Die Geschichte der Männer, die Deutschland reich machtenKonstantin Richter erklärt unterhaltsam, wie unser Nachbar zur globalen Wirtschaftsmacht aufstieg.12.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAm Tisch der Macht: Vorstandssitzung der Firma Krupp in Essen, Sommer 1974.Brigitte Hellgoth / AKG-ImagesDer Niedergang dauert an. Jüngst wurde gemeldet, Volkswagen wolle hunderttausend Stellen streichen. Wie ein gestammelter Fluch lastet das Wort auf Deutschland:Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.De-in-dus-tri-a-li-sie-rung.Die News wirken umso schockierender, je genauer man um die Vergangenheit weiss. Diese kann man nun besser kennenlernen mit «Dreihundert Männer», einer so klugen wie vifen Wirtschaftsgeschichte. Autor ist der Wirtschaftsjournalist Konstantin Richter, der in den USA gelebt und für die «New York Times» geschrieben hat.Richter setzt 1870 ein, als ein gewisser Hermann Wallich von einer Insel im Indischen Ozean nach Berlin abreist. Er wird Direktor eines neuen Finanzinstituts, der Deutschen Bank. Als künftiger Kollege wartet dort Georg Siemens – ein Name, der später um die Welt reist wie nun Wallich. Und so nimmt Richter Faden für Faden auf, kommt später wieder auf diesen Charakter und jene Firma zurück und webt so am grossen Historienbild der deutschen Wirtschaft. Die Bank von Wallich und Siemens wächst vom unscheinbaren Büro zum Grosskonzern, der andere künftige deutsche Grosskonzerne wie Bayer oder Mannesmann mit Startkapital versorgt.Als «Dreihundert Männer» jüngst mit dem deutschen Sachbuchpreis geehrt wurde, war das verdient. An angelsächsischer Prägnanz und Florian Illies’ Vorbild der cleveren Texthäppchen-Montage geschult, gelingt es Konstantin Richter, ein schweres Thema zu keinem Moment schwerfällig wirken zu lassen. Zu seinen Stärken gehört auch, klischierte Geschichtsbilder beiläufig aufzubrechen.Wilhelm II. ist dafür ein gutes Beispiel. Aus der Überlieferung ist der Kaiser vor allem als bornierter Hitzkopf bekannt. Richter zeigt nun aber, wie wichtig der Preusse für das Aufblühen der Wirtschaft, aber auch der Wissenschaft in Deutschland gewesen ist. Wilhelm begeisterte sich für neue Technologien wie die Telegrafie, vor allem aber förderte er die technischen Hochschulen. Für Demokraten und Intellektuelle war dieser Monarch ein Albtraum. Wirtschaftlich gesehen jedoch entwickelte Deutschland unter ihm eine Dynamik, die es seither nie mehr erreicht hat.Um 1900 bildet sich ein informelles Netzwerk der wichtigsten Unternehmer heraus, die sich regelmässig untereinander absprechen: die später sogenannte Deutschland AG. Diese ist auch eine konkrete Verpflichtung. Die Firmen halten gegenseitig grosse Aktienpakete und sind entsprechend an der allgemein-deutschen Prosperität interessiert.Manche dieser Firmen gibt es bis heute. Schwerste Krisen, darunter zwei Weltkriege, konnten sie nur überleben, weil sie kollaborierten: erst mit dem Kaiser, später mit Hitler. «Widerstand», stellt Konstantin Richter lakonisch fest, «gab es anderswo.»Das sogenannte «Wirtschaftswunder» nach 1945 war für Richter dann weniger das Mirakel eines neuen Deutschlands als die Mobilisierung alter Qualitäten. Der Autor betont die Kontinuität, die «bemerkenswerte Fähigkeit, reife Technologien, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hatten, weiterzuentwickeln».Gegen Ende franst sein Buch aus, die Charaktere werden blasser und verschwinden schneller wieder. Das muss so sein, weil nach dem Mauerfall ja auch das Geflecht der Deutschland AG allmählich ausfranst.Einen schwachen, womöglich auch trügerischen Trost birgt dieses Buch dann übrigens doch noch. Die Erzählung ihres Niedergangs, so zeigt Konstantin Richter, begleitet die deutsche Wirtschaft nun schon eine Weile. So erwähnt Richter einen Artikel des «Spiegels», in dem Versäumnisse angeprangert werden: Deutschland arbeite zu wenig, heisst es da, es verpasse den Anschluss an neue Technologien, verliere seine Talente, riskiere den Wohlstand. Erschienen ist der Text im fernen, heute vielen als geradezu paradiesisch erscheinenden Jahr 1966.★★★★★ Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Suhrkamp 2026, 543 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel