Es gehört zu den liebgewonnenen Ritualen des deutschen Fernsehsommers: Einmal im Jahr bittet Markus Lanz den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck zum „Sommergespräch“, und einmal im Jahr darf der geneigte Zuschauer erleben, wie zwei Männer, die sich erkennbar schätzen, in wechselseitiger Bestätigung die Lage der Nation vermessen.

Was am Donnerstagabend im ZDF zu besichtigen war, bot dabei durchaus Erkenntnisgewinn – allerdings weniger über den Zustand des Landes als über den Zustand jener Diskursblase, in der sich ein Teil der politisch-medialen Elite Deutschlands nach wie vor behaglich eingerichtet hat.

Der paternalistische Grundton

Man muss Gauck zugutehalten, dass er seine Positionen mit jener pastoralen Würde vorträgt, die ihm eigen ist und die ihm einst den Weg ins höchste Staatsamt ebnete. Doch gerade diese Würde macht die Zumutungen, die in seinen Formulierungen stecken, umso bemerkenswerter. Da ist etwa der Satz über die AfD-Wähler: „Ich verurteile sie ja nicht als Faschisten, sondern ich bin der Meinung, dass sie falsch wählen, dass sie auf einem Irrweg sind.“

Man halte einen Moment inne und vergegenwärtige sich die Tragweite dieser Aussage. Ein ehemaliger Bundespräsident, der qua Amt einst alle Bürger repräsentierte, erklärt Millionen von Wählern – in Sachsen-Anhalt jenseits der 40-Prozent-Marke –, dass sie „falsch" wählen. Nicht, dass sie eine Partei wählen, deren Programm er für verfehlt hält. Nicht, dass er ihre Sorgen versteht, aber andere Lösungen bevorzugt. Nein: Sie wählen schlicht „falsch“. Es ist die Sprache des Oberlehrers, der die Klassenarbeit zurückgibt. Und es ist exakt jener Tonfall, der die Entfremdung, die Gauck an anderer Stelle durchaus klug analysiert, weiter befeuert.