Frau Schock-Werner, seit bald zwei Wochen muss man zwölf Euro zahlen, um den Kölner Dom besichtigen zu dürfen. Sie als Präsidentin des Zentral-Dombau-Vereins haben das schon im Vorfeld kritisiert. Warum?Weil ich finde: Es muss kommerzfreie Räume geben. Dass man für die Besichtigung einer Kirche bezahlen soll, finde ich grundsätzlich nicht gut. Auch mein Verständnis, dass das Domkapitel derzeit keine andere Lösung gefunden hat, ändert daran nichts. Aber das Geld ist nötig, um diese großartige Kathedrale zu erhalten. Die Erfahrungen seit dem 1. Juli zeigen zudem, dass vor allem ausländische Touristen kein Problem mit der Besichtigungsgebühr haben. Sie sind das aus vielen anderen Ländern gewohnt.Das klingt trotzdem nicht so, als hätten sie mittlerweile Ihren Frieden mit dem Eintritt gemacht.Etwas Gutes hat er schon bewirkt: Den Jahrmarkttrubel, den wir manchmal vor allem um die Mittagszeit hatten, gibt es nicht mehr. Aber in die Erleichterung darüber mischt sich Wehmut. Denn durch die Gebühr ist aus dem Dom tatsächlich so etwas wie ein Museum geworden.Zumal zugleich die Öffnungszeiten reduziert wurden. Man kommt nur noch zwischen 10 und 18 Uhr in den Dom. Was halten Sie davon?Das offene Hauptportal des Doms war bisher von frühmorgens um sechs bis abends um halb acht das Signal an alle: Ihr seid willkommen! Seit dem 1. Juli jedoch sind die Türen an der Schauseite des Doms für viele Stunden verschlossen – und zwar genau dann, wenn Einheimische und Pendler unterwegs sind. Ich kenne viele Leute, die morgens vor oder abends nach der Arbeit einmal durch den Dom gingen, um sich daran zu erinnern, dass es höhere Dinge gibt als den ganzen Alltagskram. Das ist jetzt weggefallen. Das finde ich sehr schade. Als ich noch das Amt der Kölner Dombaumeisterin innehatte, lautete der Satz, den ich am meisten hörte: „Immer, wenn ich im Zentrum bin, gehe ich als Erstes in den Dom.“ Solche schönen persönlichen Routinen gehen verloren.Von den Kölnern heißt es, sie hätten eine tiefe emotionale Bindung zum Dom. Stimmt das?Barbara Schock-Werner, Präsidentin des Zentral-Dombau-Vereins zu Köln, steht 2012 im Kölner Dom an den Gerhard-Richter-Fenstern.dpaIch stamme ja aus Stuttgart. Umso mehr hat mich diese intensive Beziehung so gut wie aller Kölner zu diesem Bauwerk fasziniert, seit ich vor vielen Jahren hierhergekommen bin. Das kenne ich aus keiner anderen Stadt der Welt. Diese große Identifikation, das Gefühl, dass man praktisch ein Teil des Doms ist, lebte auch von dessen leichter Zugänglichkeit. Deshalb fürchte ich, die Identifikation wird sich abschwächen oder vielleicht sogar ganz verloren gehen. Ein bisschen hat man den Kölnern die Heimat genommen.Für Gottesdienstbesucher und Menschen, die beten wollen, ist der Zugang über den Nordeingang kostenfrei. Ist das kein Trost?Das ist ein kleiner Bereich um die Schmuckmadonna. Da kann man rein und beten oder eine Kerze anzünden. Dort finden jetzt auch die Mittagsgebete statt – aber eben nicht mehr im kolossalen Mittelschiff. Doch allein schon zum Nordeingang zu finden, ist ziemlich schwierig.Warum?Wegen einer Langzeitbaustelle auf der Domplatte. Man muss erst mal eine Treppe runter über die Straße zum Bahnhofsvorplatz, dann die große Treppe wieder rauf. Der Eingang ist dann unter einem Gerüst und hinter Gittern. Verschlungene Wege, verschlossene Türen: Ich finde das ganz schwierig, es ist ein ungehöriger Umgang mit Gläubigen. Und vor allem: was für ein Unterschied zum einstmals für alle offenstehenden Hauptportal.Funktioniert die Trennung zwischen Gottesdienstbesuchern und Menschen, die den Dom besichtigen wollen? Oder gibt es viele Schein-Beter, die sich kostenlosen Zugang zum Hauptschiff verschaffen wollen?Jemand soll es tatsächlich geschafft haben, über eine Holzbrüstung zu klettern. Aber die Dom-Schweizer werden schon verhindern, dass das häufig vorkommt. Auch wird es bestimmt Touristen geben, die ein frommes Gesicht machen, um den Dom von dort aus besichtigen zu können. Immerhin sieht man die Querhäuser, man sieht das Südquerhausfenster. Aber den phantastischen Raum des Doms kann man von dort aus nicht erleben.Ein Geheimtipp ist der Nordeingang also definitiv nicht . . .Nein. Aber es gibt den ultimativen Geheimtipp: Wer an einer der großen heiligen Messen teilnimmt, der kann eine gute Stunde im Hauptschiff sitzen und die Kirchen erleben, wofür sie ja gebaut ist, nämlich den Menschen ein Abbild des Himmels zu sein. Mit ein bisschen Glück scheint draußen die Sonne und die farbigen Fenster werden herrlich erleuchtet, vielleicht gibt es sogar Weihrauch.Ist ein anderer Geheimtipp, dem Zentral-Dombau-Verein beizutreten und den Jahresmindestbeitrag von 20 Euro zu zahlen, weil man dann sozusagen per Flatrate immer kostenlos Zutritt hat?Das ist kein Geheimtipp, sondern für alle, denen der Dom am Herzen liegt, eigentlich eine Pflicht. Darauf weise ich seit Jahren schon hin. Wer im Verein ist, trägt aktiv zur Erhaltung des Doms bei. Weil nur 20 Prozent unserer Mitglieder es bei 20 Euro im Jahr belassen und manche wirklich sehr große Summen geben, steuern wird 60 Prozent der Kosten für den Bauerhalt bei, das sind jährlich 4,3 Millionen Euro.Zum großen Run auf den Verein kam es erst mit der Ankündigung einer Eintrittsgebühr?Ich hatte es bis dahin immerhin von 17.200 auf 21.000 Mitglieder geschafft. Seit der Ankündigung ging es auf 25.000 hoch. Mindestens. Denn in unserem aus Kostengründen immer bewusst klein gehaltenen Büro konnten längst noch nicht alle Anträge bearbeitet werden.Der Zentral-Dombau-Verein ist ein bemerkenswerter, überkonfessioneller Verein. Er wurde 1842 gegründet, damit es nach 300 Jahre währender Bauunterbrechung endlich voranging mit der Fertigstellung der Kathedrale. Könnte sich der Verein nicht wieder ein verwegenes Ziel setzen?Sie spielen auf die Abschaffung der Besichtigungsgebühr an. Das wäre wirklich eine schöne Challenge, wie man heute so sagt. Wir bräuchten dafür aber mindestens 50.000 Mitglieder, die freiwillig bereit sind, zuverlässig mehr als 20 Euro im Jahr zu zahlen. Gemeinsam mit den Zuschüssen des Landes Nordrhein-Westfalen und den jährlich 4,7 Millionen der Erzdiözese könnte das für die Erhaltung dann ausreichen.