PfadnavigationHomeWirtschaft„Freedom Fuel“ an der ZapfsäulePlanwirtschaft mit Donald Trump? Was hinter dem Tankstellen-Dirigismus des Präsidenten stecktVon Jan KlauthFreier US-Korrespondent mit Sitz in New YorkStand: 08:03 UhrLesedauer: 6 MinutenDonald Trump, hier bei einem Wahlkampfauftritt: Nach 21 Tagen ist der „Deal“ mit dem Iran Geschichte – der Ölpreis steigt wieder anQuelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Julia Demaree NikhinsonEin undurchsichtiges Tankstellen-Netzwerk in den USA bietet Sprit weit unter Marktwert an. Es ist Trumps Antwort auf eine Krise, die zum erheblichen Teil hausgemacht ist – und bei Weitem nicht das erste Mal, dass der Präsident mit dem Konzept der Planwirtschaft liebäugelt.Das Ganze muss sein Scherz sein. Das dachten wohl viele Amerikaner, als ihr Präsident unlängst ein Bild postete, das jeder halbwegs geübte Internetnutzer sofort als KI-generiert erkannte. Trump kündigte an, ein Tankstellen-Netzwerk namens „Freedom Fuel“ werde in der Region Philadelphia günstigen Sprit anbieten.Dann, Anfang der Woche, öffneten die Stationen tatsächlich. Zwanzig in Pennsylvania, fünf in New Jersey, insgesamt 25 umbenannte ehemalige Shell-, Valero-, Gulf- und Phillips-66-Stationen. Der Preis: 3,47 Dollar pro Gallone, eine kleine Hommage an den 47. Präsidenten – und zehn bis zwanzig Prozent unter dem aktuell landesweiten Schnitt.Amerikanische Medien rätseln seitdem, was hinter dem planwirtschaftlich anmutenden Netzwerk steckt. Denn niemand kann sagen, wem diese Tankstellen eigentlich gehören. Die Website selbst macht genauso wenig Angaben wie das Weiße Haus selbst. Eine Prüfung des Handelsregisters in Pennsylvania und New Jersey durch das Onlinemedium „Snopes“ ergab: keine Spur von „Freedom Fuel Network“.Lesen Sie auchErst in Delaware, dem Bundesstaat, in dem Firmen häufig ihren Geschäftssitz anmelden, um Steuern zu vermeiden, wurde man fündig. Die Firma wurde am 23. Juni eingetragen. Als Adresse ist ein unscheinbares Bürogebäude in Wilmington angegeben, das laut einem älteren „New York Times“-Bericht zeitgleich als Registersitz für mehr als 285.000 Firmen dient. Mit anderen Worten: eine Briefkastenadresse für windige Unternehmer.Wie aber funktioniert das Tanken unter Marktpreisen? Das Weiße Haus selbst gibt sich auffällig zurückhaltend. Ein Sprecher versicherte gegenüber „CBS“, es handle sich um ein rein privates Unternehmen, die Regierung zahle keine Subvention – die niedrigeren Preise kämen allein durch geschrumpfte Gewinnmargen zustande. Warum dann der Präsident aktiv Werbung macht? Auch das bleibt unklar. Lesen Sie auchAll das hat Branchenkenner hellhörig gemacht. Ein solcher Kampfpreis sei ohne irgendeine Form von Subvention schlicht nicht realistisch, sagte Patrick De Haan, Analyst beim Preisportal „GasBuddy“, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin „Quartz“. „In der Regel muss am Ende irgendjemand für die Verluste geradestehen“, so De Haan. Dazu kommt, dass mehrere der Stationen in der Datenbank von GasBuddy noch unter völlig unterschiedlichen, alten Markennamen laufen – das Ganze dürfte als ziemlich hastig zusammengeschnürt worden sein.Vor Trumps Amtsantritt kostete Benzin 2,99 Dollar Vieles spricht dafür, dass es sich um einen PR-Stunt der Trump-Regierung handelt – die Antwort auf eine Krise, die zu einem erheblichen Teil hausgemacht ist. Denn die Hintergründe der neusten Inszenierung des Präsidenten sind klar: Nach Ausbruch des Kriegs zwischen den USA, Israel und dem Iran legte das iranische Militär die Straße von Hormus faktisch lahm, jene schmale Meerenge, durch die zuvor rund ein Drittel der weltweiten Rohölexporte verschifft wurde. Wenig später blockierte das US-Militär die Straße selbst.Die Folge: Der landesweite Benzin-Durchschnittspreis kletterte im Mai auf 4,56 Dollar pro Gallone, den höchsten Stand seit 2022. Erst eine Absichtserklärung mit Teheran Mitte Juni brachte die Preise vorübergehend wieder unter die Vier-Dollar-Marke – ehe der brüchige Waffenstillstand in dieser Woche