Als „Das letzte Buch von Marceau Miller“ im Januar 2025 in Frankreich erschien, geschah genau das, was geschehen sollte. Das Buch erregte wegen des fehlenden Autorennamens auf dem Cover und des seltsamen Titels die Aufmerksamkeit von Kritikern und Lesern. Im Fernsehsender RTL etwa lief ein Beitrag, in dem die Verlegerin der Éditions de la Martinière, wo das Buch erschienen war, zu Wort kam – zwar wollte sie nicht verraten, wer sich hinter „Marceau Miller“ verbirgt, aber sie legte Wert auf die Feststellung, dass es sich bei dem Autor um einen Menschen aus Fleisch und Blut handele. „Ich kann ihn anfassen“, sagte sie.Das ist keine triviale Information, denn „Das letzte Buch von Marceau Miller“ ist ein Werk, das sich allergrößte Mühe gibt, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufzulösen. Marceau Miller ist zugleich der Name der Figur, um die sich in diesem Krimi alles dreht. Und das Pseudonym des Autors, der es geschrieben haben soll und von dem es in den bibliographischen Angaben lediglich heißt, er sei „vermutlich“ 1978 geboren und „möglicherweise“ Schriftsteller und Drehbuchautor. Wer im Internet nach ihm recherchiert, stößt zwar irgendwo auf Facebook auf jemanden, der herausgefunden haben möchte, wer sich tatsächlich hinter dem Pseudonym verbirgt. Aber das ist witzlos. Interessanter, als das Spiel aufzulösen, ist in diesem Fall, es als Leser mitzuspielen und sich im Mise en abyme des Gesamtwerks aus Buch und Schöpfer zu verirren.Marceau Miller: „Das letzte Buch von Marceau Miller“InselSelten kam dem Diktum vom Tod des Autors jedenfalls eine so handfest anmutende Bedeutung zu. Die Geschichte geht so: Marceau Miller, vierzig Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder, ist ein überaus erfolgreicher Krimiautor, der beim ungesicherten Freiklettern am Felsen des Dent du Vélan hoch über dem Genfer See abstürzt. War es ein Unfall? Seine Frau glaubt das nicht. Sarah, die Ich-Erzählerin des in sechs Teile mit 52 Kapiteln gegliederten Buches, darf sich auf den ersten Seiten noch als Sonnenkind des Lebens fühlen: Partnerin in einer Bootsagentur, zwei wohlgeratene Kinder, ein erfolgreicher Ehemann, ein Haus mit Garten bis hinunter zum See, auf den ein eigener Steg hinausführt. Ein Kreis aus engen, jahrzehntelangen Freunden.So tief der Fall ihres Mannes, so hart ist allerdings auch der Kontrast zwischen Sarahs Leben vor und nach dessen Felssturz. Wider besseres Wissen hofft man als Leser mit ihr, dass sich wenigstens ein Teil des alten Daseins retten lässt, dass nicht alles zerfressen wird von den sich ausbreitenden Zweifeln an seinem Unfalltod. Aber natürlich wird nicht nur gar nichts bleiben, wie es einmal war, sondern sich auch herausstellen, dass alles schon immer anders war, als Sarah jahrelang dachte. Nicht ohne eine gewisse Lust am Sadismus lässt der Autor dieses Plots peu à peu jede Freundschaft in anderem Licht erscheinen, alles Vertrauen zerbröseln, jede Gewissheit sich in Luft auflösen. Immerhin war er gnädig genug, Sarah zu erlauben, ihre Verzweiflung in Energie umzuwandeln. Der Schmerz lähmt sie nicht, er treibt sie an.Ihr kommt zugute, dass dieser an Vexierspielen interessierte Autor mit dem toten Marceau Miller eine, nun ja, Autorenfigur geschaffen hat, die seinen Beruf über den eigenen Tod hinaus ernst nimmt und an der Lösung des eigenen Falls posthum mitwirkt. Im Schließfach einer Genfer Bank soll er ein Manuskript hinterlegt haben, das die Wahrheit über jahrzehntelang gehütete Geheimnisse birgt. Das letzte Buch von Marceau Miller, sozusagen, das allerdings verschwunden ist und an dessen Existenz ohnehin alle zweifeln außer Sarah. Rasend vor Schmerz, kurz davor, den Verstand zu verlieren, ist sie dennoch entschlossen, weiterzusuchen, obwohl sie bald weiß, dass unter jedem Stein, den sie umdreht, eine neue Ernüchterung, eine Täuschung, ein Verrat auf sie lauern. Wer sind die Menschen, die uns am nächsten sind, wenn wir gerade nicht hinsehen? Das ist die Frage, um die sich jenseits des Kriminalfalls alles dreht.Außer Sarah möchten eigentlich alle gerne, dass die alten Geschichten ruhen: Die Geschichte von Marceaus Vater, der in seiner Propellermaschine einst über dem Genfer See abstürzte und ertrank; die Geschichte von Jade, Marceaus Schwester, die als Zwanzigjährige in den Bergen rund um den See verschwand und nie wiederkehrte – früher bildeten diese gemeinsam erlittenen Dramen den Kitt der Freundschaft zwischen Sarah und Karen, zwischen den Männern Marceau, Alexis und Rollin. Nun bringen die Tiefenbohrungen in die Vergangenheit zwar immer mehr Licht ins Dunkel, aber sie drohen auch, das kleine Glück der ganzen gut situierten Clique am Genfer See hinwegzufegen.Das ist bedauerlich, aber lesens- und demnächst womöglich sogar sehenswert. Denn „Das letzte Buch von Marceau Miller“ wird als Miniserie für das französische Fernsehen verfilmt. Offensichtlich wusste der „mutmaßliche“ Schriftsteller und Drehbuchautor Marceau Miller mit seinem Buch ziemlich genau, was er tat.Marceau Miller: „Das letzte Buch von Marceau Miller“. Roman. Aus dem Französischen von Thomas Brovot. Insel Verlag, Berlin 2026. 349 S., geb., 25,– €.
Krimi aus Frankreich: „Das letzte Buch von Marceau Miller“
Aus Frankreich kommt ein Krimi, dessen Autor die gleichnamige Hauptfigur seines Romans von einem Felsen stürzt. „Das letzte Buch von Marceau Miller“ treibt das Spiel mit Realität und Fiktion auf die Spitze.







