Die amerikanischen Falken verlieren ihre gewichtigste Stimme: Der Senator Lindsey Graham ist an Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung plötzlich verstorbenLindsey Graham mauserte sich vom Kritiker zum Freund von Donald Trump, womit sich der Israel-Partner und Interventionist grossen Einfluss sicherte. Sein Tod hinterlässt in der amerikanischen Aussenpolitik eine Lücke.13.07.2026, 06.45 Uhr5 LeseminutenDer amerikanische Senator Lindsey Graham ist in der Nacht auf Sonntag in Washington gestorben.Michael M. Santiago / GettyEs war bezeichnend, dass Lindsey Graham bis zur letzten Minute arbeitete. Am Freitag noch hatte der republikanische Senator aus South Carolina in Kiew den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski besucht. Am Sonntagmorgen hätte er in Washington in der Sendung «Meet the Press» des Kanals NBC auftreten sollen, um über seine Reise zu berichten. Doch so weit kam es nicht. Wie Grahams Büro in der Nacht auf Sonntag mitteilte, verstarb der Senator im Alter von 71 Jahren «nach kurzer Krankheit» an seinem Washingtoner Wohnsitz. Medizinisch wurde eine Aortenruptur als Folge einer Herz-Kreislauf-Erkrankung festgestellt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit Graham verlieren die USA einen einflussreichen Falken, der eine interventionistische Aussenpolitik propagierte und die traditionellen Allianzen Amerikas hochhielt. «Lindsey verstand, dass die Sicherheit Israels und die Amerikas unteilbar sind», schrieb der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. «Lindsey war ein wahrhaftiger Verteidiger der Freiheit und der Werte, die unsere Welt sicherer machen», erklärte Selenski.Graham hatte zwar auch wiederholt Kritik an den Nato-Partnern geübt. Doch war sein grundsätzliches Bekenntnis zur transatlantischen Allianz nie in Zweifel gestanden, was europäische Regierungschefs in ihren Würdigungen unterstrichen. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte ihn einen «wahren Freund und Partner Deutschlands».Vom Kritiker zum Partner TrumpsGraham war in der Aussenpolitik prinzipienfest, legte im Lauf seiner Karriere aber eine erstaunliche Agilität an den Tag, um seinen Einfluss zu wahren. Ähnlich wie dem Aussenminister Marco Rubio gelang auch ihm die Metamorphose vom Kritiker zum Partner Trumps. «Senator Lindsey Graham, einer der grossartigsten Menschen und Senatoren, die ich je kennengelernt habe, ist tot», so würdigte ihn Trump auf seinem Dienst Truth Social. «Er hat immer hart gearbeitet und war ein wahrer amerikanischer Patriot.»So harmonisch war Grahams Beziehung zu Trump nicht immer gewesen. In den Vorwahlen vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 war Graham noch als Gegenkandidat zu Trump angetreten. «Wissen Sie, wie wir Amerika wieder gross machen können?», fragte Graham damals in einem CNN-Interview. «Indem wir Donald Trump sagen, er solle zur Hölle fahren.»Dann aber begann sich Graham mit Trump zu arrangieren. Nach dem Wahlsieg von Joe Biden im Jahr 2020 weigerte er sich zwar, die Lüge von der gestohlenen Wahl zu akzeptieren, und er verurteilte den Sturm auf das Kapitol Anfang 2021 scharf. Kurze Zeit später kam Graham dann doch wieder zu dem Schluss, dass die republikanische Partei auf Trump angewiesen bleibe.Wegen seiner Freundschaft zu Trump und seines Einflusses auf ihn zog Graham auch Kritik auf sich. Böse Zungen in Washington sagten, dass die enge Beziehung zu Trump darauf beruhe, dass Graham den Präsidenten bei den regelmässigen Golfpartien stets gewinnen lasse. Der Basis der Bewegung «Make America great again» (Maga) war der Machtpolitiker stets suspekt geblieben, an Maga-Veranstaltungen erntete Graham mitunter auch Buhrufe.In den letzten Monaten warfen ihm Demokraten, aber auch isolationistische Republikaner vor, er habe den Präsidenten zum Iran-Krieg verleitet. Dass es Graham gelungen sei, Trump und die Maga-Vertreter in der Regierung von einem Regimewechsel in Iran zu überzeugen, sei «ein absolut unübertroffenes politisches Meistermanöver» gewesen, meinte der republikanische Senator Rand Paul aus Kentucky kürzlich.Ein Leben für die PolitikGraham stammt aus der Kleinstadt Central in South Carolina und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Eltern