AnalyseThe Market hat die wichtigsten Börsen nach Titeln mit kräftigem Momentum abgeklopft. Obwohl sie im Fokus stehen, dreht sich an den Märkten nicht alles nur um Halbleiterwerte.Aktien aus der Halbleiterbranche lassen derzeit niemanden kalt. Die Papiere der Unternehmen, die als grösste Profiteure der riesigen Investitionen in den Aufbau von Rechenzentren gelten, hatten in den letzten Monaten einen unglaublichen Lauf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es wundert deshalb nicht, dass sie in der Momentumübersicht, die The Market seit Anfang 2020 regelmässig erhebt, trotz der jüngsten Konsolidierung die vordersten Plätze belegen – so wie bei der letzten Bestandesaufnahme im April. Rangiert wird jeweils nach der Kursveränderung über sechs und zwölf Monate, das Universum besteht aus den rund 1300 Titeln des US-Leitbarometers S&P 500, des gesamteuropäischen Stoxx Europe 600 und des Swiss Performance Index (SPI).Angesichts des Ausmasses der Avancen überrascht es nicht, dass Vergleiche mit der Technologieblase zur Jahrtausendwende derzeit Hochkonjunktur haben. Neben fundamentalen Unterschieden – heute verdienen viele der Tech-Unternehmen gutes Geld, was 2000 nicht der Fall war – bestehen auch Unterschiede im Verhalten der Anleger. Damals stürzten sie sich blind auf die Internetprofiteure, während alle anderen Sektoren kaum vom Fleck kamen oder sogar Verluste verzeichneten. «Das ist heute anders, der Markt differenziert zwischen Gewinnern und Verlierern, die sich aus dem anspruchsvollen politischen und wirtschaftlichen Umfeld ergeben», sagt der langjährige Marktbeobachter Alfons Cortés.Wie The Market das Kursmomentum bestimmtThe Market rangiert die rund 1300 Titel, die im amerikanischen S&P 500, im europäischen Stoxx Europe 600 und im schweizerischen SPI vertreten sind, nach der Kursveränderung über sechs und zwölf Monate. Dies, weil diverse akademische Studien gezeigt haben, dass Valoren, die über diese Perioden gut abgeschnitten haben, auch in den darauffolgenden Monaten die Nase vorn haben. Beide Komponenten erhalten das gleiche Gewicht. Gewinner ist die Aktie mit der im Durchschnitt besten Kursentwicklung. In einer separaten Analyse untersucht The Market die relative Stärke nach Levy (Momentum Screen).Das zeige sich unter anderem daran, dass es selbst in den starken Sektoren mehrere mittelmässige bis schwache Industrien gebe. Dieses Verhalten nutze man am besten aus, «indem man relativ starke Industrien mit hoher Marktbreite in den relativ starken Sektoren deutlich übergewichtet», schrieb er in seinem gestrigen Gastbeitrag. Diese Kombination gebe es auch in hoch kapitalisierten Branchen, «die keinen Bezug haben zu Information Technology im Allgemeinen und zu künstlicher Intelligenz oder Halbleitern im Besonderen».Was starke Trends ausmachtDie Kombination aus Marktbreite und Momentum sei deshalb wichtig, weil sie anzeige, dass viele Marktteilnehmer trotz unterschiedlicher Ansätze bei der Entscheidungsfindung übereinstimmende Erwartungen bilden würden. Das sorge für starke Trends, denen auch schlechte Nachrichten wenig anhaben könnten. Gemessen am Momentum über sechs und zwölf Monate liegen die Energie- vor den Technologie-, den Industrie- und den Rohstoffwerten:Zur Einordnung der Marktbreite orientiert sich The Market an den stärksten Leitbarometern der Welt und an dem von MSCI berechneten Weltaktienindex. Dies deshalb, weil es gemäss Cortés wenig Sinn macht, in Aktien zu investieren, die dem breiten Markt hinterherhinken, weil die Indizes kostengünstig mit ETF abgebildet werden können. Der stärkste Index ist zum dritten Mal in Folge der Nikkei 225 auf Rang 98. Anders ausgedrückt waren nur 97 der 1300 Aktien stärker als das japanische Leitbarometer. Dahinter folgt auf Rang zwei der MSCI Emerging Markets und an dritter Stelle der Nasdaq 100. Den MSCI Welt schlagen konnten 507 Namen.Unter den 97 Werten, die stärker sind als der Nikkei 225, dominiert der Technologiesektor mit 40 Namen. Anteilsmässig verzeichnete er damit den grössten Zuwachs gegenüber der