Die Realverfilmung von «Vaiana» stürzt das Kino in ein unheimliches TalDisneys Realverfilmungen wollten einst zeigen, was technisch möglich ist. Heute zeigen sie vor allem, wie künstlich Perfektion wirken kann.Jens Balkenborg10.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMuss sich von ihrem Vater emanzipieren und auf ihre eigene Entdeckungsreise gehen: «Vaiana» (gespielt von Catherine Laga'aia)Disney/APDas Phänomen tritt derzeit häufig auf: Man betrachtet etwas künstlich Erzeugtes, das einem realen Vorbild nachempfunden ist, ein mit künstlicher Intelligenz errechnetes Gesicht mit komplexer Mimik beispielsweise oder ein Tier. Doch egal, wie realistisch das Abbild auch erscheint: Es bleibt eine Irritation, vielleicht sogar ein Unbehagen gegenüber dem Gesehenen, eine kognitive Dissonanz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Uncanny valley» heisst dieses «Phänomen des unheimlichen Tals», das erstmals 1970 von dem japanischen Robotiker Masahiro Mori beschrieben wurde und mit den neuen Möglichkeiten digitaler Bilderzeugung derzeit eine Renaissance erlebt. Konnte bei Disneys «The Lion King» von 2019 noch der ambitionierte Fotorealismus der anthropomorphisierten Tiere für Staunen oder Entsetzen sorgen – diese Mimiken und diese Fellhaare! –, hat sich auch das Gefühl des «uncanny valley» bei den gegenwärtigen Entwicklungen verstärkt.Die Wetterregler auf AnschlagDas Unbehagen beschränkt sich dabei längst nicht mehr auf digitale Gesichter. Es scheint auf ganze Filme überzugreifen, deren künstliche Perfektion jede Spontaneität aus dem Bild verdrängt. Denn mit der Wucht eines Dampfhammers bringen die grossen Studios wie Disney Realverfilmungen ihrer Zeichentrick- und Animationsfilmwelterfolge wieder auf die grosse Leinwand.«The Little Mermaid», «Snow White» oder jetzt, taufrisch, «Vaiana». Damit zelebrieren sie die umgekehrte Bewegung: Hier wird eine künstliche Vorlage dank Computerunterstützung mit «echten» Schauspielern real verfilmt – und das, in grösster kreativer Faulheit, teilweise eins zu eins. Warum? Weil man das jetzt kann und, natürlich, weil es Geld in die Studiokassen spült.Bei «Vaiana», Thomas Kails nahezu Eins-zu-eins-Adaption des gelungenen, weil damals originellen animierten Films von 2016, hat das Gesamtpaket etwas Irritierendes. Vor allem, wenn man die Vorlage kennt. Irritierend, weil hier nicht nur die offensichtlich animierten süssen Tierchen wie Moanas Sidekick, der Dumpfbacken-Hahn Heihei, oder die Riesenterrorkrabbe Tamatoa seltsam durch die Umgebung wackeln, sondern weil die Umgebung selbst und die «echten» Menschen flach und künstlich wirken.Sämtliche Wetterregler sind immer auf hyperrealistischen Anschlag gedreht – perfekte Sonnen, monströser Regen –, und die Figuren sind glattgebügelte Abbilder animierter Vorbilder. Die Geschichte wirkt wie das Disney-Pendant zu Platons Höhlengleichnis: Die Titelheldin (Catherine Lagaʻaia) emanzipiert sich von der Maxime ihres Vaters, des Häuptlings der polynesischen Insel Motunui, niemals die unmittelbare Umgebung der Südseeinsel zu verlassen. Sie geht auf Reisen, um ihre von einer unerklärlichen Dürre befallene Heimat zu retten. Dazu will sie den Halbgott Maui (Dwayne «The Rock» Johnson) finden, der, wie es in einer Sage heisst, einst das Herz einer Göttin gestohlen hat.Potenzial für einen HorrorfilmSo mitreissend das Original für Kinder und Erwachsene war, die offen für Disneys Pathos und moralische Botschaften sind: Die neue «Vaiana» wirkt im Vergleich dazu wie ein buchstäblich verdrehtes Abziehbild. Da hilft auch wenig, dass die Dynamik zwischen Catherine Lagaʻaia und «The Rock» meist richtig gut funktioniert.Vielleicht ist das eine Erkenntnis, die sich aus «Vaiana» gewinnen lässt: Diese Art der computerunterstützten Realfilmreproduktionen wirft unsere Bereitschaft, uns emotional auf fiktive Werke einzulassen und die entworfenen Welten temporär zu akzeptieren (die «suspension of disbelief», wie es in der Rezeptionstheorie heisst), schlicht in den Cocktailmixer. Und ohne in Kulturpessimismus zu verfallen, liegt in der Logik, etwas eins zu eins zu reproduzieren und lediglich durch reale Schauspieler zu ersetzen, auch das Potenzial für einen Horrorfilm.Vaiana. Im Kino (116 Minuten).Passend zum Artikel