Vitor Marigo / ImagoVon Manaus bis zur kolumbianischen Grenze: eine Reise in das brasilianische Amazonasgebiet, wo Urwald, Indigene und Goldsucher um dasselbe Ufer kämpfen.Ute Müller10.07.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenDalvino Alves sticht sein Paddel ins Wasser und gleitet mit seinem Kanu durch die Stille des brasilianischen Naturparks Mamirauá. Vorbei an Urwaldriesen mit ihren beeindruckenden Kronen und Stämmen, die sich reglos im Wasser spiegeln. Das Reservat ist mit 1,1 Millionen Hektaren der grösste Überschwemmungswald der Welt und fast menschenleer. Sechs Monate im Jahr steht er unter Wasser.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das langgezogene Geheule der Brüllaffen reisst die Stille auf. Dalvino deutet auf eine Baumkrone. Affen mit rötlich-braunem Fell turnen in den Ästen, ihr Gewicht biegt die Zweige. Kapokbaum heisst der Baum, in der Sprache der Indigenen Samaúma. Es ist ihr heiliger Baum.In ihrer Mythologie lebten alle Indigenen einst als Vögel hier oben in der ersten Welt, bis sie eines Tages von einer Anakonda in die zweite, heutige Welt gebracht wurden. Von hier aus haben sie sich mit verschiedenen Sprachen überall verteilt. Der Samaúma zählt zu den höchsten Bäumen des Urwalds und ist überall entlang des Ufers des Amazonas schon von weitem erkennbar.Das Kanu gleitet vorbei an weissen Stämmen von Ameisenbäumen. Sie sind so glatt, als wären sie aus italienischem Carrara-Marmor. Dalvino weicht einem Seerosenfeld aus. Die Blätter der Victoria-Seerosen haben einen Durchmesser von zwei bis drei Metern und sind am Rand mit Stacheln besetzt. Die Blüten leuchten zunächst weiss im Wasser, nach der Bestäubung werden sie lila.Übler Streich der EvolutionsgeschichtePlötzlich hört man das Schnauben der Amazonas-Flussdelfine. Sie holen so kurz Luft, dass man nur ihre rosa Rückenflossen erkennt, bevor sie abtauchen. In Mamirauá gibt es besonders viele der sogenannten «Botos» mit ihren runden Köpfen. Die Evolutionsgeschichte hat ihnen einen üblen Streich gespielt. Ihre Vorfahren lebten noch im Pazifik und konnten vom Meer aus immer wieder ins Amazonasgebiet schwimmen. Als die Anden nach oben gedrückt wurden und sich anhoben, wurde das Flusssystem vom Ozean abgeschnitten, und die Delfine mussten dauerhaft im Süsswasser bleiben.Die Botos, die nicht besonders gut sehen können, sind neugierig, folgen Dalvinos Kanu mit sicherem Abstand. Um sie rankt sich eine kuriose Legende, die sich im gesamten Amazonasgebiet hält: In Vollmondnächten soll sich einer der Delfine in einen attraktiven Mann verwandeln, der Frauen verführt, aber vor Sonnenaufgang im Fluss verschwindet. Wird eine Frau schwanger, und man weiss nicht, wer der Vater des Kindes ist, sagt man: «Es ist ein Kind des Boto.»Für Dalvino Alves (rechts) aus Boca do Mamirauá ist der Fluss der einzige Weg, um sein Heimatdorf zu verlassen.Ute MüllerDie Menschen siedeln sich am Ufer an. Unter dem Dach des Regenwaldes wuchern Bromelien, Orchideen, Schlingpflanzen und Hyazinthen, aus denen die Indigenen einen blauen Farbstoff gewinnen. Der Fluss ist die Lebensader, er führt zum nächsten Arzt oder zur nächsten Schule. In Dalvinos Dorf, Boca do Mamirauá, leben nur fünf Familien. Alle sind «caboclos», so nennt man in Brasilien die Menschen, die indigene und europäische Vorfahren haben. Dalvino und seine heute siebenköpfige Familie gehörten 1986 zu den Gründern des Dorfes. Dessen Holzhäuser, darunter auch das bescheidene Hostal «Pousada Casa do Caboclo», stehen auf Stelzen, weil der Fluss in der Regenzeit bis zu zehn Meter ansteigt.Der Abstecher in Dalvinos Wasserparadies ist eine