Sie blickten in die Landschaft, er hatte Augen für die Menschen: Renoir, der andere Impressionist, jetzt gross in ParisPierre-Auguste Renoir malte die Lebensfreude: Er beschwor ein Ideal des Miteinanders und zelebrierte die Harmonie der Gleichstellung der Geschlechter. Das zeigt jetzt das Musée d’Orsay mit zwei Ausstellungen zu dem berühmten französischen Meister.Peter Kropmanns, Paris02.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenGeselliges Beisammensein in Pierre-Auguste Renoirs berühmtem Gemälde «Bal du moulin de la Galette» von 1876.Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Mathieu RabeauSeine Kunst polarisiert immer noch. Sie hat ihm das Etikett eines unverbesserlichen Hedonisten eingebracht. Pierre-Auguste Renoir zeigte die Schokoladenseite des Lebens. Er blieb den Dramen dieser Welt fern. Zudem geriet ihm manches allzu gefällig, bisweilen gar süsslich, vor allem im Spätwerk. Das kam nicht von ungefähr. Mit dreizehn Jahren war er Lehrling im Atelier eines Herstellers von Porzellan gewesen, er dekorierte Teegeschirr. Später bemalte er Fächer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mehr noch als seine brotberuflichen Erfahrungen und die Kurse an einer Zeichenschule sowie an der Kunstakademie scheint sein heiteres Naturell den Ausschlag gegeben zu haben. Viele seiner Werke weisen auf Sanftmut und Ausgeglichenheit, ja positives Denken und die Fähigkeit des Künstlers zur Geselligkeit hin.Pierre-Auguste Renoir interessierte sich für die «Konversation» zwischen Menschen: «La Conversation», 1878, Gemälde.Erik Cornelius / NationalmuseumIm Kreis seiner Kameraden Claude Monet, Alfred Sisley und Frédéric Bazille setzte er eigene Akzente: Während Bazille in den 1860er Jahren etwa hinausfuhr, um Natur und Licht am Wald von Fontainebleau und dessen Saum bei Barbizon einzufangen, konzentrierte sich Renoir im benachbarten Marlotte auf ein ambitioniertes Interieur. Dafür stellte er am Tisch einer urigen Dorfschenke ungezwungen zusammenkommende Menschen dar.Tatsächlich widmete er sich auch später, in der Zeit, in der sich der Begriff des Impressionismus durchsetzte, mehr als andere Maler zeitgenössischen Figuren und Szenen geselligen Zusammenseins. Während seine Kollegen ihren Blick in die Landschaft richteten und an Licht und Schatten interessiert waren, stellte er immer wieder kleinere und grössere Gruppen junger, einander gewogener Leute und verliebt wirkender Paare dar. Sie unterhalten sich, sitzen beim Essen beieinander, flirten, tanzen oder machen eine Bootspartie.Bootsfahrer beim sommerlichen Frühstück: Pierre-Auguste Renoirs Gemälde «Le Déjeuner des Canotiers», um 1880-1881, aus Washington.The Phillips Collection, Washington, D.C.Eine weitere Bootsszene: Renoirs «Les Canotiers à Chatou», 1879.National Gallery of Art, WashingtonNaheliegend also, eine Ausstellung «Renoir und die Liebe» zu betiteln. Aus Anlass seines vierzigjährigen Bestehens widmet das Pariser Musée d’Orsay dem Künstler nun zwei inhaltlich miteinander verklammerte, aber räumlich getrennte Ausstellungen: «Renoir et l’amour» konzentriert sich auf seine frühen Gemälde der Jahre von 1865 bis 1885, «Renoir dessinateur» auf sein allgemein weniger bekanntes Wirken als Zeichner, Aquarell- und Pastellmaler sowie Druckgrafiker. Die Trennung in zwei Bereiche ist auch akuten Baumassnahmen im Jubiläumsjahr geschuldet, die unterschiedlichen Laufzeiten erklären sich durch die Lichtempfindlichkeit der grafischen Arbeiten.Zärtlichkeit und EmpathieRenoir-Fans können frohlocken, weil beide Ausstellungen aus dem Vollen des reichen Museumsbestands schöpfen, etwa mit «Bal du Moulin de la Galette» oder mit der «Schaukel». Aber auch zahlreiche Leihgaben kommen zur Geltung, allen voran «Der Spaziergang» aus Boston und, selten ausserhalb der USA gezeigt, «Das Frühstück der Ruderer» aus Washington.Renoir-Skeptiker wiederum sollten ihren Argwohn aufgeben. Sie können sich von der Virtuosität des Zeichners überzeugen und vielleicht auch einen neuen Renoir entdecken. Denn unter