Die nun eröffnete Ausstellung „Zur Sonne! Zur Freiheit! Wege der Freilichtmalerei um 1800“ im Kunstmuseum Winterthur hat nicht zuletzt wegen der Menge ihrer hoch qualitätvollen Ölstudien (135! 30 davon bislang unpubliziert) und der zwei Ausrufezeichen im Titel etwas ähnlich Revolutionäres wie der Schweizer Achtundsechzigerslogan „Weg mit den Alpen! Freier Blick aufs Mittelmeer“.Und genau so ist sie auch gemeint. Denn parallel zur Französischen Revolution 1789 ereignet sich in den Achtzigerjahren des 18. Jahrhunderts auch ein Umsturz in der Malerei – es wird nun unter freiem Himmel direkt vor dem Motiv plein-air gemalt, fast hundert Jahre vor den Impressionisten, und zwar in Öl auf dem leichten und günstigen Papier oder Malkarton in Italien (und auf dem Weg dorthin), wo das eindrücklichste Licht herrscht.Die bisherige Kunstgeschichtslehre besagte, dass erst die Erfindung der leicht transportablen Tubenfarben von 1840 an die Freilichtmalerei ermöglicht habe. Da kannte die Theorie aber die Praxis schlecht – statt in Metalltuben nahmen die Künstler ihre Farben handlich abgepackt in kleinen Schweineblasen mit ins Feld, wie einige wundersam über zweihundert Jahre hinweg erhaltene Farbblasen inklusive leichter und hocheffizienter Malkästen sowie Paletten aus der Kölner Malutensilien-Sammlung Dirk Schmitts am Anfang der Winterthurer Schau belegen.Töpffer und De Meuron darf man nicht mehr aus dem Blick verlierenDazu wird der Weg der Schweizer Subito-Ölmalerei auf Papier nachgezeichnet, denn in der Alpenrepublik wurde dieser Praxis – wie nur wenig bekannt – ebenfalls bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nachgegangen, etwa vom Pionier der Alpenmalerei Caspar Wolf. Mit diesem neuen Fokus auf die Schweiz weicht die Schau wesentlich von den Ölskizzenausstellungen der vergangenen Jahre ab.Bei Ölstudien wie Wolfs „Der Geltenschuss-Wasserfall im Lauenental“ von 1778, Simon Denis' „Wasserfall“ von um 1800 oder dem „Blick auf Genfersee und Salève“ aus dem Jahr 1817 von Wolfgang-Adam Töpffer – zusammen mit Maximilien de Meuron eine atemnehmende Künstlerentdeckung zumindest für Nicht-Schweizer – hätte diese Annahme im Grunde immer schon nahegelegen: Die ungeschmälerte Gewalt des zu dieser Zeit so entscheidenden Sublim-Erhabenen einzufangen, verlangt nicht nur die Anwesenheit des Künstlers vor Ort, sondern auch die möglichst unmittelbare und ungefilterte Zeugenschaft auf einem Bildträger.Ein Anonymus schuf die fast fotorealistische „Terrasse auf der Insel Capri“ in Öl auf Papier Anfang des 19. JahrhundertsFondation CustodiaSo wollte auch William Turner die wildesten Stürme an Bord eines Schiffes am eigenen Leib durchleben, mit dem Unterschied, dass die präimpressionistischen Sublimisten nicht wie der Engländer am Mast gefesselt waren, sondern sofort losmalten, bevor sich eine spektakuläre Gischt in einer Felsklamm oder eine dramatische Lichtsituation in einem Baumwipfel wieder wandelte. Oder wie Goethe es beim Durchqueren der Schweizer Berg-Monstrositäten und Wasserfall-Urgewalten am Staubbachfall im Lauterbrunnental 1779 ergriffen festhält: „Ragen Klippen / Dem Sturz entgegen, / Schäumt er unmutig / Stufenweise / Zum Abgrund“.Subtile Kunst meist menschenleerer ÖlstudienDie subtile Kunst der meist menschenleeren, nicht-erzählerischen Ölstudien (auf allen Bildern der Schau sieht man gerade einmal zwei Personen), auf denen es erst einmal nicht mehr zu sehen gibt als Unmittelbares, passt in zweifacher Hinsicht in ein Ausstellungshaus in der Schweiz. Denn zum einen, das ist die inhaltliche Begründung, führt der Weg deutscher (sehr früh schon der spätere bayrische Hofmaler Johann Georg von Dillis, dessen duftige Meisterblätter ein Stockwerk tiefer in der ständigen Sammlung nicht übersehen werden sollten, ebenso aber Martin von Rohden und Heinrich Reinhold) wie auch französischer Künstler (Pierre-Henri de Valenciennes, Achille de Bray oder Alexandre-Hyacinthe Dunoy) zumeist durch das Alpenland.Zum anderen besteht ein enger Zusammenhang zu dem Winterthurer Sammler Oskar Reinhart, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit als Erster eine der größten Kollektionen an Landschaftsstudien in Öl weltweit zusammentrug. So kann die Stiftung heute die mannigfachen Wege der Befreiung des Sehens von akademischen Doktrinen via Schweiz