Etappe einer zwölftägigen Reise entlang des Amazonas. Ununterbrochen führt sie stromaufwärts. An manchen Stellen ist der Fluss so breit wie ein Binnenmeer. Der grüne Regenwald am Ufer lässt den Horizont verschwinden. Die Ortsnamen dieser Reise klingen wie Musik: Anamã, Via Lira, Jutaí, Fonte Boa, Betânia, Benjamin Constant. Ziel der Reise ist das 1600 Kilometer entfernte Tabatinga, die letzte Stadt Brasiliens an diesem endlos erscheinenden Fluss. Sie befindet sich direkt an der Grenze zu Kolumbien und Peru.Kormorane, Schmuckreiher, Aras und andere Papageienarten sind ständige Begleiter auf der Reise, und sie kommen ganz nah. Das Hochwasser zwingt die Vögel in die Seitenarme. Ein Nacktaugentrupial blitzt auf. Ein Blauscheiteltrogon zeigt sein farbiges Gefieder, bevor ein Rotbrustfischer pfeilschnell übers Wasser schiesst. Dann übernimmt ein Silbertaucher, der so gut fliegen wie tauchen kann, die Show. Die Namen der Amazonas-Vögel sind so sonderbar wie ihre intensiven Farben. Das gilt ganz besonders für die kleinen und zierlichen Vögel wie etwa den putzigen Gelbbürzeltangar.Marc Deville / GettyMarc Deville / GettyOb Blüten oder Vögel, die Natur mag es am Amazonas bunt vor grün.Kein einladendes Gebiet für MenschenMehr als 3000 Fischarten leben in dieser Flusslandschaft mit ihren zahllosen Lagunen, Kanälen und Seitenarmen. Hier tummeln sich handtellergrosse, von den Einheimischen trotz ihren scharfen Zähnen wenig gefürchtete Piranhas und bis zu drei Meter lange Pirarucu. Diese sind die grössten Schuppenfische der Welt und können bis zu 200 Kilogramm wiegen.Das brasilianische Amazonasgebiet ist riesig, rund 5 Millionen Quadratkilometer gross. Die Schweiz würde etwa 120-mal hineinpassen.Die Flusslandschaft mag die Phantasie der Menschen beflügeln, doch der schwer durchdringbare Regenwald war nie einladend für Siedler. Zum tropischen, feucht-heissen Klima gesellen sich schwer zu bearbeitende Lehmböden. Doch zu verlockend war der Fiebertraum des schnellen Geldes, dem die Neuankömmlinge aus Europa Mitte des 19. Jahrhunderts erlagen. Die Kautschukbarone von Manaus hatten gezeigt, wie es geht. Die Indigenen hatten den Naturkautschuk längst gekannt, als die Europäer kamen, sie nannten den milchigen Saft «cao ochu» (Träne des Baums).Unter dem Blätterdach wuchern Bromelien, Orchideen und Hyazinthen.Marc Deville / GettyManaus – das einstige Paris der TropenSchnell begriffen die Fremden, dass es sich dabei um flüssiges Gold handelte. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es zu jener Zeit Latex. Die mächtige Kaste der Kautschukbarone häufte immensen Reichtum an. Die Neureichen machten sich daran, Manaus in ein «Paris der Tropen» zu verwandeln. In atemberaubendem Tempo wurde Manaus die reichste Stadt auf dem südamerikanischen Kontinent und hatte sogar eine Strassenbahn. Gustave Eiffel lieferte Pläne für eine Markthalle. Die Barone versuchten sogar, den Franzosen den Eiffelturm abzukaufen.Das riesige, 1896 eingeweihte Opernhaus von Manaus im französischen Stil, dessen prachtvolle Kuppel im Stadtzentrum erstrahlt und wo Lüster aus Murano-Glas leuchten, ist das beste Symbol für jenen Grössenwahn – wunderbar in Szene gesetzt im Film «Fitzcarraldo» mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. Dekadenz beherrschte die Belle Époque. Man badete in Wannen voller Champagner, und die portugiesischen Kautschukbarone schickten ihre Wäsche zur Reinigung nach Lissabon, das Wasser des Amazonas war ihnen zu braun.Der Reichtum verschwand so schnell, wie er gekommen war. Nachdem der Brite Henry Wickham 70 000 Samen von Kautschukbäumen aus dem Land geschmuggelt hatte