Flirten mit Charli XCX, fliegen mit Madonna und Falsett singen mit den Rolling Stones: So klingt der SommerMit diesen zwölf Songs (und einem Dutzend mehr auf unserer Spotify-Playlist) schicken wir Sie in die Ferien. Bon voyage!12.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenUtzp, utzp, utzp, utzp . . .Iuliia Bondar / Getty1. Charli XCX: «Wink, Wink»Ihr Sprechgesang lockt maximal («Früher leckte ich im Sommer Sahne von Erdbeeren . . .»), dazu raspelt die Gitarre, knuddelt der Bass, und das Schlagzeug macht einen auf Krautrock. Charli XCX ist der zurzeit frechste Pop-Star auf dem Dancefloor. Sie mag Stroboskopgewitter und Discokugelblitze, «Wink, Wink», ihre neuste Single, stimmt aber vor allem heiter, weil der Song auch ohne Sahne schön keck und luftig daherkommt. Wenn doch nur der Türsteher vor dem Klub nicht so ein Pfosten wäre. Das Lied ist schon bald zu Ende, und wir wollen endlich rein! Zwinker, zwinker. Moment, meint er uns?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.2. Vince Staples: «Cotton»Auch Vince Staples führt uns mit «Cotton» in die gute alte Disco. Statt Breakbeats gibt’s Gitarren und sogar ein Klavier, nur die Heiterkeit macht kurz Pause, was einen nicht davon abhalten soll, innigst mit der Bassdrum mitzustampfen. Zwar bringt der Rapper, der seiner Gangster-Vergangenheit in Compton erfolgreich entkommen ist («Where I come from, you can’t be soft»), politische Schärfe in die Texte seines phantastischen neuen Albums «Cry Baby», doch dieser Track ist so tanzbar und leichtfüssig, dass die Wut einer wippenden Gelassenheit weicht.3. Madonna: «One Step Away»Für Madonna war der Dancefloor schon immer ein fliegender Teppich, der einen möglichst weit weg trägt. Mit ihrem neuen Album «Confessions II» hebt sie, 21 Jahre nach «Confessions I», noch einmal ab zu einem nostalgischen Trip durch ihre Karriere, die 1982 in einem New Yorker Klub namens Danceteria begann. Natürlich ist die Primadonna ihrer Zeit nicht mehr voraus, aber egal, «One Step Away» beschwört die hypnotische Urkraft des Immer-weiter-Tanzens – und die Illusion, dass 1982 doch erst gestern war.4. Lo & Leduc, Dino Brandão: «On n’est pas stupide»Das Berner Duo Lo & Leduc hat sich mit dem Zürcher Songwriter Dino Brandão zusammengetan und einen Sommerhit über die Angst vor dem Kinderkriegen geschrieben. «On n’est pas stupide» heisst die neckische Mundartnummer mit französischem Refrain und Latin-Rhythm-Section. Wir sind dem Klub entkommen, löffeln in einem Affogato und winken dem Nachwuchs im Sandkasten zu.5. Altin Gül: «Öldürme Beni»Die niederländisch-türkische Psychedelic-Folk-Band Altin Gül spielt orientalische Retromusik mit quasifuturistischem Anstrich – was sie zu Lieblingen hipper Musikfestivals macht. Traditionelle Instrumente wie die Langhalslaute schleusen sie zu funkigen Grooves durch lustige Effektgeräte, Synthesizer-Melodien klettern auf heptatonischen Tonleitern in die Höhe. «Öldürme Beni» ist eine Coverversion der anatolischen Rocklegende Barış Manço. Absolut mitreissend und tanzbar. Da kommt Schwung ins Becken!6. Alwa Alibi: «Dreamgirl»Die junge Berner Rapperin Alwa Alibi steht auf coole Autos. Und Frauen. Um beides drehen sich ihre Songs. «Dreamgirl» heisst das Titelstück ihrer neuen EP, in dem sie Geschlechterbilder wie Motoren zerlegt und zu tänzelnden Trap-Beats und pochender Bassdrum eine verzwickte Dreiecksgeschichte erzählt. Alibis Stimme driftet im melancholischen Autotune-Modus durch eine Sommerlandschaft im letzten Abendrot, offenes Cabrio, Sonnenbrille, weisses Hemd. Der Prosecco auf dem Rücksitz