Es gibt Momente, in denen man sich beim Lesen einer Zeitung die Augen reibt. Das Interview, das Joachim Gauck kürzlich der Welt am Sonntag gegeben hat, ist so ein Moment. Der frühere Bundespräsident, jahrelang ein entschiedener Mahner für das liberale Demokratieverständnis der Bundesrepublik, sagt nun Sätze, für die Stimmen wie die unsere öffentlich abgewatscht werden.

Zur Migrationspolitik des neuen Innenministers Alexander Dobrindt sagt Gauck, manches sei zwar „juristisch oder europarechtlich riskant“, aber „politisch folgerichtig“. Zur pauschalen Verurteilung von AfD-Wählern sagt er, es sei „ein schwerer Fehler, jeden AfD-Wähler pauschal zum Faschisten zu erklären. Das ist Unfug.“ Und das Wort „Brandmauer“ gefällt ihm auch nicht mehr. Zumindest auf kommunaler Ebene müsse man „pragmatisch das Schwimmbad oder den Kindergarten auch mal mit deren Stimmen beschließen können“.

Man möchte applaudieren. Man möchte rufen: Willkommen im Klub, Herr Gauck. Willkommen in jener Wirklichkeit, in der Bürgermeister in der ostdeutschen Fläche seit Jahren leben, während ihnen aus Berlin nicht selten erklärt wurde, sie betrieben Verrat an der Demokratie.

Jahrelange Belehrung – und nun das

Es lohnt sich, kurz innezuhalten. Derselbe Joachim Gauck hat 2015 das vieldiskutierte Wort „Dunkeldeutschland“ in die Debatte getragen – ein Begriff, den er nicht erfunden hat, der vielmehr schon in den 1990er-Jahren kursierte und damals als Abwertung der Ostdeutschen kritisiert wurde.