und damit Plantagen im British Commonwealth errichtet worden waren, war es mit dem Monopol vorbei, und Manaus verfiel in einen Dornröschenschlaf.Vom Scheitern menschlicher OrdnungsversucheEr dauert bis heute an. Noch immer ist die Dschungelstadt nur unzureichend an das brasilianische Strassennetz angebunden und nur per Schiff, Flugzeug oder Fähre erreichbar. Aus der Not ist eine Tugend geworden, Manaus ist heute der wichtigste Ausgangspunkt für Amazonas-Flusskreuzfahrten. Nur wenige Kilometer südöstlich von Manaus findet über eine Strecke von sechs Kilometern das berühmte «Encontro das Águas» statt. Das Treffen zweier Flüsse ist hier ein Naturschauspiel. Die beiden Ströme fliessen mit ihren unterschiedlichen Farben nebeneinander her und vermengen sich, so scheint es, nur ungern. Grund sind die verschiedenen Wassertemperaturen, der dunkle Rio Negro ist fast 28 Grad warm, der hellbraune Amazonas, der bei den Brasilianern Solimões heisst, kommt aus den Anden und ist 6 Grad kühler.Der Solimões bleibt Protagonist dieser ganzen Reise. Immer wieder wird man Zeuge menschlicher Versuche, diesen Fluss- und Regenwaldkosmos zu kontrollieren, zu ordnen und für sich nutzbar zu machen. Am Ufer entstehen immer neue Siedlungen. Eine Hütte, spielende Kinder, ein Boot. Der Urwald weicht, Bananenstauden rücken vor. Dann wieder gewinnt der Fluss die Oberhand.Keine Zeit, keine Eile, nur unendliche DistanzIm Dickicht verloren ist die im 18. Jahrhundert gegründete Jesuitenmission Tefé im Herzen der Amazonasregion. Die überbordende Natur setzte auch den Versuchen, die indigene Bevölkerung christlich zu missionieren, stets Grenzen. Von der einstigen herrlich gelegenen Klosteranlage stehen heute nur noch die Kirche und das Pfarrhaus. Es wird von einem portugiesischen Spiritaner-Missionar, dem 81-jährigen Pater Firmino da Costa, und seiner Haushälterin bewohnt. Das Leben am Amazonas beschreibt der Pater mit folgenden Worten: «Keine Zeit, keine Eile, nur unendliche Distanz.»Die Jesuitenmission von Tefé. Wo der Mensch nicht ständig Ordnung hält, holt sich der Urwald zurück, was ihm abgetrotzt wurde.Ute MüllerDie «Jangada» fährt stromaufwärts, zwölf Tage lang, bis nach Tabatinga.Ute MüllerFünfzehn Minuten stromabwärts wuchs das Städtchen Tefé in den letzten Jahren mit heute 75 000 Einwohnern zum wichtigsten Ort im nördlichen Amazonasgebiet heran. Der Fluss verengt sich, die ersten schwimmenden Tankstellen tauchen auf. Daneben die schwimmenden Häuser, deren Stämme immer wieder ausgetauscht werden müssen.Hier ist die Natur auf dem Rückzug, die Stadt wächst den Hügel hinauf. Und wer hier keine Bleibe findet, sucht sich ein Stückchen Land am Amazonasufer. Die Usurpation ist sogar gesetzlich geregelt. Fünf Jahre lang muss ein Siedler ein Grundstück bewirtschaften. Dann gehört es ihm. Die neuen Ansiedlungen am Ufer des Amazonas locken freikirchliche Bewegungen wie die Assembleia de Deus an, die in Brasilien enorm an Zulauf gewinnt, zulasten der katholischen Kirche. Evangelikale Gotteshäuser selbst in Kleinstdörfern sind mittlerweile keine Seltenheit mehr.Nach einem Besuch von Tefé sehnt man sich nach der Stille auf dem majestätischen Strom. Die Bitte wird erhört: In den folgenden Tagen sieht man deutlich weniger kleine Ansiedlungen am Ufer. Der Urwald und der Fluss schmiegen sich wieder in perfektem Einklang aneinander. Ab und zu tauchen kleine Gruppen von grauen sogenannten Tucuxi-Delfinen, der zweiten Delfinart im Amazonas, auf. Grazil springen die wendigen Tiere aus dem Wasser, manchmal in Zweier- oder Dreierformation, und vollführen anmutige Ballettaufführungen.Die Indigenen ziehen sich