erneut zerbrach und die Raketen nun abermals fliegen.Was das konkret für amerikanische Haushalte bedeutet, hat Mark Zandi durchgerechnet, Chefvolkswirt des Finanzdienstleisters Moody’s Analytics: Der Iran-Krieg habe den durchschnittlichen US-Haushalt bereits rund 1000 Dollar gekostet, und die gestiegenen Spritpreise seien dafür das „offensichtlichste Beispiel“.Und tatsächlich: Vor Trumps Amtsantritt, Ende 2024, lag der Preis für die Gallone bei 2,99 Dollar – also 16 Prozent unter dem jetzigen „Freedom Fuel“. Selbst im eigenen Lager wundern sich viele über Trumps Vorstoß. „Man erhöht erst die Preise und tut dann so, als sei man der Retter, wenn sie wieder sinken“, kritisiert der frühere republikanische Abgeordnete Adam Kinzinger.Heikel ist die Debatte auch deshalb, weil Trump erst vor wenigen Tagen vor „Kommunismus“ im Zuge des Linksrucks bei den Demokraten warnte. „Staatlich subventionierte Supermärkte sind Kommunismus. Staatlich betriebene Tankstellen sind Freiheit. Verstanden“, wetterte der demokratische Kongressabgeordnete Jim McGovern. Was er meint: In New York plant der sozialistische Bürgermeister Zohran Mamdani, preisgebundene Supermärkte zu eröffnen – eine Idee, die den Plänen Trumps gar nicht so unähnlich sei.Lesen Sie auchTatsächlich zeigt sich bei Trump ein Muster. Mit linker Politik à la Mamdani hat seine Regierung zwar wenig zu tun. Dennoch ist es nicht das erste Mal, dass der Präsident mit dem Konzept der Planwirtschaft liebäugelt. Staatlichem Dirigismus ist Trump nicht abgeneigt – vorausgesetzt, er dient seinen eigenen Interessen.Bislang prominentestes Beispiel der Trump’schen Wirtschaftspolitik ist der Chipkonzern Intel. Durch einen Staatseinstieg ist die US-Regierung zum größten Anteilseigner geworden und hält nun zehn Prozent. Trump hatte kurzerhand eine Beteiligung im Gegenzug für elf Milliarden Dollar staatliche Subventionen verlangt – und auch bekommen.Auch bei großen Rüstungsfirmen wie Lockheed Martin hat seine Regierung eine Beteiligung des Staates in Aussicht gestellt. Das Argument: Die US-Regierung und damit der Steuerzahler mache ohnehin den größten Teil der Kundschaft aus. „Lockheed Martin macht 97 Prozent seines Umsatzes durch die US-Regierung, sie sind im Grunde ein verlängerter Arm der Regierung“, sagte Handelsminister Howard Lutnick dem Fernsehsender CNBC.Lesen Sie auchAuch im Bergbau ist der amerikanische Staat eingestiegen und hat sich am kalifornischen Unternehmen Mountain Pass beteiligt, das in der Mojave-Wüste Ceriumoxid und andere Seltene Erden fördert: Rohstoffe, die für den Tech-Sektor und den Bau von E-Autos ungemein wichtig sind. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren laut „Financial Times“ einige Beteiligte das Vorgehen. Es erinnere an die Volksrepublik China, heißt es. Einzelne Republikaner, wie etwa Rand Paul, Senator aus Kentucky, sprechen sogar schon vom „Sozialismus“ hinter den Staatseinstiegen.Wirtschaftlich legt der jüngste Tankstellen-Vorstoß ein Grundparadox dieser Regierung offen: Eine Administration, die sich rhetorisch als Verfechterin des freien Marktes und Gegnerin staatlicher Eingriffe versteht, bewirbt über offizielle Kanäle des Weißen Hauses ein Unternehmen, dessen Eigentümer sie angeblich nicht nennt – und dessen Preismodell staatlich festgelegt wird.Lesen Sie auchKlar ist: Nicht das Weiße Haus bestimmt, was Amerikaner an der Zapfsäule zahlen, sondern die Weltmärkte – die durch die erneute Eskalation des Iran-Kriegs wohl bald eine Reaktion zeigen werden. Seitdem die Raketen wieder fliegen, stieg er Ölpreis abermals an.Wochenlang lobte Trump, der Iran werde jetzt von „vernünftigen Leuten“ angeführt, die sich mit ihm einigen wollten. 21 Tage nachdem er seine Unterschrift unter das Rahmenabkommen im Schloss von Versailles setzte, ist der Deal schon wieder Geschichte. Für die Verbraucher in den USA ist das keine gute Nachricht. Das Versprechen der sinkenden Preise dürfte den Präsidenten noch eine ganze Weile verfolgen.Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.