und Italien nahezu lückenlos nachvollziehen.Das fleckige Grellgrün hat noch Jahrzehnte später Félix Vallotton inspiriert: Jean-Baptiste Camille Corots Ölstudie „Blick auf Marino in den Albaner Bergen am frühen Morgen“, 1826–1827Städel MuseumAber handelt es sich tatsächlich, wie gleich die zweite Kapitelüberschrift vollmundig behauptet, um eine „Neuerfindung der Malerei“? Wohl schon, denn naturgemäß macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ein Bild nach einer ausgefeilten Disegno-Vorzeichnung in der stillen Kammer des Ateliers entsteht oder vor Ort in Autopsie.Zum Niederknien!Nicht weniger als sieben Ölstudien Camille Corots werden mit berechtigtem Stolz präsentiert. Zum Niederknien ist der „Blick aus dem Fenster des Künstlers“, noch am Ankunftstag in Rom schnell festgehalten: Die Bildhälfte unter dem typisch strahlend blauen Himmel der Stadt füllt eine lakonische römische Dachlandschaft mit uralten Ziegeln, während der linke untere Teil als graues Nonfinito stehen blieb.Nur winzig und weit im Hintergrund ist die Kuppel des Petersdoms zu sehen, womit er eine Schubumkehr des Motivs weg von den damals schon touristischen Highlights hin zu einem frei schweifenden Blick auf bisher Übersehenes einleitet, den Simon Denis mit seiner Reduktion auf Roms dunkle Silhouette im Abendrot oder Carl Blechen mit seiner Ölstudie des Septizoniums, in der es nicht mehr um die Feier der Antike geht, vielmehr um den malerischen Gleichklang des zarten Ziegelrosa in Architektur und Natur, ähnlich zeigen.Wie oft wechselt das Licht allein im Laub dieses Baums: Simon Denis' „Bäume vor einem Tal“, o. J.Fondation CustodiaDoch ist und bleibt Corot eine Liga für sich. Obwohl oder vielleicht weil er nach einer abgebrochenen Tuchhändlerlehre ein intensives autodidaktisches Studium der Natur in der Natur, insbesondere in Italien anschloss (nachdem er sich praktisches Rüstzeug bei einem der frühesten Ölstudenten, dem ebenfalls in Winterthur prägnant vertretenen Achille Etna Michallon verschafft hatte), sprühen seine Ölstudien nur so vor Leben.Der befreite BlickVieles, was oben wie unten ist, im Himmel wie auf Erden, taucht bei ihm in sein berühmtes silbriges Licht oder spiegelt dieses wider. Und tatsächlich bringt Corot diesen befreiten Blick von 1830 an in die Malkolonie im Wald von Barbizon, die wiederum mit Millet, Rousseau und vielen anderen die Keimzelle des späteren Impressionismus bildet. Formiert hatte er sich allerdings bereits in den völlig freien Wolkenstudien etwa eines Simon Denis oder Gilles-François Closson.Die Winterthurer Schau beginnt und endet mit einer vegetabilen Ölstudie: Ernst Fries' „Der Ponte Nomentano nördlich von Rom und Blattstudien“, 1824Kurpfälzisches Museum der Stadt HeidelbergSchließlich bedeuten Carl Blechens Sepiazeichnungen aus Amalfi von 1829 aus der Berliner Akademie der Künste nicht weniger als eine nochmalige Steigerung des schon in den Studien unaufhörlichen Licht-Spiels. Der Berliner Maler „baut“ geradezu mit Licht, wie das entsprechende Ausstellungskapitel zu Recht überschrieben ist. Vergleichbar mit den Solarisationen Christian Schads aus den Zwanzigerjahren oder modernen Photoshop-Spielereien sind Hell und Dunkel invertiert, erscheinen verschattete Häuserwände plötzlich überblendet, helle Partien dagegen surreal verdunkelt.Schatten und Sonne streiten manichäisch mit- und gegeneinander um den schmalen Raum auf den kleinformatigen Papieren. Dass es sich um wahre, in und vor der Natur entstandene Skizzen handelt, wird angesichts solcher Wunderwerke der Lichtmalerei niemand ernsthaft bezweifeln wollen. Zugleich ist nichts dem modernen Blick näher als diese vor fast zweihundert Jahren entstandene Kunst.Weil also die Blütezeit der Ölstudie in Italien über einen schweizerischen „Umweg“ geschah, liegt es nahe, nein, ist es ein Muss, bei der nächsten Italienfahrt in Winterthur haltzumachen und die mit ihren Wasserfällen und Wolkenballen Kühle spendenden, doch niemals kalt lassenden frühesten Freilichtmalereien der Kunst zu genießen. Es ist schlicht die Sommerausstellung des Jahres 2026.Zur Sonne! Zur Freiheit! Wege der Freilichtmalerei um 1800. Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten; bis zum 25. Oktober. Der Katalog im Hirmer Verlag kann auch als Standardwerk dienen und kostet 48 Franken.