immer weiter in den Wald zurückDoch kurz vor der kleinen Stadt Jutaí wird die Idylle unterbrochen, es tauchen Goldsucherschiffe auf. Mit Schwimmbaggern und Wasserpumpen wühlen sie den Flussboden auf und verletzen den fragilen Uferstreifen des Amazonas.Hier im Oberlauf des Amazonas beginnt das Gebiet des Stamms der Ticuna, des grössten indigenen Volkes im Amazonasgebiet, rund 70 000 Menschen verteilen sich auf Brasilien, Kolumbien und Peru. Sie haben sich tief in den Wald zurückgezogen und leben dort bis heute nach ihren Traditionen. Sie empfangen Gäste, etwa die Ticuna von Betânia Mecürane. «Wir wollen unsere Kultur vorstellen und diese dadurch retten», sagt das Oberhaupt Sinésio Trovão (50), der sogenannte Cacique. Der Ort liegt am Rio Içá, einem Seitenarm des Amazonas.Sinésio Trovão, Cacique der Ticuna. Sein Gesicht ist rot vom Annatto, dem Orleanstrauch.Ute MüllerDie Ticuna begrüssen ihre Gäste mit Trommeln und Gesängen in ihrem Stammeshaus, einer sogenannten Maloca. Für die besondere Gelegenheit tragen sie ihre Stammeskleidung aus bemalter Rinde, in der Mitte des riesigen Versammlungsraums wird Baumharz verbrannt. Zur Feier des Tages wird das sogenannte Moça-Nova-Ritual aufgeführt, bei dem ein pubertierendes Mädchen auf die Erwachsenenwelt vorbereitet wird. Früher wurden ihr die Haare abgeschnitten, um sie zunächst für Männer unattraktiv zu machen, heute wird dies nur noch simuliert. Ihr Gesicht wird noch immer mit Holzkohle geschwärzt.Mit Trommeln und Gesang empfangen die Ticuna ihre Gäste.Ute MüllerDie Maloca, das Stammeshaus der Ticuna. Hier wird das Moça-Nova-Ritual gefeiert.Ute MüllerEin Stamm, aus einem Knie geborenSinésio betrachtet das Geschehen aus einer gewissen Distanz. Lieber stellt er das neben der Maloca gelegene Museum vor, in dem die Geschichte des Ticuna-Stammes erklärt und sakrale Objekte ausgestellt werden. Sinésio wirkt erschöpft, er kommt gerade von einer Reise aus Portugal zurück, wo er versuchte, auf die Belange der Indigenen aufmerksam zu machen. Stolz zeigt er seinen üppigen Federschmuck, das Gesicht hat er rot und schwarz bemalt. Die rote Farbe stammt vom tropischen Annatto-Strauch. Die schwarze von der Frucht des Jenipapo-Baumes, es dauert mindestens eine Woche, bis diese Zeichnungen wieder vom Gesicht verschwunden sein werden.Sinésio hat andere Sorgen: «Wir haben weniger Fische als früher. Immer müssen wir neue Stellen zum Angeln suchen. Die Goldsucher, die anderen Fischer: Sie gehören nicht hierher.» Der Wald wird aufgrund illegalen Holzeinschlags reduziert. Unter Präsident Bolsonaro war es besonders schlimm. Selbst eine indigene Ministerin der Lula-Regierung konnte das Problem nicht dauerhaft beheben.Wo die Politik versagt, bleibt die Besinnung auf die wundersame Schöpfungsgeschichte der Ticuna, von der Sinésio besonders gern erzählt. Diese beginnt mit dem Urvater Yuche, aus dessen Knie die beiden Brüder Yo’i und Ipi geboren wurden. Einer steht für strenge Regeln, der andere für das Chaos. Ihre Abbildungen zieren den Eingang des Museums. «Aus ihnen entstand unser Stamm», so Sinésio. Vom zweiten Stock des Holzgebäudes schaut er auf den fernen Amazonas, eine Regenwand lässt das Wasser vom Fluss über die grüne Landschaft schwappen. Sinésio wirkt nachdenklich: «Die Elemente sind unser Freund. Es ist die Moderne, der wir uns stellen müssen.»Mamirauá, der grösste Überschwemmungswald der Welt. Fluss und Wald sind hier fast nicht mehr zu trennen.Vitor Marigo / ImagoDie Reportage wurde möglich durch die Unterstützung von Lernidee Erlebnisreisen. Nächste Amazonasreisen im August 2026 sowie von März bis August 2027.Passend zum Artikel