führten ein Restaurant mit einer Bar im Untergeschoss. Als Zwölfjähriger erhielt er die Verantwortung über die Bar. Auf diese Erfahrung führte er später nicht nur seine Qualitäten als Billardspieler zurück, sondern auch seine Geselligkeit, die gesellschaftliche Geschmeidigkeit und seinen mitunter bissigen Humor.Die Eltern starben kurz hintereinander, als Graham 22 Jahre alt war. Darauf übernahm er die Vormundschaft über seine jüngere Schwester. Er studierte Psychologie und Jura und trat zuerst als Reservist in die Armee ein, bevor er sechs Jahre lang als Militärjurist bei der Air Force diente. Die Dienstzeit formte Grahams Überzeugung, Amerika müsse auch mit militärischer Gewalt rund um den Globus für seine Interessen und für seine freiheitlichen Werte kämpfen.Über Grahams Privatleben ist wenig bekannt. Er war stets Junggeselle geblieben, und es hielten sich hartnäckige Gerüchte, wonach er homosexuell sei. Fest steht, dass Graham sein Leben ganz der Politik verschrieben hatte. 1995 wurde er ins Abgeordnetenhaus gewählt, 2002 in den Senat. Vor einem Monat gewann er in South Carolina die republikanischen Vorwahlen, weshalb er bei den Zwischenwahlen im November damit rechnen konnte, für eine fünfte Periode im Amt bestätigt zu werden.Politische Neuausrichtung der GerichteIn seinen mehr als drei Jahrzehnten im Kongress erwies sich Graham als wandlungsfähig. So hatte er sich einst für eine liberale Migrationspolitik und für eine Legalisierung von Sans-Papiers ausgesprochen, die als Kinder irregulär ins Land gekommen waren. Sein wohl wichtigster Mentor auf dem Kapitol war John McCain, der Senator aus Arizona und republikanische Präsidentschaftskandidat im Jahr 2008. Bei McCains Beerdigung 2018 hielt Graham eine berührende Abschiedsrede.Bei der Beerdigung seines Mentors John McCain im Jahr 2018 hielt Graham eine berührende Abschiedsrede.Drew Angerer / GettyDoch anders als McCain, der sich Trump bis zu seinem Tod widersetzte und ihm autoritäre Tendenzen vorwarf, opferte Graham viele seiner früheren Überzeugungen dem Pakt mit dem Präsidenten. Er unterstützte den geplanten Mauerbau an der Grenze zu Mexiko und trieb als Vorsitzender des Justizausschusses im Senat Trumps Bemühungen für eine politische Neuausrichtung der Judikative voran.Unter Grahams Ägide bestätigte der Senat rund 200 neue Bundesrichter in tieferen Instanzen. Auch die Neubesetzung des Supreme Court prägte er mit. 2016 blockierte er die Bestätigung des von Barack Obama nominierten Richters Merrick Garland. 2018 verteidigte er den von Trump portierten Brett Kavanaugh vehement gegen die Vorwürfe der sexuellen Belästigung, was den Boden für die Freundschaft mit Trump bereitete. Als Kür folgte 2020 die Bestätigung von Amy Coney Barrett durch den Senat.Seinem Kurs stets treu geblieben war Graham in der Aussenpolitik, in der er auf dem Kapitol die grösste Lücke hinterlässt. Ohnehin schrumpft das Lager der Internationalisten von altem Schrot und Korn: Der texanische Senator John Cornyn ist jüngst bei den republikanischen Vorwahlen von Trump-Alliierten aus dem Amt bugsiert worden. Senator Mitch McConnell aus Kentucky, ein Kämpfer für die Bewaffnung der Ukraine und die Stärkung der Nato, ist 84 Jahre alt und nimmt sich momentan aufgrund gesundheitlicher Probleme eine Auszeit. McConnell teilte am Montag mit, er befände sich wegen eines Sturzes Mitte Juni in medizinischer Behandlung.Die Entwicklungen der letzten Monate könnten den isolationistischen Flügel innerhalb der Republikaner rund um J. D. Vance stärken. Die Nato wirkt fragil. Die Unzufriedenheit über den Krieg gegen Iran ist gross. Die Unterstützung für Israel schwindet bei den Demokraten, aber auch bei der republikanischen Basis. Mit dem Tod von Lindsey Graham verliert das Lager der traditionellen Falken, Transatlantiker und Israel-Freunde nun auch noch eine seiner einflussreichsten Stimmen.Passend zum Artikel
Ein traditioneller Falke: Lindsey Graham hinterlässt eine grosse Lücke in der Aussenpolitik
Lindsey Graham mauserte sich vom Kritiker zum Freund von Donald Trump, womit sich der Israel-Partner und Interventionist grossen Einfluss sicherte. Sein Tod hinterlässt in der amerikanischen Aussenpolitik eine Lücke.










