Eine amerikanische Schulklasse spaziert an der Seine entlang, als es plötzlich am Himmel summt. Sechs Helikopter fliegen über Notre-Dame, die Mädchen und ihre Reiseleiterin blinzeln in die Sonne. Es sind Militärhelikopter, die über der Stadt kreisen. An einem Julidonnerstag in Paris.Die Angst der Behörden, auch mancher Anwohner ist groß. Vor ein paar Wochen zog ein vermummter Block durch die Straßen, nachdem Paris Saint-Germain die Champions League gewonnen hatte. Sie plünderten Läden, traten Autos ein, schmissen Molotowcocktails auf die Polizei.Nächste Station? Am Abend des Viertelfinals nicht an George V.EPAUnd jetzt? Das Spiel aller Spiele für viele Pariser: ein WM-Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko. Zwischen dem ehemaligen Kolonisator und dem ehemaligen Protektorat. Vor vier Jahren gab es diese Partie schon einmal, es war damals das Halbfinale der WM. Frankreich gewann 2:0, im Land nahm die Polizei mehr als 250 Menschen fest, ein Jugendlicher kam in Montpellier um. In Paris blieb es friedlich, aber es war Dezember und kalt. Kaum jemand war auf der Straße.Die Weltstadt Paris in BereitschaftAm Donnerstag ziehen Tausende Menschen in den engen Vierteln beim kleinsten Luftzug die Schultern hoch. 33 Grad Celsius, flimmert es von den Anzeigen der Apotheken. 8000 Polizisten machen sich bereit für die Nacht: Auf den Champs-Élysées verriegeln sie U-Bahn-Stationen. Wasserwerfer stellen sich auf die großen Kreuzungen der Prachtstraße. Die weltberühmten Stores, Hermes, Louis Vuitton, Apple, ziehen Barrikaden hoch. Eine Weltstadt in Bereitschaft.Sicher ist sicher: Apple Store vor dem Spiel.EPAAm Tag danach meldet eine Zeitung im Norden des Landes: Ein jugendliches Mädchen ist umgekommen, als sie aus einem Truck fiel und überrollt wurde. In London randalieren Fans auf den Straßen, in Paris nimmt die Polizei zehn Menschen fest. Eine Prügelei, eine Messerstecherei. Am Morgen danach ist klar: Die Île-de-France erlebte das Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft als heiße, ruhige Sommernacht. Keine Jagdszenen, keine Plündereien, keine Feuer.Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die erste liefert Aissam, 28 Jahre alt, in Marokko geboren, in Frankreich aufgewachsen. Für ihn ist Frankreich das Land, in dem er Informatik studierte, in dem seine Eltern ein Leben aufbauten, in dem er heute für eine große Bank arbeitet. Hunderttausende Menschen in Frankreich gehören beiden Staaten an, Zehntausende Marokkaner studieren an französischen Universitäten. Sie sehnen sich nach ihrer Heimat Marokko. Aber sie sehnen sich auch nach Frankreich.Die Schriftstellerin Leïla Slimani hat einmal gesagt: „On est toujours l’étranger dans le regard de l’autre.“ Aus der Sicht des anderen ist man immer der Fremde. Sie hat drei Bücher darüber geschrieben, wie ihre Familie in Marokko lebte und danach in Frankreich. Ihr Vater war der Präsident des marokkanischen Fußballverbandes, heute ist sie der Star der französischsprachigen Literatur. Sie feuert Marokko an.Mit dem Roller in eine heiße, ruhige SommernachtEPALeïla Slimani sagt: „Wir täuschen uns über die Franzosen der Zukunft.“ Ein Drittel von ihnen hat Wurzeln in anderen Ländern. Marokko und Frankreich sind enge Partner, wirtschaftlich und politisch. Die marokkanische Diaspora in Paris ist vernetzt, viele Intellektuelle kamen nach dem Ende des Protektorats 1956 in die Stadt. An den meisten Tagen im Jahr können sie beides sein, Marokkaner und Franzosen. Nur eben nicht an diesem einen Tag. Heute.Aissam entscheidet sich: Er und seine Freunde sind für Marokko, für das Land ihrer Wurzeln. Aber wenn Frankreich gewinnt, ist das die Niederlage, die für sie am einfachsten zu akzeptieren ist. „Es geht nicht um Fußball. Es geht um Zugehörigkeit und darum, welches Land dich mehr liebt.