Schwieriger Stellenmarkt: Maximal 20 Prozent dürften auf das Konto der künstlichen Intelligenz gehen, der Rest hat andere GründeIn der Schweiz ist die Erwerbslosenquote auf über 5 Prozent gestiegen. Die KI ist zwar ein beliebter Sündenbock. Tatsächlich dürften Branchentrends und die schleppende Konjunktur mehr ins Gewicht fallen.12.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSDas Silicon Valley hat eine «Job-Apokalypse» ausgerufen. Amerikanische Firmen entlassen Zehntausende Mitarbeiter und begründen dies mit KI. Schweizer Unternehmen hingegen brüllen selten mit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Die Personalpolitik ist Sache der einzelnen Unternehmen. Dazu gehören auch Fragen zu den Auswirkungen von KI», sagt Georg Därendinger vom Branchenverband Interpharma. Die Mitgliedsfirmen des Branchenverbandes stehen untereinander in Konkurrenz und geben solche Informationen ungern preis. Diese Überlegung dürfte auch für andere Branchen gelten.Das Schweigen hat aber noch einen zweiten Grund: Was bei den Investoren gut ankommen mag, hat bei den Mitarbeitern den gegenteiligen Effekt. Wer merkt, dass der Chef seine Mitarbeiter durch Agenten ersetzen will, wird kaum geneigt sein, sich mit voller Kraft für die KI-Revolution einzusetzen.Ungeachtet der leiseren Töne wollen natürlich auch Schweizer Unternehmen im KI-Rennen vorne dabei sein. Die Pharmaindustrie investiert seit Jahren viel in diesem Bereich, bei Banken und Versicherungen könnten enorme Effizienzgewinne möglich sein. Laut dem europäischen Amt für Statistik ist die Schweiz in Europa direkt hinter Norwegen Spitzenreiter bei KI-Anwendungen.Wer ist wirklich schuld?Doch was heisst das für den Arbeitsmarkt? Im Sommer 2026, knapp vier Jahre nach dem Launch von Chat-GPT, ist von Fachkräftemangel keine Rede mehr. Wer eine Stelle sucht, braucht Geduld. Damit steht die Frage im Raum, inwieweit die harzige Situation am Arbeitsmarkt der KI anzulasten ist.«In gewissen KI-exponierten Berufen sehen wir einen Anstieg der Arbeitslosigkeit», sagt Michael Siegenthaler, Professor für Arbeitsmarktökonomie an der ETH Zürich. Betroffen seien vor allem IT-Berufe wie jener des Datenbankanalysten und des Anwendungsprogrammierers sowie auch Marketing- und Kommunikationsfachleute, Journalisten, Übersetzer oder auch Korrektoren. Die Arbeitslosenzahlen liegen in diesen Bereichen deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen fünfzehn Jahre.«Dass KI eine gewisse Rolle spielt, ist in diesen Bereichen sehr wahrscheinlich», sagt Siegenthaler. Dennoch sieht der Ökonom die KI nicht als den «Hauptschuldigen» an der schwierigen Situation im Stellenmarkt. «Gemäss unseren Schätzungen geht maximal ein Fünftel des Anstiegs bei der Arbeitslosigkeit zwischen 2023 und 2025 auf das Konto der KI, der Rest hat andere Gründe.» Dazu zählen der Krieg in der Ukraine, der Energieschock, die Zollpolitik von Donald Trump und jüngst der Krieg in Iran. All das schwächt die Konjunktur und macht die Unternehmen vorsichtig.Die Erwerbslosenquote ist von unter 4 Prozent nach dem Ende der Corona-Pandemie auf 5,2 Prozent gestiegen. «Es gab zwar schon schlimmere Zeiten, doch für die Schweiz ist alles über 5 Prozent recht hoch», sagt Siegenthaler.Die nüchternen Arbeitsmarktdaten erklären einen Teil, aber nicht die ganze schlechte Stimmung. Die Wahrnehmung des Stellenmarktes wird nicht allein von der Arbeitslosen- beziehungsweise Erwerbslosenquote geprägt, sondern auch durch direkte Beobachtungen. Fast jeder kennt Geschichten von Freunden und Bekannten, die Mühe bei der Jobsuche hatten. Die Besetzung neu ausgeschriebener Stellen dauert gemäss dem Personalberater Michael Page heute im Schnitt 70 Prozent länger als vor drei Jahren.Nur schon die Unsicherheit ist bedrohlich«Gut ausgebildete Menschen realisieren, was sie verlieren können», sagt Marius Osterfeld, Chefökonom des Branchenverbandes für Temporärarbeit Swissstaffing. In der Finanz- und der