England gewinnt «schmutzig» gegen Norwegen – und nährt die Hoffnung auf den ersten WM-Titel seit 60 JahrenDie Engländer setzen sich erst in der Verlängerung 2:1 gegen die überraschenden Skandinavier durch. Im Hinblick auf den Halbfinal gegen Argentinien sieht der Trainer Thomas Tuchel viel Steigerungspotenzial.Sven Haist, Miami12.07.2026, 11.03 Uhr4 LeseminutenDreizehn Tore hat England an dieser WM erzielt – zwölfmal hat entweder Jude Bellingham (links) oder Harry Kane getroffen.IMAGO/Moritz Mueller / ImagoDer Wettstreit um den «Goldenen Schuh» für den besten Torschützen dieser Weltmeisterschaft harrte noch einer Entscheidung. Gleich mehrere Spieler liegen vor den Halbfinals aussichtsreich im Rennen. Der inoffizielle Titel für das einflussreichste Sturmduo des Turniers dürfte jedoch spätestens seit dem 2:1-Viertelfinalsieg der Engländer gegen Norwegen am Samstag vergeben sein .Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Auszeichnung ginge fraglos an die Engländer Harry Kane und Jude Bellingham, die an dieser WM inzwischen gemeinsam beispiellose zwölf der dreizehn englischen Tore erzielt haben. Seit Turnierbeginn wechseln sich Kane und Bellingham in der Rolle des Matchwinners ab. Gegen die Norweger war Bellingham an der Reihe.Beim 2:1 nach Verlängerung glich Bellingham zunächst die norwegische Führung kurz vor Ende der ersten Halbzeit aus. Zu Beginn der Nachspielzeit erzielte er in der 93. Minute den Siegtreffer. Sein erstes Tor fiel nach einem feinen Solo. Beim zweiten Tor profitierte er von einem kapitalen Fehler des bisher so überzeugend auftretenden norwegischen Goalies Orjan Nyland, der einen harmlosen Distanzschuss nach vorne in den Laufweg Bellinghams abprallen liess.Streifte der Ball ein Kabel oder nicht?Nyland fühlte sich nach Abpfiff für das Ausscheiden seiner Mannschaft verantwortlich. Minutenlang weinte er auf dem Platz im Kreis seiner Mitspieler, anschliessend in den Armen seiner Frau und seiner drei Söhne. Doch selbst seine Familie schien ihn nicht trösten zu können. Nyland drückte sein Gesicht verzweifelt gegen die Tribünenabsperrung; von oben legten die Kinder mitfühlend ihre Hände auf seine Torwarthandschuhe.Während Norwegen die Heimreise antreten muss, steuert England auf den ersten Weltmeistertitel seit dem Heimsieg 1966 zu – womöglich auch wegen eines über dem Spielfeld angebrachten Kabels. Daran ist die sogenannte Spidercam befestigt, die für die TV-Übertragung Bilder aus der Vogelperspektive liefert. Bei der Entstehung des englischen Ausgleichs könnte der Ball in der Luft die Kameraaufhängung gestreift haben.Regeltechnisch hätte der Match in einem solchen Fall unterbrochen und mit Schiedsrichterball fortgesetzt werden müssen. Der französische Referee Clément Turpin jedoch nahm keine Berührung wahr. Selbst der Videoassistent griff trotz dem wütenden Protest der norwegischen Spieler und ihres Trainers Stale Solbakken nicht ein.Zweimal Glück für EnglandDer Weltfussballverband Fifa erklärte später, die im Ball verbauten Sensoren hätten zum Zeitpunkt des vermeintlichen Kabelkontakts «keinen Ausschlag» gezeigt. Es gebe daher «keinen Beleg» für eine Berührung und somit auch nicht für eine veränderte Flugbahn des Balls. Solbakken fand die Entscheidung «unglücklich» für seine Mannschaft. Aus seiner Sicht habe der Ball sehr wohl die Richtung verändert und dadurch ein «Missverständnis» unter den Spielern ausgelöst.Es war eine von zwei Situationen, in denen England Glück hatte. Kurz nach der Pause wurde den Norwegern die erneute Führung durch Innenverteidiger Torbjörn Heggem aberkannt. Seinem Abstaubertor nach einem Lattenkopfball war noch vor der Ausführung des einleitenden Corners ein angeblicher Schubser von Erling Haaland gegen Elliot Anderson vorausgegangen.Zwar hatte der norwegische Mittelstürmer seinen Gegenspieler sichtbar mit den Händen weggedrückt. Der Kontakt reichte aber trotzdem kaum für ein Foul – anders als Andersons Theatralik vermuten liess. Erst nachdem Turpin aufgefordert worden war, sich die Videobilder anzusehen, nahm er das Tor zurück.Englands Team trägt sichtlich schwer an der BürdeDass sich das Weiterkommen in den WM-Halbfinal an derart feinen Details entschied, lag zum einen an den hervorragend eingestellten Norwegern. Sie teilten sich die Kräfte geschickt ein, agierten diszipliniert und hatten ihre eigenen Erwartungen nach dem beeindruckenden Sieg gegen Brasilien bereits übertroffen. Zum anderen war den Engländern die Bürde anzusehen, das Spiel unbedingt gewinnen zu müssen, um nicht an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.Die Nervosität war insbesondere nach dem Rückstand und während der zweiten Halbzeit unübersehbar, als Norwegen dem Sieg deutlich näher war. Die eingewechselten norwegischen Flügelspieler Antonio Nusa und Oscar Bobb bereiteten der englischen Defensive erhebliche Probleme. Zudem wirkte es, als wäre England die bei mehr als 30 Grad Temperatur und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit ausgetragene Partie etwas zu forsch angegangen. Erst nach zahlreichen Wechseln waren die Three Lions am Ende in der Verlängerung körperlich wieder überlegen.Ausdruck dessen waren auch die fortlaufenden Anpassungen des Nationaltrainers Thomas Tuchel, der immer wieder taktisch und personell umstellte. Zunächst musste er zur Halbzeit den angeschlagenen Declan Rice auswechseln, woraufhin er sein Team zulasten der Stabilität offensiver ausrichtete. Dies korrigierte er später mit einer defensiver gewählten Personalrochade. Zur richtigen Balance wie zu Spielbeginn kam es erst gegen Ende wieder durch die Neubesetzung der Aussenverteidigerpositionen, die Norwegen den Schwung nahm.Bellingham reagiert gereizt auf die Kritik des TrainersSein Team habe sich «das Leben selbst schwer gemacht», sagte Tuchel und sah erhebliches Steigerungspotenzial. Mit der kämpferischen Einstellung seiner Mannschaft zeigte er sich zwar hochzufrieden, nicht jedoch mit den spieltechnischen Details. Konfrontiert mit dieser Einschätzung seines Trainers, reagierte Bellingham gereizt. «Was auch immer», sagte er lakonisch: «Vielleicht weiss er nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen gegen Haaland zu spielen.» Manchmal müsse man eben «schmutzig» gewinnen – und genau das habe England getan.Versöhnlich brachte Kane beide Sichtweisen zusammen. Es sei positiv, meinte er, im Halbfinal zu stehen und dennoch besser spielen zu können. Am Mittwoch trifft England dort um 21 Uhr MESZ auf den Weltmeister Argentinien. Im direkten Duell mit Lionel Messi könnten Kane und Bellingham auch in der individuellen Torjägerwertung noch angreifen. Beide liegen mit jeweils sechs Toren nur zwei hinter den Führenden Messi und Kylian Mbappé.Passend zum Artikel
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