letzten Erhebung. Auf Rang zwei folgen die Industrietitel mit 22 starken Namen, womit der Anteil seit April stabil geblieben ist. Den grössten Zuwachs verzeichneten die Gesundheitswerte, die mit 13 Vertretern zur drittgrössten Gruppe mutiert sind.Gemessen am MSCI Welt dominiert der FinanzsektorGemessen am MSCI Welt ändert sich das Bild ein wenig. Unter den insgesamt 507 Unternehmen, die den Weltaktienindex schlagen, sind Finanzwerte mit 117 am stärksten vertreten, dahinter folgen die Sektoren Industrie mit 103 und Technologie mit 62 Unternehmen.Werden Momentum und Marktbreite kombiniert, drängen sich neben den Technologie- vor allem die Industrieaktien zur näheren Betrachtung auf, doch auch die Sektoren Gesundheit, Finanz, Rohstoffe und Energie verdienen einen genaueren Blick. Noch kein Thema sind Basiskonsumtitel wie Nestlé, die sich jüngst zwar ebenfalls erholen konnten, bei denen die Verbesserung aber noch nicht ausgeprägt genug ist. «Das sind Rotationsgewinner, die nur über ein paar Wochen oder Monate gut abschneiden werden», sagt Cortés. Noch keine Trendwende also.Der Industriesektor besteht aus vierzehn Branchen (bei MSCI als «Industries» bezeichnet) – so vielen wie in keinem anderen MSCI-Sektor. Damit ist er sehr heterogen. Die bedeutendsten Branchen sind elektrische Ausrüstung und Maschinen, die derzeit viele starke Namen beherbergen. Die meisten davon zählen allerdings zum erweiterten Kreis der KI-Profiteure, sie würden also empfindlich auf ein Ende des Investitionsbooms reagieren.Viele der starken Industriewerte haben KI-BezugZu den starken Namen aus dem Bereich elektrische Ausrüstung zählen ABB, Accelleron oder Huber + Suhner, bei den Maschinenherstellern überzeugen Unternehmen wie Caterpillar, VAT, Sandvik, SFS oder Knorr-Bremse. Attraktiv sind auch Siemens, die von MSCI den Industriekonglomeraten zugeordnet wird, Bossard bei den Handelsgesellschaften, Kühne + Nagel aus dem Bereich Logistik, das Trucking-Unternehmen Old Dominion sowie die US-Eisenbahnen CSX, Union Pacific oder Norfolk Southern. Die vier letztgenannten Bereiche sind dem KI-Boom weniger ausgesetzt.Obwohl Finanzwerte an Schwung verloren haben, weisen viele von ihnen nach wie vor stabile Aufwärtstrends auf, die sich durch parallel verlaufende Bollinger-Bänder auszeichnen, während der Kurs zwischen gleitendem Durchschnitt und oberem Band schwankt (mehr zu Bollinger-Bändern erfahren Sie am Ende des Artikels). Bei europäischen Bankaktien, die dem KI-Boom ebenfalls kaum ausgesetzt sind, ist das schon seit mehreren Jahren der Fall (vgl. Chart).Europäische Banken bewegen sich in einem stabilen AufwärtstrendQuelle: finance.yahoo.comDazu zählen Namen wie die österreichische Raiffeisen International, die spanischen Institute Banco Santander und CaixaBank oder die italienische Banco BPM, die teils bereits im Mai 2021 erstmals aufgetaucht sind. Doch auch die Segmente Finanzdienstleistungen mit Julius Bär und UBS, Kapitalmarkt mit Schroders und Interactive Brokers oder Versicherungen sind unter den stärksten Aktien vertreten.Bei den Versicherungen finden sich Werte wie Allianz, Swiss Life oder Generali, die in den Bereich ihrer Allzeithöchst aus der Zeit um die Jahrtausendwende vorgestossen sind. Auch Zurich Insurance, die noch weiter unter Höchst handelt, bereitet den Ausbruch aus einer mehrmonatigen Handelsspanne vor. Allen ist gemein, dass das Vordringen auf neue Höchst eine Fortsetzung des Aufwärtstrends signalisieren würde.Julius Bär ist aus achtjährigem Seitwärtstrend ausgebrochenDen Ausbruch bereits hinter sich haben die Papiere von Julius Bär, die jüngst eine rund achtjährige Seitwärtsphase nach oben verlassen haben (vgl. rechteckige Markierung im Chart). Getreu dem in der Markttechnik gebräuchlichen Motto «The longer the base, the higher the space» dürfte Bär in einen mehrjährigen Aufwärtstrend eingetreten sein, was mehrmonatige Rückschläge natürlich nicht ausschliesst. Nächstes Ziel dürfte das Allzeithöchst bei 100 Fr. von Ende 2007 sein. Es stammt aus der Zeit vor der Aufspaltung der Julius-Bär-Gruppe