Es sind noch nicht mal 50 Sekunden vergangen, seit Jürgen Klopp etwas gesagt hat, da kämpft Jürgen Klopp unübersehbar mit dem Verlangen, dass Jürgen Klopp etwas sagen will. Er nuschelt im Fußballstadion in Vancouver in die Diskussion rein, die rechts von ihm der Moderator Johannes B. Kerner und links von ihm der Experte Thomas Müller vor den Fernsehkameras führen. Doch nach dem Nuscheln diskutieren Kerner und Müller weiter. Und als sie Klopp kurz danach anschauen, sagt der: „Also das ist ein bisschen komisch. Wenn ich hier zwischendrin stehe und dann dazu nichts sage – ist schon Quatsch.“Warum Jürgen Klopp etwas sagen will? Weil es in dieser Diskussion mal wieder um Jürgen Klopp geht. Aber zurück zum Quatsch:Müller: „Wir wollen ja, dass du was sagst.“Klopp: „Ja, anscheinend ja nicht.“Müller: „Doch!“Kerner: „Doch! Doch!“So spielte sich das am Dienstag in der Übertragung von MagentaTV ab. Doch wer deren Sendungen in den ersten vier Wochen dieser Weltmeisterschaft immer wieder gesehen und gehört hat, kann vieles glauben, aber eines nicht: dass Klopp nichts sagen soll.
Spätestens seit feststeht, dass der Deutsche Fußball-Bund ihn als nächsten Trainer der Nationalmannschaft haben will, ist MagentaTV für Klopp das, was der „Bayernkurier“ früher für Franz Josef Strauß war. Vermutlich würde der Sender es auf all seinen Kanälen verbreiten, wenn Klopp sagt, dass ihm rote Gummibärchen besser schmecken als gelbe. Und vielleicht würde Kerner ihn dann fragen, was denn mit den weißen sei.An der Seite von Kerner stand Klopp schon während der WM 2006 vor der Kamera. Damals, im ZDF, hat er das Fernsehen zum ersten Mal für seine Karriere genutzt. Er war der Trainer des FSV Mainz 05, ein Gesicht, das im deutschen Fußball noch nicht jeder kannte. Noch.Mit dem Wort hat dieses Mal alles angefangen. Als Klopp vor dem ersten Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft sagte, dass Julian Nagelsmann „noch“ die Aufstellungen mache, und dieses „noch“ dann wiederholte, entstand der Verdacht, dass er das Fernsehen wieder für seine Karriere nutzen will, und zwar für den nächsten und vielleicht größten Schritt: für den zum Bundestrainer.„Jürgen Klopp, übernehmen Sie. Deutschland braucht Sie jetzt!“Der Verdacht erhärtete sich, als Klopp im Anschluss an das Aus der deutschen Mannschaft im Sechzehntelfinale eine kurze Grundsatzrede hielt, darin diese Sätze: „Nein, wir waren Fußball-Deutschland. Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt richtig ran an die Nummer.“ Er sagte „wir“, aber in den Wochen davor hatte er kaum einen Zweifel daran gelassen, dass es aus seiner Sicht einen gibt, der richtig rangehen würde.So sieht das auch Henning Feindt, der Sportchef der „Bild“-Zeitung, der nach dem Aus der Nationalmannschaft einen Kommentar geschrieben hat: „Nagelsmann am Ende: Jetzt muss Klopp kommen!“ Er behauptet, Klopp sei „wie kein Zweiter geeignet, den deutschen Fußball zu retten“, aber Argumente für diese Behauptung findet man in dem Kommentar kaum. Dafür diesen Schluss: „Jürgen Klopp, übernehmen Sie. Deutschland braucht Sie jetzt!“Man kann ahnen, warum die „Bild“-Zeitung Klopp als Bundestrainer braucht: Er ist das Gesicht des deutschen Fußballs geworden, ein Klickbringer. Aber was bringt die „Bild“-Zeitung Klopp?Sie bringt ihn in Stellung. An dieser Stelle sollte man zumindest darauf hinweisen, dass es mehrere Wechsel von Axel Springer zu Red Bull gegeben hat, seit Klopp dort als „Head of Global Soccer“ arbeitet. Der interessanteste: Vor einem Jahr verpflichtete Red Bull Matthias Brügelmann, den damaligen Sportchef der „Bild“-Zeitung, als „Global Head of Content“. Er soll, wie es mehrere Insider aus der Fußballbranche erzählen, ein hervorragendes Verhältnis zu Marc Kosicke haben, dem Manager Klopps. Und Kosicke selbst hat, wie damals die „Sport Bild“ berichtete, ebenfalls einen Beratervertrag mit Red Bull. Kann man das so sagen? Auf eine schriftliche Anfrage der F.A.S. antwortete Kosicke nicht.Was man sagen kann: dass Klopp seit Nagelsmanns mehr oder weniger freiwilligem Rücktritt mit seinen Auftritten bei „MagentaTV“, für die er auch noch viel Geld bekommt, die Parteien perfekt gegeneinander ausgespielt hat. Den Red-Bull-Konzern, von dem er freigestellt werden will. Aber auch den DFB, von dem er angestellt werden will. Und wenn beides so kommen wird, hat Deutschland einen Bundestrainer, der dafür wirklich nicht mehr als „Bild“, „BamS“ und Glotze gebraucht hat.