ist schon warm, und das «Dreamgirl» ein geplatzter Traum.7. Thundercat: «She Knows Too Much»Er war Bassist bei den Gorillaz, Snoop Dogg und Kendrick Lamar, hat sich die Grooves beim Jazz und R&B abgeguckt, und wenn er seine sechs (!) Saiten zupft, klingt das extrem funky und gleichsam butterweich. Auf seinem jüngsten Album, «Distracted», bringt er Adult-Pop und Retro-Soul zusammen und zaubert für «She Knows Too Much» sogar die Stimme des 2018 verstorbenen Rappers Mac Miller aufs Band. Da steckt eine Tiefe in diesem brodelnden Sound, in der sich die Ahnengalerie schwarzer Pop-Musik von Curtis Mayfield bis D’Angelo manifestiert, gespielt mit sagenhafter Lässigkeit.8. Sofie Royer: «Sesquicentennial»Obacht, Sofie Royers Synth-Pop klingt nur im ersten Moment nach Eurovision Song Contest anno 1986. Die Amerikanerin mit Wohnsitz in Wien und Wurzeln in Iran bricht ihre Retro-Disco mit Ironie, extra-ohrwurmigen Melodien und raffinierten Arrangements, an denen die Beach Boys Freude hätten. Natürlich reissen auch Abgründe die Tanzfläche auf: teuflische Pizzicato-Salven, Saturday-Night-Fieberschübe und Softrock-Schlünde.9. Bye Parula: «I Don’t Know»Die Königsdisziplin im Pop-Gesang ist seit Marvin Gaye und den Bee Gees das Männer-Falsett. Natürlich müssen Nachahmer das so hinbekommen, wie das kanadische Trio Bye Parula mit seinem Psychedelic-Funk-Knüller «I Don’t Know», der sich an Bobby Womacks «Across 110th Street» anlehnt und ein Ohr voll bei den Talking Heads genommen hat. Da sieht man amerikanische Schlitten durch flimmernde Strassenschluchten schaukeln, der Asphalt schmilzt in der Gluthitze, Feuerhydranten spucken Wasser aus.10. The Rolling Stones: «Jealous Lover»Apropos Männer-Falsett. Auch Mick Jagger von den Rolling Stones hat es noch immer drauf, diese jaulende Kopfstimme, nachzuhören auf «Jealous Lover», der jüngsten Single ihres neuen Albums «Foreign Tongues». Keine Spur von Seniorenkreistanz, stattdessen juveniles Zucken über ein paar von Keith Richards mit präziser Nachlässigkeit dahingeraspelten Gitarrenriffs. Zum Schluss ein schöner Refrain, der zumindest versucht, sich noch einmal zu alter Grösse aufzubäumen. It’s only Rock’n’Roll – but we (still) like it!11. Julia Jacklin: «Get Away From Me»Gitarren gibt’s auch bei Julia Jacklin, aufgewachsen in den australischen Blue Mountains, die es locker mit den amerikanischen Rocky Mountains aufnehmen können, weshalb «Get Away From Me» wohl auch so herrlich nach dem schunkelnden Americana-Sound von Wilco oder Courtney Barnett klingt, Landstrasse vor uns, Ex-Lover im Rückspiegel, Fahrtwind im Haar. Laut aufdrehen und mitsingen!12. Angine de Poitrine: «Utzp»Nein, Khn und Klek sind keine Aliens, auch wenn das kanadische Duo mit seinen Pappmaché-Kostümen und den Eimern auf dem Kopf den Anschein erweckt. Dann doch eher Dada-Wiedergänger, bewaffnet mit doppelhalsiger E-Gitarre und Schlagzeug. Sieht erst mal putzig aus, doch was Angine de Poitrine auf ihren Instrumenten für eine Unterkiefer droppende Virtuosität an den Tag legen, ragt weit über das 12-Ton- und 4/4-Takt-System hinaus und ist schlicht grandios. Aber was bedeutet «Utzp», wie sich dieser aberwitzige Polka-trifft-Math-Rock-Titel nennt? Wir werden es womöglich nie erfahren. Der Rhythmus geht jedenfalls in die Beine: Utzp, utzp, utzp, utzp . . .Diese und zwölf weitere Hits für heisse Tage finden Sie auf unserer Spotify-Playlist Sommer ’26. Von Clubmusik über R&B bis Psychedelic Rock und Country.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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