in das Vermögensverwaltungs- (das heute als Julius Bär kotiert ist) und das Asset-Management-Geschäft (heute GAM) im Oktober 2009.Julius Bär: Nächstes Ziel liegt beim Allzeithöchst von 100 Fr.Quelle: finance.yahoo.comWas Letzteres bedeutet, erfahren derzeit gerade die Energietitel. Nachdem viele von ihnen im Januar teils zwanzigjährige Handelsspannen nach oben verlassen haben und im ersten Quartal deutlich vorgeprescht sind, haben sie seit März einen guten Teil dieser Gewinne preisgegeben. Dennoch notieren viele Ölwerte höher als Anfang Jahr. Wie es mit ihnen weitergeht, dürfte sich in der nächsten Erholung zeigen.Fällt sie wenig überzeugend aus, könnte sich der Ausbruch als Fehlstart erweisen. Die wachsende Nachfrage nach Öl, die schrumpfenden Lager und das Ausbleiben von Investitionen in die Erkundung und die Erschliessung neuer Vorkommen sprechen indes eher für die Fortsetzung des Aufwärtstrends. Von den Förderern überzeugen Repsol, Eni, Equinor oder TotalEnergies, bei den Raffinerien die US-Werte Phillips 66 und Marathon Petroleum und bei den Serviceunternehmen SBM Offshore sowie die europäischen Saipem und TGS. Auch die italienische Tenaris, die Stahlrohre für die Ölindustrie herstellt, gefällt.Im Rohstoffsektor überzeugen Chemietitel wie LindeAus dem Rohstoffsektor überzeugen derzeit vor allem die Chemiewerte. Dazu zählt neben dem deutschen Industriegasehersteller Linde auch der Schweizer Polymerspezialist Ems-Chemie, der seit Januar Lebenszeichen sendet, aber weiterhin deutlich unter den Anfang 2022 verzeichneten Höchst notiert. The Market stuft ihn deshalb als Nachzügler ein, der aufholt, mit entsprechend grossem Kurspotenzial.Im Gesundheitssektor stechen die Branchen Pharma und Gesundheitsanbieter hervor. Während bei Letzteren vor allem US-Krankenversicherer wie CVS Health, Cardinal Health oder UnitedHealth gut abschneiden, ist die Palette im Pharmabereich breiter. Zu den starken Werten zählen Namen wie Bayer, Johnson & Johnson, Merck und Merck KGaA, Novartis sowie GlaxoSmithKline.Bei GlaxoSmithKline dürfte ein neues Zeitalter beginnenQuelle: finance.yahoo.comDamit zurück zu den Halbleiterwerten, die die vordersten Plätze der Momentumübersicht bekleiden. Sollen Anleger, die den Einstieg verpasst haben, derzeit noch einsteigen? «Nicht unbedingt», sagt Cortés. Das Problem sei, dass die einfache Methode von The Market nicht zwischen gutem und schlechtem Momentum unterscheide. Schlechtes Momentum haben Titel, bei denen sich der Kursauftrieb nach langem Aufwärtstrend beschleunigt, was sich an den Bollinger-Bändern ablesen lässt, die weit auseinanderlaufen.Soll man trotz grosser Avancen Halbleiteraktien kaufen?Das ist so lange kein Problem, als die Kurse am oberen Band kleben. Vorsicht ist erst bei einem Abfall des Momentums geboten. Angezeigt wird eine nachlassende Dynamik durch das untere Band, das nach oben dreht, und durch Kerzencharts, die auf Erschöpfung hinweisen. Sie bestehen meist aus einem kurzen Körper mit langem Schatten (mehr dazu am Ende des Artikels). In diesem Falls müsse die Toleranzschwelle für Schwankungen reduziert werden – statt der üblichen 20-Monate-Bänder sollten neben 10-Monate-Bändern auch wöchentliche und tägliche Alternativen verwendet werden, da ihr Abstand zum Kurs kleiner sei und sie so schnellere Handlungssignale auslösten, sagt Cortés.Bei einigen Chiptiteln wie dem europäischen Auftragsfertiger STMicroelectronics sind diese Voraussetzungen erfüllt. Das 20-Wochen-Band hat Mitte Juni nach oben gedreht, während der Kurs im Wochenverlauf gleichzeitig eine Kerze mit kurzem Körper und langem Schatten gebildet hat (vgl. blaue Markierungen in der Grafik, bei der Kerze handelt es sich um einen sogenannten Hanging Man). In diesem Fall sollten Anleger Gewinn mitnehmen. «Allerdings wäre es falsch, sämtliche Chippositionen zu räumen. Surtout pas trop de zèle», zitiert Cortés den französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand-Perigord, der diesen Rat jungen Berufskollegen mitgegeben haben soll. Nur nichts überstürzen also. