Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass zwei US-Amerikaner Wikipedia gegründet haben. Noch immer ist die Seite werbefrei, allein finanziert durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Und während es anfangs durchaus Vorbehalte gab gegen ein von Freiwilligen kuratiertes Lexikon, „steht Wikipedia in Zeiten von KI mit all dem Quatsch, den die in die Welt setzt, plötzlich für Transparenz und geprüfte Quellen“, sagt Herwig. Denn im Laufe der Jahre haben die Betreiber der Plattform raffinierte Kontrollmechanismen entwickelt. Wichtigste Regel: kein Beitrag ohne Quellenangabe. „Und die Community achtet mit Argusaugen auf Qualität“, sagt Herwig.Seit fast zehn Jahren ist die 52-Jährige als Wiki-Autorin Teil der Münchner Community. Eine Freundin motivierte sie damals: „Mach das, da kommen viel zu wenige Frauen vor.“ So begann es, mit dem Ziel, weibliche Biografien sichtbarer zu machen, den Genderbias zu korrigieren, der immer noch in vielen Artikeln erkennbar sei. „Da geht es oft um die Männer, Affären oder Kinder der Frauen, zu wenig um deren eigene Leistungen“, sagt Herwig.Zum Beispiel Gabriele Münter. „Ein großer Teil des Artikels handelte von Wassily Kandinsky: das Künstlergenie und seine Gefährtin, eine gängige Erzählung.“ Münters Entwicklung als Malerin – unterbelichtet. „Ihre frühen Reisen, ihre Fotografie, ihre Kinobegeisterung kamen überhaupt nicht vor.“ Wieder eine Frau, die im Schatten eines großen Mannes steht, dachte sich Herwig und machte sich ans Werk. Jetzt steht Münters eigenes Leben und Schaffen im Vordergrund. So etwas gehört zu den kleinen Freuden der Wikipedianer und Wikipedianerinnen. Und wenn ein Artikel dann plötzlich nach oben auf der Webseite rutscht und mehr als 18000 Klicks an einem Tag bekommt – „dann hat das ja schon auch eine Wirkung.“Gut 500 Mitglieder hat die Münchner Community, etwa 50 gehören zum harten Kern. Im „Wikimuc“-Büro an der Angertorstraße in der Münchner Innenstadt treffen sie sich regelmäßig, helfen sich gegenseitig beim Recherchieren und Schreiben, diskutieren über Themen und Textpassagen. Es gibt Workshops in Münchner Kultureinrichtungen wie der Monacensia oder dem Lenbachhaus, wo sie sich dann zu mehreren bei Kaffee und Keksen einquartieren und ganze Nachlässe durchforsten. Bei Stammtisch-Abenden lernen sich Neulinge und alte Hasen kennen.„Das ist wichtig“, sagt Herwig bei einem Treffen am Jakobsplatz unweit des Büros. „Denn online wird der Ton schnell mal ruppig. Wir sind ja alles Individualisten und neigen schon mal zur Besserwisserei.“ Weil sie sich persönlich kennen, begegneten sie sich mit Respekt. „Wir wissen, was wir im Artikel des anderen ändern dürfen, ohne dass er oder sie beleidigt ist.“ Und wer doch mal von einem Besserwisser gerügt wurde, finde schnell jemanden, der ihm sagt: Nimm's nicht persönlich. Man lerne, mit Kritik umzugehen.„Anfangs ließ ich mich auch schnell mal verunsichern“, erzählt Herwig. Sie ist Grafikerin von Beruf, und als sie damals bei Wikipedia anfing, tastete sie sich langsam voran. Mal ein Satz hier, ein Kommentar dort. Inzwischen hat „Kaethe17“, wie sie auf der Plattform heißt, zwei grüne Sternchen für „exzellente“ Artikel. Auch diese Auszeichnung hat ihr die Community – nach intensiver Prüfung und Diskussion – verliehen. „Hat mich riesig gefreut“, sagt die 52-Jährige.Mit Susan Sontag beschäftigte sich Herwig zwei Jahre lang, las alle verfügbaren Biografien, um der amerikanischen Autorin gerecht zu werden. Johannes SimonHeute nimmt Herwig es sportlich, wenn jemand wie „Volker Haha“ einen ihrer Beiträge kritisiert. „Wenn es respektvoll geschieht, bedanke ich mich dafür – und gehe notfalls nochmal in die Bibliothek, um nachzurecherchieren.“ Bei der amerikanischen Autorin Susan Sontag war das so. Unzufrieden mit dem Artikel, hatte sie begonnen, ihn umzuschreiben. „Die Frau war mutig, sie hatte eine Haltung, aber sie war keine Heilige“, stellt Herwig fest. Es entspann sich eine monatelange Debatte mit „Pinguin55“, „Alpenhexe“ und anderen Wikipedianerinnen. Von „unklarer Satzanfang“ oder „Quelle?