Den Witz mit dem Bier konnte Linda Nosková nicht nochmal bringen. Nicht auf dem Centre Court vor den Ohren der Prinzessin von Wales, vor allem nicht, nachdem der Scherz schon seit zwei Tagen in der Welt war. Die Einundzwanzigjährige hatte ihn nach ihrem Halbfinale im Gespräch mit John McEnroe gemacht – auf die Frage, warum das tschechische Damentennis so erfolgreich sei: Müsse wohl am Bier liegen, sagte Nosková und brachte den Wimbledon-Altchampion aus Amerika zum Lachen.Bei der Siegerehrung war sie nicht zum Scherzen aufgelegt, fand ihren ersten Triumph „unglaublich“ und schickte einen Gruß hinauf zum Himmel und dankte ihrer verstorbenen Mutter. Nach ihrem 6:2, 5:7, 6:3 über ihre Landsfrau Karolina Muchová ist die Weltranglistenzwölfte die jüngste Wimbledonsiegerin seit 2011, als Petra Kvitová aus – man ahnt es schon – Tschechien zum ersten Mal triumphierte. Die Siegerin dankte Muchová, die ihren Teil zur tschechischen Dominanz auf dem englischen Rasen beitrug: „Ich bin so glücklich, mein erstes Grand-Slam-Finale mit dir gespielt zu haben. Ich glaube, wir haben heute Geschichte geschrieben.“Linda Nosková hätte die Angelegenheit am Samstag schneller hinter sich bringen können, doch nach einer 6:2, 5:2-Führung konnte sie fünf Matchbälle nicht nutzen und kam noch arg in tschechische Schwulitäten. Erst nach 2:27 Stunden Spielzeit machte sie dann Schluss. „Heute war es nicht leicht, den letzten Punkt zu machen. Karo hat mich schwer dafür ackern lassen“, sagte Nosková.„Meine ehemalige Freundin Linda“Zum dritten Mal in vier Jahren gewann eine tschechische Frau den Einzelwettbewerb von Wimbledon. Nach Markéta Vondroušová (2023) und Barbora Krejčíková (2024) erweitert nun der Name Nosková die Liste der Siegerinnen aus dem Land mit rund elf Millionen Menschen. Einige der früheren Gewinner saßen am Samstag mit der Herzogin von Wales in der Royal Box und applaudierten ihrer Nachfolgerin: Martina Navratilová (neun Einzeltitel), Kvitová (2011, 2014) und Jan Kodes (1973). Der allerneuesten Wimbledonsiegerin gelang das Kunststück, auf dem Weg zum Titel einen Matchball abgewehrt zu haben – bei ihrem Drittrundenerfolg gegen die Rumänin Sorana Cirstea. Muchová vergoss die eine oder andere Träne, ehe ebenso öffentlich wie scherzhaft „meiner ehemaligen Freundin Linda“ gratulieren konnte: „Du bist so jung und wie du dein erstes Grand-Slam-Endspiel angegangen bist, war beeindruckend.“Knapp geschlagen: Karolina Muchova trauert der vergebenen Chance hinterher.ReutersAuch wenn der Name Nosková nicht jedem Sportfreund sofort geläufig ist: In Deutschland haben sie und ihre Finalgegnerin sich jüngst einen gewissen Namen gemacht: Nosková hatte das WTA-Turnier in Berlin gewonnen, Muchová in Bad Homburg. Eine Überraschungssiegerin ist die Einundzwanzigjährige von daher keineswegs. Mit einer Bilanz von 11:1 Siegen war Nosková ins Turnier gestartet und galt neben ihrer unterlegenen Gegnerin schon zuvor als erfolgreichste Frau in der nun zu Ende gehenden Rasensaison.Mit 15.000 Zuschauern inklusive der Prinzessin Catherine bot der Centre Court einen ungewöhnlich üppigen Rahmen für ein Match, das auch als Endspiel der internationalen tschechischen Tennismeisterschaften auf neutralem Boden hätte durchgehen können. Das letzte Mal, dass sich in einem Grand-Slam-Endspiel zwei Frauen aus demselben Land gegenüberstanden, war 2017. Damals besiegte Sloane Stephens bei den US Open ihre amerikanische Landsfrau Madison Keys.Noskovás Arm wird schneller lockerDass zwei Finalistinnen nervös beginnen, sollte jeder Ticketkäufer eingepreist haben. Überraschend war am Samstag eher, dass nicht Muchová, die bei den French Open 2023 Grand-Slam-Finalerfahrung gesammelt hatte, als Erste entspannte. Nosková war es, deren Arm schneller locker wurde und die sich den Beifall der Prinzessin verdiente: Sie servierte flexibel und übte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit Druck aus. Muchová wusste zwar spätestens aus den gemeinsamen Doppel-Auftritten 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris, was von ihrer lieben Landsfrau zu erwarten war. Doch hatte sie zunächst wenig entgegenzusetzen und verlor den ersten Satz nach 31 Minuten 2:6.Nachdem sich Muchová eine Auszeit zum Sammeln genommen hatte, stieg ihr Niveau langsam, aber rechtzeitig. Beim Stand von 2:5 hatte es noch so ausgesehen, als ob die Weltranglistenneunte auf ähnlich verlorenem Posten stünde wie im Vorjahresfinale die Amerikanerin Amanda Anisimova, die gegen die Polin Iga Swiatek mit 0:6, 0:6 unter die Räder kam. Doch hielt die Allrounderin dagegen und wehrte – auch mit Noskovás Unterstützung – fünf Matchbälle ab. Nach fünf Spielgewinnen in Serie hatte Muchová den zweiten Satz gewonnen.Das anfangs öde Match entwickelte sich zu einem munteren Spielchen mit Stopps, Volleys und sogar einem „Tweener“ von Muchová, die den Ball mit dem Rücken zum Netz zwischen ihren Beinen hindurchschlug. Neben ihrer Power zeigte Nosková im dritten Satz auch Nervenstärke. Ihren sechsten Matchball nutzte sie mit einem Aufschlag, den Muchová nicht zurückbringen konnte. Ob es zum Feierabend ein Budweiser oder ein Pilsener gab?