Neulich bin ich auf einem kostenlosen Festival meiner Uni gewesen. Es ist einer dieser Tage, an denen die Hitze über dem Asphalt flirrt und selbst der Schatten keine Erleichterung mehr verspricht. Zwischen den Ständen des Allgemeinen Studierendenausschusses und des Uni-Radios hängt eine dichte Wolke aus Bass und Stimmengewirr, durchsetzt vom Klappern Hunderter Plastikbecher.Mit einem lauwarmen Bier in der Hand lasse ich mich auf den längst platt gelegenen Rasen fallen und schaue mich um. Wie lange bin ich schon nicht mehr auf dem Campus gewesen? Wie lange habe ich nicht mehr zwischen Seminaren einen Kaffee getrunken, mich mit Kommilitonen verquatscht und darüber diskutiert, ob man heute, morgen oder gleich an beiden Abenden in die Kneipe um die Ecke gehen sollte? Plötzlich scheint mir das Ewigkeiten her. Und je länger ich dort sitze, desto stärker wird dieses Gefühl.Wie bei Britney Spears 2001Um mich herum sitzen die anderen Studierenden in kleinen Gruppen, eng beieinander, mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit. Sie tragen tief sitzende Jeans, Glitzer am Schlüsselbein, dicke Sonnenbrillen, die aussehen, als hätte sie jemand direkt aus einem Britney-Spears-Video von 2001 geklaut.Neben mir unterhalten sich zwei Mädchen über das neue Tiktok-Video von Influencerin XY. Sie reden schnell, unterbrechen sich und lachen laut. Während ich zuhöre, habe ich plötzlich zwei Gedanken gleichzeitig: Wer ist diese Influencerin? Und: Bin ich inzwischen einfach zu alt, um zu studieren?Schließlich passe ich ja nicht nur optisch nicht mehr ganz in diese Szenerie, sondern auch inhaltlich nicht. Ich habe kein Tiktok, kenne kaum Social-Media-Persönlichkeiten, und manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich sehnsüchtig an das „Oh, oh“ von ICQ zurückdenke.Aber es ist ja nicht nur das. Es ist diese Unbeschwertheit, mit der sich die anderen durch den Abend bewegen, als hätte ihnen noch niemand gesagt, dass das Leben irgendwann anfängt, verbindlich zu werden.Eine Mischung aus Freiheit und PanikVielleicht fällt mir genau deshalb auf, wie fremd sich das alles für mich inzwischen anfühlt. Denn bei mir ist diese Verbindlichkeit schon seit Semestern Dauergast. Und mein Alltag, der spielt sich längst schon außerhalb des Campus ab: zwischen drei Studentenjobs, einer Masterthesis-Deadline, die mich nachts um den Schlaf bringt, und diesem hartnäckigen Gefühl, zwischen all den parallelen To-dos irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben.Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass das anders war. Ich erinnere mich an meine ersten Mastersemester in Köln, an diese Mischung aus Freiheit und der Panik, etwas zu verpassen. Ich schrieb in Vorlesungen alles mit, als hinge mein Leben davon ab, und benutzte das Wort „Klausurenphase“ mit einer Ernsthaftigkeit, die im Rückblick fast rührend wirkt.Ein Spiel mit der ZeitNatürlich war es auch da schon stressig. Das will ich gar nicht relativieren. Aber es war ein überschaubarer Stress mit klarem Anfang und klarem Ende. Das größte Problem, das man damals hatte, war die nächste Hausarbeit, die man immer weiter vor sich herschob, um sich dann zwei Wochen vor Abgabe in der Unibib zu verschanzen. Und war das dann geschafft, kamen die lang ersehnten Semesterferien, die sich anfühlten, als würden sie nie aufhören. Es war ein Spiel mit der Zeit, nicht gegen sie.Heute fühlt sich das anders an. Ein verlorener Tag ist keine Kleinigkeit mehr, sondern etwas, das ich mir eigentlich nicht mehr leisten kann. Und genau daraus, aus diesem Vergleich, entsteht etwas, das ich ganz deutlich spüre: Neid. Es ist kein Neid auf die Jugend. Es ist Neid auf diese Beiläufigkeit. Darauf, dass ein Dienstag einfach ein Dienstag sein darf. Dass eine verpasste Vorlesung oder eine nicht bestandene Klausur die größte Sorge ist.Kurz gesagt: Neid darauf, dass eine Entscheidung, für dieses Seminar, jenen Nebenjob oder diese eine Person noch nicht das Gewicht einer Weichenstellung hat, sondern eher das eines Versuchs, den man schnell noch abbrechen kann.Damals fand ich es oft anstrengend, dieses ständige Nochnichtwissen. Heute wirkt es wie purer Luxus. Wie eine Zeit, in der man sich Fehler leisten konnte, ohne dass gleich der ganze Lebensentwurf oder das Selbstbild ins Wanken gerät.Doch noch während ich mich so in meinem Leid suhle, spüre ich noch etwas anderes: Erleichterung darüber, dass ich dieses ständige Austarieren zwischen Möglichkeiten nicht mehr aushalten muss. Denn irgendwann, vielleicht auch mit dem Alter, hat sich etwas verschoben. Es sind die Prioritäten und Wünsche, aus denen ich während meines Studilebens irgendwann herausgewachsen bin.Klar gehe ich heute seltener aus, aber auch nur, weil ich am nächsten Tag gern früh aufstehe. Und ja, ich trinke zwar auch nicht mehr mit Kommilitonen auf dem Campus Kaffee, dafür aber mit meinen Arbeitskollegen im Büro.Eine andere Form von FreiheitDas klingt vielleicht langweilig, und manchmal würde ich auch wirklich lieber unter der Woche ein kühles Bier in meiner Lieblingskneipe trinken. Aber ich habe auch gelernt, dass in dieser neuen Form von Alltag eine andere Art von Freiheit liegt. Eine, die nicht so laut und aufregend ist wie die ersten Semester auf dem neuen Campus, dafür aber wesentlich beständiger.Es ist die Freiheit, Dinge nicht mehr nur auszuprobieren, sondern sich aktiv für sie zu entscheiden. Die Freiheit, nicht mehr überall gleichzeitig sein zu müssen, weil man weiß, was man mag und wo die eigenen Grenzen liegen. Und vielleicht auch die Freiheit, einen Dienstag einfach als das zu nehmen, was er ist, ohne das Gefühl zu bekommen, etwas verpasst zu haben.Als ich später aufstehe, klebt der Rasen noch warm an meinen Beinen, irgendwo klappen wieder Plastikbecher, und aus der Ferne zieht der Bass in Wellen über den Campus. Für einen Moment bleibe ich stehen und sehe den anderen zu, wie sie sich durch den Abend treiben lassen.Dann gehe ich. Nicht weil ich nicht mehr dazugehöre, sondern weil ich inzwischen woanders hingehöre. Auch wenn ich mir noch nicht so sicher bin, wo das eigentlich ist.
Ab wann ist man zu alt fürs Studieren?
Der Anfang des Studiums fühlt sich frei und unbeschwert an, doch irgendwann kehrt Verbindlichkeit ein. Doch auch darin steckt Freiheit – nur eben in einer anderen Form.






