Die ICE-Beamten verhaften wieder deutlich mehr Ausländer – nun haben sie in Texas einen Mexikaner erschossenDas Ministerium für Inlandsicherheit sagt, der Tod eines illegal in den USA lebenden mexikanischen Kleinunternehmers sei die Folge einer Verwechslung gewesen. Die mexikanische Regierung kündigt rechtliche Schritte an.11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBetroffenheit in Houston: Anwohner gedenken Lorenzo Salgado Araujos, der von ICE-Beamten erschossen worden ist.Matthew Guzman / ImagoIn den vergangenen Monaten war es ruhiger geworden um die amerikanische Einwanderungspolizei. Anfang Jahr hatten die aggressiv und teilweise vermummt auftretenden Beamten der Immigration and Customs Enforcement (ICE) in Minneapolis zwei amerikanische Staatsbürger erschossen. Nach einer Welle des Protests setzte der amerikanische Präsident Donald Trump einen neuen Direktor ein. Die ICE konzentrierte sich in der Folge auf die Ausschaffung ausländischer Straftäter direkt aus den Gefängnissen und sah davon ab, die Migranten in amerikanischen Städten mit gross inszenierten Razzien in Angst und Schrecken zu versetzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auto als Waffe eingesetzt?Jüngst aber ist um die ICE eine neue Kontroverse entbrannt. In der Grossstadt Houston im Gliedstaat Texas erschossen ICE-Beamte nach einer Verkehrskontrolle am frühen Dienstagmorgen einen 52-jährigen Mexikaner, der seit 35 Jahren illegal im Land lebte. Der Tod von Lorenzo Salgado Araujo, der auf dem Weg zur Arbeit auf einer Baustelle war, löste in der mexikanischstämmigen Gemeinschaft in Texas grosse Betroffenheit aus. Er hinterlässt eine Frau und drei erwachsene Söhne.Anders als bei früheren tödlichen ICE-Einsätzen gibt es keine Video-Aufnahmen des Tathergangs. Die Beamten trugen keine Body-Kameras, und auch sonst scheint der exakte Moment der Tat weder von einer Handy- noch von einer Überwachungskamera erfasst worden zu sein. Das Ministerium für Inlandsicherheit erklärte anfänglich, die ICE-Agenten hätten das Auto am frühen Dienstagmorgen angehalten, um Araujo, einen «illegalen Ausländer», zu verhaften. Araujo habe sein Fahrzeug «als Waffe eingesetzt» und versucht, einen Beamten zu überfahren, worauf dieser auf den Verdächtigen geschossen habe.Araujo erlitt schwere Schusswunden im Bauch und wurde in ein Spital gebracht. Dort erlag er wenige Stunden später seinen Verletzungen.«Das ist eine Lüge»Zwei Tage später korrigierte das Ministerium seine anfängliche Darstellung. Danach war Araujo gar nicht das Ziel des Einsatzes gewesen. Vielmehr hätten die Beamten einen guatemaltekischen Mann gesucht, den sie fälschlicherweise als Beifahrer des Autos erkannt zu haben glaubten. Zusammen mit Araujo sassen drei weitere Personen im Lieferwagen, darunter sein jüngerer Bruder. Die Passagiere wurden direkt vom Tatort in ein Ausschaffungsgefängnis gebracht.Über einen Anwalt, mit dem sie telefonisch sprechen konnten, widersprachen die Inhaftierten der Darstellung der Behörden vehement. Wie der Anwalt gegenüber der «Washington Post» erklärte, hätten die ICE-Beamten sofort das Feuer eröffnet. Zu keinem Zeitpunkt habe Araujo zuvor das Auto in die Richtung der Beamten gesteuert.«Das ist eine Lüge», sagte einer der Inhaftierten in einer handgeschriebenen Notiz. «Es ist unmöglich für sie, zu sagen, dass sie überrollt zu werden drohten. Es standen gar keine Beamten vor oder hinter dem Wagen, sie waren alle seitlich davon.»Ruf nach unabhängiger UntersuchungIn Houston kam es zu Mahnwachen und Demonstrationen. Eine landesweite Protestwelle hat der Fall aber bis anhin noch nicht ausgelöst – womöglich auch, weil keine Videoaufnahmen vorliegen. Das Ministerium für Inlandsicherheit hat eine Untersuchung eingeleitet, und die Bundespolizei FBI will den Vorwürfen eines angeblichen Angriffs auf die ICE-Beamten nachgehen. Doch da die Umstände des Todesfalls gewichtige Fragen aufwerfen, fordern Anwälte und Angehörige nun auch eine unabhängige Untersuchung.Auch die mexikanische Regierung schaltete sich in die Kontroverse ein. Der Aussenminister Roberto Velasco kündigte eine Strafanzeige gegen die ICE-Beamten und allgemeine «scharfe rechtliche Schritte» an, um die Menschenrechte von Mexikanern in den USA zu gewährleisten. Er sprach von 14 mexikanischen Staatsbürgern, die in Haft der Einwanderungspolizei gestorben seien, und weiteren drei, die eine Verhaftung durch ICE-Beamte nicht überlebt hätten.Der Fall zeigt, wie gut integriert manche Sans-Papiers in den USA sind. Araujo lebte seit mehr als drei Jahrzehnten in Amerika, wo seine Söhne die amerikanische Staatsbürgerschaft durch Geburt erlangten. Er war nie straffällig geworden und war auch ohne gültigen Aufenthaltstitel in der Lage gewesen, als Unternehmer eine kleine Baufirma aufzubauen. Laut einem seiner Söhne war er im Begriff, einen legalen Aufenthaltsstatus zu erlangen, und er habe den Migrationsbehörden hierfür bereits seine Fingerabdrücke ausgehändigt.Deutlich mehr VerhaftungenSelbst wenn sich bestätigen sollte, dass der Tod Araujos das Ergebnis einer Verwechslung durch die Beamten war, steht der Fall exemplarisch für einen erneuten Strategiewechsel der ICE. So wurde Anfang Juli bekannt, dass die Behörde jüngst auf Druck des Weissen Hauses die Zielgrösse der Verhaftungen von 1000 auf 2000 pro Tag verdoppelt hatte. Zwar will man noch immer auf öffentlichkeitswirksame Hetzjagden in den amerikanischen Strassen verzichten. Doch werden offenbar deutlich mehr Personen bei Behördengängen kontrolliert und bei Verkehrskontrollen angehalten.Beobachter gehen davon aus, dass Trump vor den Zwischenwahlen im Herbst demonstrieren will, dass er das Ziel der «Massendeportation von illegalen Ausländern» nicht aus den Augen verloren hat. Vor einem Monat einigte sich der Kongress nach langen Blockaden auf eine Budgetaufstockung für die ICE. Die Behörde soll bis im Jahr 2029 zusätzliche 38 Milliarden Dollar erhalten. Damit will sie deutlich mehr Beamte anstellen und die Kapazitäten in den Ausschaffungsgefängnissen erhöhen.Doch je stärker die ICE ihre Aktivitäten ausweitet, desto wahrscheinlicher werden neue Proteste, Kontroversen und Todesfälle. In den letzten zwölf Monaten haben die ICE-Beamten bereits auf mindestens 21 Personen geschossen. Fünf Personen wurden dabei tödlich verletzt.Passend zum Artikel
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Das Ministerium für Inlandsicherheit sagt, der Tod eines illegal in den USA lebenden mexikanischen Kleinunternehmers sei die Folge einer Verwechslung gewesen. Die mexikanische Regierung kündigt rechtliche Schritte an.










