimawandels.Marta Perez / EPADer Kreuzgang der Basilika Puríssima Concepció ist eine Oase in der Betonwüste von Barcelonas zentralem Viertel Eixample. Alte Steinbauten, Schatten und viel Grün in der Mitte. Eine kleine Gruppe von Besuchern hat sich auf einer Bank niedergelassen, beim Blick hinein in die Basilika sehen sie den Pfarrer im Beichtstuhl. Die Kirchenpflegerin bietet das Verteilen von Fächern an. Der Kreuzgang ist einer von 563 offiziellen Klimaschutzorten der Stadt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist Mittwoch, der heisseste Tag in Barcelona seit Beginn der Messungen vor 112 Jahren: 40,9 Grad, die Stadt hat Alarmstufe Rot ausgerufen. Offiziell ist es bereits die zweite Hitzewelle des Sommers in Katalonien. Im Ort Vinebre wurden 44 Grad gemessen, es kam in der Region bereits zu mehreren Waldbränden.«Höllennächte» mit mehr als 30 GradBarcelona leidet besonders unter den Auswirkungen des Klimawandels. In der Stadt ist wegen des Mittelmeers die Luftfeuchtigkeit hoch. Und es fehlt die Abkühlung: Tropische Nächte mit Temperaturen von über 20 Grad sind hier von Juni bis Anfang September der Normalfall. Immer öfter gibt es auch das, was die spanischen Medien eine «noche infernal» (Höllennacht) nennen: Das Thermometer sinkt nicht unter 30 Grad. Hinzu kommt die dichte Bebauung im Zentrum, die in Europa höchstens noch mit Paris vergleichbar ist. Es fehlt an Grünflächen; Asphalt und Beton heizen sich extrem auf und verwandeln die Stadt über Monate in einen Wärmespeicher.Die Klimaschutzräume gehören zu dem Plan, mit dem die Stadtbehörden die Hitze erträglicher machen wollen. Das Symbol dieser «refugis climàtics» ist ein Kreis, der von Tiefrot am Rand zu Blau in der Mitte übergeht und dort ein Thermometer zeigt. Die Rückzugsorte sollen gesundheitlichen Schäden oder gar tödlichen Notfällen vorbeugen.Gemäss offiziellen Daten starben in Barcelona in den letzten zehn Jahren 3538 Menschen an den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels. Gut 80 Prozent davon waren Personen über 65. Bei intensiver Hitze, von der Stadt definiert als Temperatur ab 34,3 Grad, steigt das Todesrisiko um 44 Prozent – und zwar besonders stark bei Frauen. Zu Risikogruppen gehören neben den Senioren auch Kinder, Arme ohne Ressourcen zum Kühlen ihrer Wohnung und Personen, die im Freien arbeiten müssen.Der rot-orange-blaue Kreis weist in Barcelona auf Klimarefugien hin.PDTod bei der StrassenarbeitEnde Juni 2025 sorgte der Tod einer 51-jährigen Strassenreinigerin für Bestürzung. Sie brach während einer Hitzewelle wenige Stunden nach ihrem siebenstündigen Arbeitstag zusammen und erlitt dabei tödliche Kopfverletzungen. Wer für die Stadt draussen arbeitet, leistet diesen Sommer kürzere Schichten. Ausserdem erhielten die Angestellten Thermoarmbänder, die über Sensoren vor einem gefährlichen Anstieg der Körperwärme warnen.Bereits 2018 legte die Stadt einen «Klimaplan» vor. Zu ihm gehört das Ziel der CO2-Neutralität bis 2030. Der Anteil der Sonnenenergie soll bei städtischen Einrichtungen 2027 dreimal so hoch sein wie 2023. Die allgegenwärtigen Motorradfahrer werden durch eine Prämie von 600 Euro zum Umstieg von Verbrenner- auf Elektromodelle animiert. Ab diesem Herbst soll herkömmlicher Asphalt sukzessive durch ein Material aus Pinienholz- und Olivenkernenkohle ersetzt werden. Gewisse Linderung verschaffen zudem die von Urbanisten weltweit gefeierten «Superinseln» – verkehrsberuhigte grüne Achsen durch das besonders dicht bebaute Quartier Eixample.Als innovativ gilt auch das Konzept der «refugis climàtics». Gemäss Angaben der Stadt finden zu normalen Öffnungszeiten über 99 Prozent der Bewohner einen solchen Fluchtort innerhalb von zehn Gehminuten ab der Haustür, knapp 77 Prozent innerhalb von fünf Minuten. Zum Basisangebot zählen Sitzplätze und gratis Wasser.Die Innenhöfe zurückerobernEin Viertel der Zufluchtsstätten sind schattige Freiluftorte, allen voran Innenhöfe der wuchtigen Häuserblöcke des schachbrettartig angelegten Eixample. Nach dem ursprünglichen Stadterweiterungsplan aus dem 19. Jahrhundert sollten sie allesamt als öffentliche Erholungsflächen dienen, doch die Vision fiel Privatisierung und Spekulation zum Opfer. Heute ist nur ein kleiner Teil frei zugänglich und nicht überbaut. Häuserzug um Häuserzug kämpft die Stadt darum, die Innenhöfe ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.Unter den Klimarefugien in geschlossenen Räumen sind viele, die schon immer zu den logischen Anlaufstellen bei Hitze gehörten, etwa Bibliotheken. Oft veranstalten sie jetzt zusätzlich kleinere Events, um die Besucher zum Verweilen zu animieren. Sportvereine und Kulturzentren bieten Schutzzonen an, schattige Schulhöfe sind auch am Wochenende geöffnet.Wir, ein Refugium?Neu im Programm sind ausserdem «Mikrorefugien», etwa Geschäfte oder medizinische Zentren. Nur wissen ihre Betreiber teilweise selbst noch nichts davon.Um 19 Uhr herrschen in Eixample an diesem Mittwoch immer noch knapp 40 Grad. Das private Spital Sagrat Cor wird auf der Website der Stadt seit kurzem als Refugium geführt. Doch das Symbol mit dem mehrfarbigen Kreis ist nirgends zu sehen. Die Empfangsdame hat noch nie von einer Teilnahme ihres Hauses gehört.Ein paar Strassen weiter dasselbe Bild in einem Supermarkt: kein Logo, kein Sitzplatz, kein Wasser und ahnungslose Verkäuferinnen. In der Farmàcia Torres am Carrer d’Aribau prangt dann immerhin an einer Wand über dem Kopierer der bunte Kreis. Ja, sagt die Apothekerin, man sei Teil des Netzwerks. «Aber bisher ist niemand extra deswegen gekommen.»Es gibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, darüber ist sich die Apothekerin einig mit einem Kunden, der gerade zur Tür hereingekommen ist: Die Leute müssten erfahren, dass es so viele Refugien gebe, und die Schutzräume müssten viel besser erkennbar sein. Der bunte Kreis gehört noch nicht zur Ikonografie der Stadt. Dabei kann er Leben retten.Passend zum Artikel