Vor diesem besonderen Match waren Karolina Muchova, 29, und Linda Noskova, 21, wiederholt gefragt worden, worin das Geheimnis liege, dass tschechische Spielerinnen so oft so gut in Wimbledon abschnitten. Die Frage langweilte sie offensichtlich etwas. Noskova immerhin gab einmal eine lustige Antwort, als sie dem früheren Tennis-Schlawiner John McEnroe in einer Sendung erwiderte: „Es liegt am Bier.“Muchova dagegen machte keinen Hehl daraus, dass sie des Themas völlig überdrüssig war. Sie hätte schon mehrmals darüber geredet, sagte sie nach ihrem Finaleinzug am Donnerstag genervt. Die Journalisten könnten in den Transcripts, den verschriftlichten Pressekonferenzen, nachlesen, was sie dazu befand, dass wiederholt Landsfrauen im All England triumphierten, zumindest seit 2015 ist das ja so. Man muss dazu sagen: Muchova ist eine ansonsten extrem nette und auf der Tour beliebte Spielerin. Noskova wiederum analysierte, die Spielerinnen ihres Landes seien „sehr kreativ“, sie hätten „all diese Facetten“, die auf Rasen gut funktionierten.Tennis:Zverev besiegt Fery – und steht im Wimbledon-FinaleAlexander Zverev ist der Mann der Stunde im Männertennis: Der French-Open-Sieger räumt auch Arthur Fery aus dem Weg – und kämpft am Sonntag gegen Jannik Sinner um seinen zweiten Grand-Slam-Titel.Am Samstag zeigten die beiden Tschechinnen jedenfalls ein Endspiel, das in Erinnerung bleiben wird. Nachdem Muchova bereits 2:6, 2:5 zurückgelegen hatte, gewann sie fünf Spiele nacheinander – um letztlich doch 2:6, 7:5, 3:6 gegen Noskova das Nachsehen zu haben. Für Muchova ist es die zweite Finalniederlage bei einem Grand-Slam-Turnier. 2023 unterlag sie bei den French Open der Polin Iga Swiatek. Bitter auch für Muchova: Regelmäßig schwärmen so viele in der Branche von ihr und ihrem Ballgefühl und Bewegungstalent. Doch vorerst bleibt sie weiter ohne ganz großen Titel.Für die junge Aufsteigerin Noskova ist es der größte Erfolg ihrer Karriere, der die üblichen Annehmlichkeiten nach sich zog. Prinzessin Kate als oberste Repräsentantin des britischen Königshauses überreichte ihr die Venus Rosewater Dish, eine Silberschale, die 1886 erstmals vergeben wurde. Dazu wird sie 4,22 Millionen Euro (vor Steuern) erhalten, in der Weltrangliste verbessert sie sich vom zwölften auf den siebten Platz. Muchova kassiert die Hälfte.Zwei Freundinnen: Linda Noskova (link) und Karolina Muchova bei der Siegerehrung. Cameron Spencer/Getty Images„Es ist echt schwer, die richtigen Worte zu finden“, sagte Muchova bei der Siegerehrung, „ich starte mit Linda, meiner Ex-Freundin.“ Da lachten alle. Diesen Humor in dem Moment der Niederlage muss man erst mal aufbringen. Die zwei sind ja eng befreundet. „Wie du das Match gemeistert hast, ist beeindruckend. Du verdienst es.“ Sie versprach, „weiter und weiter zu kämpfen“. Sie weinte immer wieder dabei. Noskova sagte anschließend: „Es fühlt sich unglaublich an.“ Sie bat um Vergebung, „für dieses eine Mal“. Auch ihr kamen die Tränen, ehe sie vielen Menschen dankte.Noskova ist die fünfte tschechische Siegerin binnen elf Jahren. Petra Kvitova (die auch in der Royal Box zu Gast war) triumphierte 2011 und 2014, Marketa Vondrousova, die vor wenigen Wochen wegen einer verweigerten Dopingprobe für vier Jahre gesperrt wurde, reüssierte 2023, Barbora Krejcikova 2024. In der Royal Box applaudierten auch Schauspielerin Jodie Foster, Regisseur Sam Mendes, Freestyle-Skifahrerin Eileen Gu und Maria Scharapowa, die Wimbledonsiegerin von 2004. Behalten darf Noskova die Trophäe