IT-Branche war Arbeitslosigkeit in der Schweiz lange Zeit quasi nicht existent. Noch immer ist sie tiefer als etwa in der Gastronomie oder der Hotellerie. Doch wer Gutes gewohnt ist, empfindet das Abgleiten als Affront. «Man muss nicht einmal den Job verlieren. Nur schon die Unsicherheit wird als sehr bedrohlich wahrgenommen», sagt Osterfeld.Die Unsicherheit speist sich nicht zuletzt daraus, dass Unternehmen ihre Erwartungen an die Belegschaft verändern. Wer heute Karriere machen will, muss vielerorts neue Fähigkeiten mitbringen. Bei der UBS ist «KI-Fluency», die Fähigkeit, KI im Fachbereich kompetent nutzen zu können, ein wesentliches Kriterium bei Neueinstellungen geworden.Doch auch wenn KI bereits zum Alltag gehört, lässt sich die schwierige Lage am Arbeitsmarkt im Banking nicht allein auf die Technologie zurückführen. Die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS führt zu Entlassungen, im internationalen Vergleich verliert der Schweizer Bankenplatz an Bedeutung. So wird die KI gern zum Sündenbock dieser Entwicklung gemacht. Dies gilt umso mehr, als man so auch sehr gut Managementfehler kaschieren kann.Die Firmen nehmen ihre Fachkräfte mit auf die KI-ReiseZum negativen Eindruck trägt bei, dass die Verlierer eine starke Stimme haben. «Sie sorgen dafür, dass sie gehört werden», meint Osterfeld. Schon hat die Angst ein neues Akronym erhalten: Fobo – «fear of becoming obsolete» – die Angst, überflüssig zu werden.Diese Sorge ist nicht gleichmässig verteilt. Besonders ausgeprägt ist sie bei jüngeren Arbeitnehmern. Die Älteren hingegen, die auf dem Höhepunkt der Generation-Z-Begeisterung schon fast als «outdated» galten, haben Oberwasser erhalten. «Die Firmen nehmen ihre erfahrenen Fachkräfte mit auf ihre KI-Reise», sagt Marius Osterfeld. Da die KI immer noch fiese Fehler in die schönsten Antworten einstreut, ist echtes Erfahrungswissen wieder wertvoller geworden.Dass das menschliche Wissen im Zuge des KI-Hypes zum Teil unterschätzt wurde, zeigt sich auch daran, dass in den USA einige Firmen Mitarbeiter wieder für Funktionen einstellen, die sie vermeintlich kostensparend an die KI ausgelagert hatten. So stellte Ford gemäss einem Bericht des Online-Magazins «Quartz» 350 erfahrene Ingenieure wieder ein, nachdem automatisierte Systeme Qualitätsprobleme bei Fahrzeugen nicht zuverlässig erkannt hatten. Bei IBM habe ein KI-System für Personalfragen zwar rund 94 Prozent der Anfragen bearbeiten können, sei aber bei komplexen Fällen gescheitert. IBM will deshalb laut dem Bericht 2026 die Zahl der Einstiegsstellen in den USA über alle Geschäftsbereiche hinweg verdreifachen.KI könnte vom Sparinstrument zum Motor werdenNoch ein Punkt spricht für Zuversicht: KI und Konjunktur scheinen sich gegenseitig in die Hand zu spielen. Solange die Weltwirtschaft schwächelt, wird KI vor allem als Sparinstrument eingesetzt. Dreht die Konjunktur wieder an, könnte dieselbe Technologie aber zum Motor für neue Produkte, neue Dienstleistungen und neue Arbeitsplätze werden.Osterfeld bringt dafür ein Beispiel: In einem Callcenter bekamen die Mitarbeiter den Auftrag, den Anrufern nach Möglichkeit noch ein Produkt des Arbeitgebers zu verkaufen. Sie wurden dabei von einer KI unterstützt. Diese empfahl den Mitarbeitern jeweils konkrete Produkte, die der Kunde noch nicht hatte. Die Verkaufsquote stieg durch den Einsatz der KI von 2 auf 25 Prozent.Wenn, wie in diesem Fall, die Mitarbeiter durch KI mehr Umsatz hereinholen, lohnt sich auch die Anstellung weiterer Mitarbeiter. KI ist in solchen Fällen nicht der Treiber eines Jobabbaus, sondern der Treiber eines Jobaufbaus.Was die «Job-Apokalypse» angeht, ist übrigens auch das Silicon Valley inzwischen zurückgerudert. Er habe den Einfluss von KI auf die Arbeitswelt überschätzt, erklärte der Open-AI-Chef Sam Altman Ende Mai auf einer Konferenz. Der Mensch bleibe wichtiger, als er gedacht habe.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel