Es ist ein Zeichen des ernsthaften Bemühens beider Seiten, dass das versöhnliche Treffen zwischen Charles III. und seinem jüngeren Sohn Harry samt dessen Frau Meghan und deren beiden Kindern Archie und Lilibet am Freitagnachmittag zustande kam – am Ende einer turbulenten, von Missverständnissen und Misshelligkeiten geprägten Woche. Der vor sechs Jahren mit seiner amerikanischen Frau nach Kalifornien verzogene Herzog von Sussex hatte vergangenes Jahr schon in einem Gespräch mit der BBC deutlich anklingen lassen, dass er gerne wieder engeren Kontakt zu seiner englischen Heimat und zu seiner Herkunftsfamilie hätte. Das Interview enthielt damals auch die wahrscheinlich privat gefühlvoll gemeinte, aber sogleich öffentlich als Affront aufgefasste Bemerkung, es sei ja nicht sicher, wie lange der alte Herr noch da sei.Aber trotz dieses guten Willens erwies sich Prinz Harrys Rückkehr-Versuch in den Schoß der Familie als heikles und hakliges Unterfangen. Noch immer herrscht in Teilen des Windsorschen Familienunternehmens ein solides Misstrauen gegenüber der Sussexschen Konkurrenzgründung. Es hat damit zu tun, dass die in königlichem Dunkelbau gehaltene Website Sussex.com durchaus den Eindruck erweckt, als stilisierten sich „Prince Harry and Meghan“ als eine Art selbständiges freiberufliches Herrscherpaar, mit eigenen Wohltätigkeitsterminen, eigenen politisch bedeutsamen Auftritten (Harry in Kiew) und eigenen Staatsbesuchen. Ihren gemeinsamen Besuch in Melbourne im April betitelten die beiden auf ihrer Internetseite als „Rückkehr nach Australien“; ganz so, als ob es sich dabei um einen Besuch des Monarchen oder seines Thronfolgers gehandelt hätte.Der leidige Streit um den PersonenschutzUnd während die Londoner königliche „Firma“ solche Auftritte mit Argwohn beobachtet, macht andererseits Prinz Harry sich sein Leben und seine Versöhnungssehnsucht mit Statusfragen schwer; etwa mit dem Anspruch, dass ihm und seiner Familie weiterhin während der Aufenthalte auf britischem Boden ein vollständiger Personenschutz zustehe. Harry hat vergeblich versucht, diesen Anspruch gerichtlich durchzusetzen; er drohte sogar damit, er könne Frau und Kinder nicht zu Besuch nach Großbritannien bringen, solange diese Forderung nicht erfüllt sei.Nun hat sich doch ein Weg gefunden, die Familienvisite wahrzumachen – nach allerlei unnötigen Schlaglöchern, die sich jüngst auftaten. Die leidige Sache mit der Sicherheitsstufe spielte zuletzt wieder eine Rolle. Der zuständige Ausschuss „zum Schutz von Mitgliedern des Königshauses und Öffentlicher Persönlichkeiten“, der Fachleute des Innen- und des Außenministeriums, des Palastes und Scotland Yards versammelt, zeigte sich bereit, Prinz Harry wieder in die höchste Sicherheitskategorie hinaufzustufen, nachdem er bei seinem letzten Besuch im vergangenen September zwei Mal in kritische Situationen geriet, weil eine unerbetene, ihn verfolgende Bewunderin ihm gefährlich nahekam.Zwist um eine SchlafstelleDoch jetzt stellte sich heraus, dass die Beratungen über den Schutzstatus der Familie Sussex noch nicht abgeschlossen sind, also die Rund-um-die-Uhr-Bewachung auf Kosten des britischen Steuerzahlers noch nicht wieder installiert werden konnte. Also änderte Harry seine Reisepläne. Er werde allein nach London kommen, ließ er verlauten, womöglich stießen Meghan und die Kinder Archie und Lilibet im späteren Verlauf auf der einwöchigen Reise hinzu.Der König bemühte sich unterdessen um eine wohlwollende Geste und ließ wissen, Harry könne während seines Aufenthalts in London „in einer königlichen Residenz“ beherbergt werden – was ihm unter anderem die Sorge um seine Sicherheit und um deren Kosten erspart hätte. Aber auch diese Geste entgleiste. Harry nahm das Angebot erst zwei Tage vor seiner Abreise aus Amerika in einer öffentlichen Verlautbarung an, woraufhin sich der Palast zu der eiligen Mitteilung veranlasst sah, jetzt sei es leider zu spät, die notwendigen Arrangements zu treffen; bedauerlicherweise habe der Prinz in den vorangegangenen Wochen nie eine formelle Zusage gemacht.Keine FotosAlso trat Harry die Fahrt in seine alte Heimat zunächst ohne die Begleitung seiner Familie an – und er achtete darauf, alles zu vermeiden, was zu weiteren Verstimmungen im Verhältnis zu seinem Vater hätte führen können. Vor allem mied er die Medien. Er gab keine Interviews und veranstaltete Fototermine nur dann, wenn sie seinen Wohltätigkeitszwecken dienten oder unvermeidlich schienen – wie bei der Urteilsverkündung der von Harry und einem halben Dutzend weiterer Personen der Zeitgeschichte vergeblich angestoßenen Schadensersatzklage gegen das Boulevardblatt „Daily Mail“.In Birmingham erschien Harry dann am Freitag gutgelaunt bei einer Leistungsschau von Versehrtensportlern, griff selbst zum Pickleball-Schläger und setzte sich in einen Rollstuhl, um auszuprobieren, wie man Rugby spielt, wenn die Beine nicht zum Rennen taugen. Sein Engagement für die Invictus-Spiele, die Sportwettkämpfe gehandicapter Veteranen, ist Harrys liebstes und aufwendigstes Ehrenamt.Der König ging unterdessen auch einem seiner Herzensanliegen nach und stattete am Freitagvormittag gleichfalls in guter Stimmung einem Photovoltaik-Unternehmen in Oxfordshire einen Besuch ab. Am Nachmittag stand dann das Familientreffen in Highgrove in beiden Kalendern. Das blieb dort nicht bloß unbemerkt von Fotografen und Boulevardreportern – weder der Palast noch das Haus Sussex veröffentlichten anschließend ein Bild der Begegnung. Das ist ein Zeichen für die Ernsthaftigkeit des Reparaturversuchs einer familiären Beziehung – und zugleich ein Testfall dafür, ob er gelingt.