allerdings nicht, dafür wird ihr noch eine Dreiviertel-Replik mit den Namen aller bisherigen Champions (Durchmesser 36 cm) ausgehändigt, die sie mitnehmen wird.Dass Noskova und Muchova überhaupt im Finale standen, hatten sie auch glücklichen Fügungen zu verdanken. Beide hatten auf dem Weg ins Endspiel Matchbälle abzuwehren. Noskova tat dies im dritten Satz ihres Drittrundenmatches gegen die Rumänin Sorana Cirstea. Muchova im Match-Tiebreak des dritten Satzes ihres Halbfinals gegen die US-Amerikanerin Coco Gauff. Erstaunlicherweise sind im Tennis solche Leistungen gar nicht völlig rar. 2018 standen sich bei den Australian Open die spätere Siegerin Caroline Wozniacki aus Dänemark und Simona Halep aus Rumänien im Endspiel gegenüber; beide hatten in Partien zuvor ebenfalls Matchbälle abgewehrt. In Wimbledon ist Noskova die dritte Spielerin, die den Titel nach Matchball-Abwehr gewinnt, nach der US-Amerikanerin Venus Williams (2005) und deren Schwester Serena Williams (2009).Als das Publikum johlt, hält Noskova sich die Ohren zu. Sie leidet sichtbarDas Finale war früh recht einseitig, Noskova zog mit ihrem kraftvollen, kompromisslosen Grundlinienspiel auf 3:1 davon, dann 5:2 und gar 6:2, mit dem zweiten Break. Vor dem zweiten Satz trat Muchova kurz aus, manchmal verändern solche Pausen das Momentum, wenn die andere anfängt nachzudenken. Der Trick funktionierte aber nicht bei der vorerst stabil agierenden Noskova. Sie nahm Muchova das Aufschlagspiel zum 4:2 ab und zog auf 5:2 davon. Doch dann hatte Noskova plötzlich größte Mühe, das Match zuzumachen.Wimbledon:Sogar der Wüstenbussard ist hier ein StarPimm’s auf dem Hügel, Dresscode für die Spieler und ein Vogel auf Taubenjagd: Kein Grand-Slam-Turnier tickt wie der Rasenklassiker im All England Club. Eindrücke von einer sehr eigenen Tennisbühne.Nach 68 Minuten Spielzeit hatte sie ihren ersten Matchball. Sie vergab zwei weitere, Muchova verkürzte umjubelt auf 3:5. Bei eigenem Aufschlag lag der Vorteil bei Noskova, aber nun wurde es wild. Offenbar fing sie an zu grübeln. Man wird ja nicht jeden Tag Wimbledon-Champion. Sie vergab den vierten Matchball, Muchova vergab ihrerseits sechs Breakbälle. Das Publikum fieberte lautstark mit. Den siebten verwandelte die Weltranglistenneunte zum 4:5.Dann wieder Aufschlag Muchova, fünfter Matchball. Abgewehrt mit einem Vorhandschuss. Und Muchova glich aus, 5:5. Viele Zuschauer standen jetzt. Wie würde Noskova, so kurz vor dem Triumph gewesen, das verkraften? Nicht gut. Sie brach mental ein. Sie hatte Muchova selbst zurück ins Match gelassen. Sie verlor auch das fünfte Spiel in Serie und damit den Satz 5:7. Als das Publikum johlte, hielt sie sich die Ohren zu. Sie litt sichtbar.Linda Noskova hält sich nach dem verlorenen zweiten Satz die Ohren zu, um das Gejohle des Publikums nicht zu hören. Henry Nicholls/AFPNun ging Noskova zur Toilette, es ist immer das gleiche Psychospielchen. Selten gehen die Führenden hinaus. Wie sehr das Duell ein Duell der Nerven war, zeigte sich bei fast jedem Ballwechsel. Sicher wirkten beide nicht, aber sie kämpften leidenschaftlich. Plötzlich führte Noskova, gerade noch am Boden liegend, 3:0, 4:1, 5:2 – bei dem Stand war sie schon mal. Wie eine Kopie des zweiten Satzes ging es weiter. Muchova verkürzte, 3:5. Würde Noskova ihr Trauma des zweiten Satzes bewältigen? Diesmal hielt sie dem Druck stand. Nach 2:27 Stunden hatte sie ihren sechsten Matchball, den sie verwandelte. Sie sank völlig erschöpft auf den Boden, ehe sie von Muchova umarmt wurde.