Das Kulturzentrum Trudering ist für die Münchner SPD ein Ort mit Bedeutung: 2011 haben die Genossinnen und Genossen dort Dieter Reiter zum ersten Mal als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters aufgestellt, mehr als zwei Jahre vor der Wahl im März 2014. Vor ziemlich genau einem Jahr stimmten sie am selben Ort über ihr Programm zur Kommunalwahl 2026 ab. Sogar Dieter Reiter, bei Parteitagen ein selten gesehener Gast, war da und hielt eine Rede.Draußen regnete es in Strömen, aber drinnen war die Stimmung gut. Die Sozialdemokraten gaben sich kämpferisch. Zwar hatte die Partei bei den vorangegangenen Wahlen an Zuspruch verloren; aber man stellte ja immer noch den Oberbürgermeister, der bei den Menschen „einen Stein im Brett“ hatte, wie Reiter selbst es formulierte. Und den sie auch wieder wählen würden, wenn nicht alles schiefgehen würde.Bei der Kommunalwahl im März 2026 ging für die SPD und Dieter Reiter alles schief.Am Samstag trafen sich die Sozialdemokraten wieder in Trudering, um ihren Jahresparteitag abzuhalten. Der Oberbürgermeister stammt, zum ersten Mal seit 42 Jahren, nicht mehr aus ihren Reihen. Sie sind erneut nur drittstärkste Kraft im Stadtrat, haben 2,8 Prozentpunkte verloren im Vergleich zur Kommunalwahl 2020. In der Stadtregierung des grünen Oberbürgermeisters Dominik Krause fungieren sie als „Juniorpartner“, so drückt es der Münchner SPD-Chef Christian Köning aus. In der Bundesregierung ist die Partei derweil an Reformen beteiligt, die vielem widersprechen, was einst ihren Wesenskern ausmachte. Draußen herrscht an diesem Samstag strahlender Sonnenschein, aber die Stimmung drinnen schwankt zwischen ratlos, bedrückt und verärgert.Es braucht mehrere Testläufe, bis das Abstimmungstool für die Vorstandswahlen funktioniert. Der bisherige Vorsitzende ist schließlich auch der neue. Christian Köning, Parteichef seit 2022, erhält 79,4 Prozent der gültigen Stimmen. Von 97 Stimmberechtigten votieren 77 mit Ja und 15 mit Nein, fünf enthalten sich. Gegenkandidaten gab es nicht. Am Rande des Parteitags ist zu hören, dass es schon auch Kritik an Köning gegeben habe, dass ihm aber der transparente Umgang mit dem Kommunalwahl-Debakel innerhalb der Partei hoch angerechnet werde.Mit seinem Ergebnis sei er „absolut zufrieden“, sagt Köning hinterher. Künftig hat er vier Stellvertreterinnen und Stellvertreter. Erneut gewählt wurden Maria Deingruber, Politikwissenschaftlerin und Büroleiterin der Dritten Bürgermeisterin, der Stadtgeograph Anno Dietz und die Dolmetscherin und Stadträtin Lena Odell. Neu zur Stellvertreterin gewählt wurde die Sozialpädagogin Karin Häringer.Parteichef Christian Köning (Mitte) und seine Stellvertreterinnen und sein Stellvertreter (von links): Anno Dietz, Maria Deingruber, Karin Häringer und Lena Odell. Catherina HessIn seiner Rede hatte Köning, 37, gesagt, die Münchner SPD sei nicht mehr wie früher unabhängig von Stimmungen und Trends. Zur Rolle der Partei in der Bundesregierung schlage ihm auf der Straße viel Kritik entgegen. Der vorherrschende Eindruck sei, die Funktion der SPD bestehe darin zu vermitteln, man verhindere Schlimmeres. Es sei „mehr als bescheiden“, dass es der Partei nicht gelinge herauszuarbeiten, dass sie für Fortschritt, Gerechtigkeit und ein besseres Leben stehe.In München erfülle man aber auch nach der Niederlage bei der Kommunalwahl eine wichtige politische Funktion, habe sich im Koalitionsvertrag der Mango-Regierung bei inhaltlichen Positionen durchgesetzt. Die SPD habe nicht das falsche Programm, trotzdem müsse sie sich verändern. Dazu hat der geschäftsführende Vorstand ein Arbeitsprogramm aufgesetzt, das vor allem auf Struktur und Kommunikation abzielt. „Münchner SPD 2035“ nennt sich der Prozess, der nun angestoßen werden soll.Warum 2035? Die nächste Kommunalwahl wird dann schon drei Jahre her sein. Die Frage, wie eine linke Volkspartei auf geänderte Rahmenbedingungen der Öffentlichkeit reagieren soll, sagt Köning nach dem Parteitag, erfordere ein „Zielbild, das nicht an Wahlterminen hängt“. Der Prozess soll im kommenden halben Jahr erarbeitet werden, dann soll sich der Parteirat damit befassen. Die Umsetzung der neuen Strategie werde allerdings Zeit brauchen.Eine Debatte zu dem 14 Seiten umfassenden Arbeitsprogramm gibt es beim Parteitag kaum. Filippos Kourtoglou, Vorsitzender des Ortsvereins Maxvorstadt, stellt jedoch in Frage, ob die Probleme wirklich nur struktureller Art sind. Vielleicht habe die SPD „nicht die besten Inhalte geliefert“. In seinem Änderungsantrag, der mehrheitlich angenommen wird, heißt es: „Zu viele Menschen erkennen oft nicht mehr klar, wofür die Sozialdemokratie vor Ort steht und welche konkreten Antworten wir auf ihre alltäglichen Herausforderungen geben.“Konkret und kämpferisch wird die Debatte erst im letzten Teil des Parteitags bei einer Aussprache mit dem Bundestagsabgeordneten Sebastian Roloff, der seinen Wahlkreis im Münchner Süden hat. „Ich kann euren Frust, und der erreicht mich auf zahlreichen Kanälen, nachvollziehen“, sagt Roloff. Ein zu großer Teil der Parteiführung im Bund sei der Meinung, es zähle vor allem, „überhaupt was auf den Weg zu kriegen“. Und trotzdem, so Roloff: Die Ergebnisse sähen „nicht besser aus, wenn die SPD nicht mit am Tisch gesessen hätte“.Am Ende steht ein einstimmiger Beschluss gegen das Rentenpaket der Bundesregierung. Es herrscht großer Unmut mit der Bundespartei, dieses Signal geht an diesem Samstag von Trudering aus. „Die historische Krise der SPD ist keine von einzelnen Spiegelstrichen in Gesetzespaketen“, sagt Benedict Lang, Chef der bayerischen Jusos und einer der Initiatoren des Antrags. Auch die bayerische SPD-Vorsitzende Ronja Endres hatte die Bundes-SPD zuletzt aufgerufen, bei den Reformen rote Linien zu ziehen.Ebenfalls einstimmig angenommen wurde ein Antrag der Münchner Jusos zum geplanten Abschiebeterminal am Flughafen. Damit positioniert sich die Münchner SPD gegen die Pläne von Bund und Freistaat. Und sie stellt sich gegen ihren Wirtschaftsreferenten Christian Scharpf, der angekündigt hat, im Aufsichtsrat des Flughafens für den Bau zu stimmen. Scharpf soll nun noch vor der Sitzung am kommenden Dienstag aufgefordert werden, die Haltung der Partei in seine Entscheidung einzubeziehen.