“ Für ihn ist das Marokko. In diesen 90 Minuten verhandeln viele französische Marokkaner, viele marokkanische Franzosen ihre Identität. Die einen feuern ein Diasporateam an, dessen Spieler häufig im Ausland geboren sind (Marokko). Und die anderen ein Migrantenteam, dessen Spieler ihre Wurzeln oft im Ausland haben (Frankreich).Das, die Entscheidung der 90 Minuten, ist eine seltsame Dichotomie. Es gibt kein Dazwischen mehr, keine zwei Identitäten, es gibt ein rotes Trikot und ein blaues Trikot. Oder? In einem Familienauto fährt eine Frau hupend durch die Straße, auf der Rückbank ihre drei Töchter. Sie tragen alle die Shirts des marokkanischen Volkshelden Hakimi, aber sie hören „Ramenez la coupe à la maison“, das Lied der französischen Weltmeister von 2018. So laut, dass auf der Straße Fans in blauen Trikots mitsingen.An einem Tisch sitzen Franzosen, am anderen MarokkanerAls Kylian Mbappé, Sohn einer Algerierin, in der ersten Halbzeit einen Elfmeter verschießt, springen in den Bistros der Stadt viele junge Männer auf. Sie tragen ein Marokkotrikot. Ihre Mannschaft war 2022 das beste afrikanische Team der WM-Historie, erst im Halbfinale schied es aus – gegen Frankreich. Vier Jahre später ist Marokko wieder das letzte Team Afrikas. Niemand hält sie vom Jubeln ab. Aber sie sitzen an der Tür, weit hinter den ersten Reihen voller Zidanes und Griezmanns.French do it best: blauer Jubel am Ende des Spiels.AP Photo/Thomas PadillaNach dem Spiel der beiden Mannschaften in Qatar zitierte die Tageszeitung „Le Monde“ einen Fan: „Am Ende sind wir alle Brüder.“ Das aber, in einem Bistro östlich der Seine, sind nicht zwei Brüder, die gemeinsam ein Spiel schauen. Eher zwei Cousins, die sich lange nicht gesehen haben. Die sich mögen, aber die das Leben trennt. An einem Tisch sitzen Franzosen, am anderen Marokkaner.Und zwischendrin Mehdi, 38, Algerier. Er trägt die Kappe eines linken Vorstadtklubs, Red Star Paris. Ein bisschen sieht er aus wie sein Idol Zinédine Zidane. Für ihn ist die Sache klar: Die Marokkaner werden ruhig bleiben. Im Hintergrund schießt Ousmane Dembélé das 2:0 für Frankreich, das Spiel wird enden wie 2022. Aber das Verhältnis Marokkos zur alten Kolonialmacht ist nicht so belastet wie das der Algerier, es gab keinen blutigen Befreiungskrieg. Also gibt es auch keine Randale.„Wir haben gewonnen und verloren“Bei Spielen zwischen Frankreich und Algerien ist das anders. Einmal, 2001 war das, veranstalteten die Franzosen ein Freundschaftsspiel zwischen den beiden Ländern. Zwölf Minuten vor dem Ende pfiff der Schiedsrichter ab, die Spieler rannten in Saint-Denis vom Feld. Polizisten schützten sie vor dem Mob auf der Tribüne.Pyrotechnik, keine Verbrechen: nach dem SpielEPAUm Mitternacht pfeift der Schiedsrichter in Foxborough, Massachusetts ab. Mehdi erzählt von der Westsaharafrage und davon, wie man an ihr ablesen kann, wen die Franzosen lieber mögen: die Marokkaner oder die Algerier. Ein paar Meter weiter, am Canal Saint-Martin, wo die Pariser an heißen Sommertagen Arschbomben und Köpper machen, fliegen Raketen in die Luft. Raketen der Franzosen, Raketen der Freude.Mbappé und Dembélé, l’équipe de France: Sie stehen wieder im Halbfinale, sie haben wieder Marokko geschlagen. Auf dem Place de la République sitzen zwei Jungs, eingehüllt in eine rote Fahne mit grünem Stern, und schauen den französischen Jugendlichen zu, wie sie im Licht ihrer iPhones tanzen.„Wir haben gewonnen und verloren“, tippt Aissam ins Handy. Er hat das Spiel im Wohnzimmer mit seinem marokkanischen Vater und seiner Schwester geschaut. Wie vor vier Jahren. Ihre Mannschaft mit den sechs Spielern, die in Frankreich zur Welt kamen, fliegt nach Hause. Aissam und seiner Familie bleibt nur noch ein Team: das Team der Cousins aus Paris.
Fußball-WM 2026: So erlebte Paris das Viertelfinale Frankreich gegen Marokko
„Es geht nicht um Fußball. Es geht um Zugehörigkeit und darum, welches Land dich mehr liebt“: Paris erlebt das Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko als lange, heiße Sommernacht.