den Gemälden zum Thema Liebe sind weder Kitsch noch erotische Szenen zu verstehen. Es geht vielmehr um die Darstellung sanfter Bande zwischen einzelnen Figuren im weitesten Sinn. Eine gewisse Zärtlichkeit scheint da auf. Mit grosser Empathie hat sich Renoir den Dargestellten genähert und diese in ihrer Verfassung zur Geltung gebracht, ohne ins Sentimentale zu driften.Seine Männer wirken sympathisch, seine Frauen sind weder Vamp noch Aschenputtel: Tatsächlicher oder vermeintlicher Kampf der Geschlechter scheint dem Künstler fremd. Im Gegenteil: Renoir beschwört ein Ideal des Miteinanders herauf, zelebriert die Harmonie der Gleichstellung. Von dem Konzept der Kuratoren, dass sich bei dem Thema und den konkreten Exponaten ungeahnte, bisher nicht erschlossene Perspektiven ergeben, muss man nicht überzeugt sein. Dennoch macht die Schau deutlich, dass Renoirs Malerei von herausragender handwerklicher Qualität ist.Menschen unter Regenschirmen: Pierre-Auguste Renoirs «Les Parapluies», um 1881-1886, Gemälde.The National Gallery, LondonMan mag sich an seinen Sommerszenen nicht nur erfreuen, weil sie jetzt Vorfreude auf die warme Jahreszeit auslösen. Konzentriert man sich auf die Art und Weise, wie er seine Mittel einsetzte, wird vor allem deutlich, dass Renoir Potenziale der Malerei ausgelotet und reflektiert hat. Dies offenbaren ein für Experimente offener, von Bild zu Bild variabler Pinselstrich und Farbauftrag und ein durchaus zweigleisiges Vorgehen.Hier der Anspruch, manchem wie geleckt aussehenden Produkt purer Salonmalerei Bewegung, auch Auflösung sowie Materialität entgegenzusetzen. Dort die Suche nach unverbrauchten Themen und der Wunsch, Aspekte der «vie moderne», des Lebens seiner Zeit, nicht nur der Hautevolee oder des Proletariats, sondern breiter Kreise sichtbar zu machen.Licht und Form«Renoir dessinateur» zeigt rund hundert Arbeiten auf Papier, von der Skizze zur Illustration und insbesondere auch zur Grafik, jenem Medium, das seine Bildwelt verbreitet hat. Wenn sich Skizzen auf geplante Gemälde bezogen, dienten sie nicht selten dem Erproben von Licht und Form oder halfen beim Festlegen des Farbspektrums. Entgegen einer landläufigen Einschätzung, die ihn auf seine Rolle als Maler reduziert, war Renoir ein sehr produktiver Zeichner; man schätzt das Korpus auf 800 Werke.Grand PalaisMBACMutter und Kind («Gabrielle et Jean») als Gemälde und als Zeichnung.Zum Einsatz brachte er sämtliche Techniken und Werkstoffe, vom Bleistift über Kohle, Tusche und Feder bis zum Rötelstift. Zu diesem griff er in späteren Jahren mit Vorliebe. Renoir war ein Bewunderer der Kunst von Antoine Watteau, François Boucher und Jean-Honoré Fragonard, die im 18. Jahrhundert in dieser Technik brilliert hatten.Studie mit drei Badenden, um 1886.GrandPalaisRmn (musée d’Orsay) / Michel UrtadoRenoir als virtuoser Zeichner: «La Collation».The Fitzwilliam Museum, University of CambridgeTanzende Paare«Renoir et l’amour» umfasst fast sechzig Gemälde, nach Themen gehängt, wie «Szenen des Bohème-Lebens», «Begegnungen in der Stadt», «Landpartie» oder «Frauen und Kinder». Eine weitere Sektion gilt den «Tanzenden», einem Höhepunkt der Schau.Dank einer Leihgabe aus Boston wurde die Wiedervereinigung dreier grosser, als Trio konzipierter Hochformate möglich. Zu sehen sind tanzende Paare, die Männer in Schwarz, die Frauen in sommerlich-luftig hellen, langen Kleidern – Ausflügler, die sich in Biergärten eng umschlungen zu Musik bewegen. Das ganze Ensemble fasziniert, weil es Renoirs Ideal klassen- und geschlechterübergreifender Lebensfreude vor Augen führt.Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice SchmidtMuseum of Fine Arts, BostonDie Tanzenden in zwei Versionen: «Danse à la ville» von 1883 und «Danse à Bougival» aus Boston, ebenfalls 1883.Renoir et l’amour – La modernité heureuse (1865–1885), Musée d’Orsay, Paris, bis 19. Juli, anschliessend in London und Boston; « Renoir dessinateur», Musée d’Orsay, Paris, bis 5. Juli. Kataloge: 45 Euro und 39 Euro.Passend zum Artikel