“ über „Lebensgefährtin Annie Leibovitz“ reichten die Bemerkungen. Alles nachzulesen in der Rubrik „Diskussion“, die oben auf jeder Seite aufgerufen werden kann.Diese Transparenz ist es, was Herwig an Wikipedia so fasziniert. „Es ist ein großes basisdemokratisches Lager. Dass man sich mit Argumenten streiten kann und die gemeinsame Sache dadurch besser wird, das erlebe ich tatsächlich ganz oft im Wikiversum“, sagt sie und streicht eine Locke aus dem Gesicht. Gründlichkeit geht ihr über alles.Wer als Neuling mitschreiben will, kann das mit einem temporären Konto tun, erhält aber nur eingeschränkte Funktionen. Erst wer angemeldet ist und schon mindestens 150 Artikel bearbeitet hat, die von der Community beobachtet und im Wesentlichen nicht beanstandet wurden, steigt in der Hierarchie auf. Er oder sie bekommt dann die sogenannten Sichter-Rechte.Mit aktuell knapp 11.000 „Edits“ gehört die Münchnerin längst zu den Routiniers mit allen Rechten. „Ich könnte theoretisch einen Schmarrn reinschreiben, aber der bliebe kaum länger als ein paar Minuten drin – die Artikel werden ja auch von anderen beobachtet.“ Nur bei Themen, die kaum je aufgerufen werden, passiere es, dass Fehler länger stehen blieben.Manchmal taucht auch einfach Blödsinn auf, gerne am Vormittag, vielleicht während langweiliger Schulstunden. Dann schreibt einer: „Stefan aus der 9b ist doof“ in einen Artikel. Besonders aufpassen müsse man auch bei allen Artikeln zu NS-Themen. Die dürfen nur von angemeldeten Benutzern oder Benutzerinnen editiert werden. „Es ist gut, dass die deutsche Community so groß ist“, sagt Herwig. „Da achtet immer jemand drauf.“ User, die mehrfach Artikel manipuliert haben, werden gesperrt.Sie hat immer eine Liste von Artikeln, die sie beobachtet. Wenn sie Unfug entdeckt oder Behauptungen ohne Quellenangabe, „schmeiße ich das wieder raus“. Johannes SimonManchmal komme es vor, dass jemand in Artikeln, die sie beobachtet, neue Absätze einfüge, ohne Belege. Wenn ihr der Inhalt sachlich richtig erscheine, suche sie nach Quellen und ergänze diese. „Wenn es aber Sachen sind, die jemand nur vom Hörensagen meint zu wissen, schmeiße ich das wieder raus mit dem Hinweis, dass wir immer seriöse Belege brauchen.“Wikipedia gehört inzwischen fest zu Herwigs Leben. Etwa zehn Stunden pro Woche beschäftigt sie sich ehrenamtlich mit Recherchieren, Schreiben, Sichten und Korrigieren. Regelmäßig fährt sie zu Kongressen von Wikipedianern und Wikipedianerinnen im In- und Ausland. „Mein Mann muss mich bremsen, sonst würde ich noch viel mehr Zeit in diesem Universum verbringen. Es macht einfach riesig Spaß.“Fast 130 Millionen Besucher nutzen Wikipedia täglich. Doch die Zahl geht zurück. Viele Menschen fragen jetzt KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini, wenn sie etwas wissen wollen. „Das Perfide ist, dass diese Chatbots massenhaft Informationen von Wikipedia abgreifen“, sagt Franziska Heine, geschäftsführende Vorständin von Wikimedia Deutschland, dem Förderverein der deutschsprachigen Wikipedia-Community. „Sie saugen das von Freiwilligen kuratierte Wissen ab, trainieren damit ihre KI, beteiligen sich aber nicht an den Kosten für die Infrastruktur.“ Doch dies ändere sich langsam. Einige Unternehmen wie Meta oder Amazon seien inzwischen bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. „Das ist ein positives Signal.“Was allerdings noch mehr Sorgen bereite: Die Chatbots fluten Wikipedia im Gegenzug mit Fake-Artikeln. „Falsche Fakten, erfundene Quellen“, sagt auch Kathrin Herwig, „das kostet uns viel Energie, das alles zu sichten und zu korrigieren.“ Bei einem Kongress in Berlin diskutierte die Community vor Kurzem ausführlich über den Umgang mit KI und die Gefahrenabwehr durch Chatbots.Kathrin Herwig klappt ihren Laptop zu. Sie wird sich nicht beirren lassen. Noch gründlicher prüfen, was andere schreiben. Noch beharrlicher die Frauenquote in der Wiki-Welt heben.Mit Shigeko Kubota will sie sich als nächstes beschäftigen. Kennt keiner? „Schade“, sagt Herwig. Eine interessante Frau, die zusammen mit Yoko Ono Teil der Fluxus-Bewegung in den Sechzigerjahren war. Dank Herwig wird man bald mehr über sie erfahren. Und danach will die Münchnerin einen Artikel über die Relationale Ästhetik schreiben. „Das ist eine Kunstrichtung, bei der keine Werke entstehen, sondern das Zusammensein das zentrale Thema ist.“ Ein bisschen so wie im Wikiversum.Wer wissen will, wie Wikipedia funktioniert, und einige der Münchner Autorinnen und Autoren kennenlernen will, kann am Samstag, 11. Juli, von 11 bis 17 Uhr am Stachus vorbeischauen. Dort macht aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Plattform der Wikipedia-Bus Halt.
Wikipedia-Autorin über ihre Arbeit: "Wir neigen schon mal zur Besserwisserei"
Kathrin Herwig schreibt seit Jahren für Wikipedia. Wie die Community die Qualität prüft und warum das Online-Lexikon besser ist als die KI.







