Noch schlimmer als für Thibaut Courtois war das belgische Torwart-Drama beim Viertelfinal-Aus gegen Spanien nur für seinen Ersatzmann: Der eingewechselte Senne Lammens schlich mit hängendem Kopf über den Rasen im Stadion von Los Angeles. Und der verletzt ausgewechselte Stammtorhüter Courtois, selbst untröstlich, versuchte, Lammens Trost zu spenden. „Ich habe ihn fest umarmt. Mehr kann ich im Moment nicht tun. Für einen Torwart ist das ein beschissenes Gefühl“, sagte Courtois nach dem bitteren 1:2 (1:1) gegen Spanien. „Er ist ein fantastischer Torhüter mit einer vielversprechenden Zukunft. Dieser Moment wird ihn stärker machen. Kein Problem.“Nach 71 Minuten war Courtois, der Stammtorhüter von Real Madrid, verletzungsbedingt ausgewechselt worden. Lammens, der seit dieser Saison die Nummer eins bei Manchester United ist, kam in die Partie. Eine gute Viertelstunde später patzte der 24-Jährige bei einem Weitschuss von Pau Cubarsí, er ließ den Ball nach vorne abprallen, der gerade erst eingewechselte Mikel Merino staubte ab. Es war das späte Siegtor des Europameisters (88.).Fußball-WM:Gegentor für Spanien? Macht doch nichts!Die Spanier kassieren gegen Belgien erstmals bei dieser WM einen Gegentreffer. Doch Mikel Merino verhindert kurz vor Schluss die Verlängerung – und schießt Spanien ins Halbfinale.Wie es dazu kam? Courtois hatte das Spielfeld 20 Minuten vor Spielende unter Tränen verlassen müssen. „Ich habe starke Schmerzen im Quadrizeps gespürt“, erklärte er, fügte aber auch mit Blick auf seinen lädierten Oberschenkelmuskel an: „Ich hatte kein Problem, im Tor zu bleiben, nur bei langen Pässen. Ich wollte noch fünf oder zehn Minuten spielen.“ Aber dann habe eben „der Trainer beschlossen, mich rauszunehmen, weil er nur Spieler auf dem Platz haben wollte, die bei 100 Prozent sind. Das ist kein Problem, denn das Team geht über alles.“Auch die restliche Mannschaft wollte Lammens danach keinen Vorwurf machen. „Das war nicht der einfachste Ball“, sagte Belgiens Verteidiger Brandon Mechele, „der springt direkt vor ihm auf. Als Abwehrspieler können wir ihm da vielleicht auch mehr helfen. Er muss daraus lernen und wir als Gruppe müssen füreinander da sein und uns helfen.“Senne Lammens lässt einen Schuss von Pau Cubarso nach vorne abprallen, Mile Merino (im Hintergrund) ist als Erstes da und erzielt das Siegtor. Mark J. Terrill/AP PhotoThibaut Courtois, 34, kommt inzwischen auf 21 WM-Spiele für Belgien, nur der Deutsche Manuel Neuer, 40, hat unter den Torhütern weltweit noch häufiger bei Weltmeisterschaften auf dem Platz gestanden, nämlich 23 Mal. Ob der Einsatz gegen Spanien sein letzter als Nationaltorwart war, wusste Courtois in Los Angeles selbst nicht. „Das ist etwas, worüber ich mit dem Trainer und Vincent Mannaert sprechen muss“, sagte er. Mannaert ist der Sportdirektor des belgischen Verbands.In den Nations-League-Spielen im Herbst würde Courtois gerne aussetzen, „danach könnte ich für die Qualifikation und möglicherweise die Europameisterschaft zurückkehren“, sagte er. Das sei aber eine Entscheidung des Trainers und des Verbands. „Wenn sie das nicht so sehen, muss ich darüber nachdenken, ob ich weiter zur Nationalmannschaft kommen kann oder nicht. Sonst war das heute vielleicht mein letztes Spiel.“ Courtois gilt seit Jahren als einer der besten Torhüter der Welt.Belgien hatte im Spiel gegen Spanien zuvor schon kurzfristig den Ausfall von Youri Tielemans verkraften müssen. Der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler von Aston Villa hatte sich beim Aufwärmen verletzt. Nach dem Ausfall von Amadou Onana (ebenfalls Aston Villa), der sich beim Achtelfinal-Sieg gegen die USA am Kreuzband verletzt hatte, war es der nächste schwere Rückschlag für die Belgier.„Gegen so eine Mannschaft darf man keine Fehler machen“, sagte Belgiens Coach Rudi Garcia mit Blick auf die siegreichen Spanier. „Es war ein Spiel auf Augenhöhe, vor allem, als wir ausgeglichen hatten. Manchmal zählen die Details, es hat heute einfach nicht gereicht.“ Auch Garcia beklagte die Verletzten: „Das war natürlich nicht vorteilhaft für uns.“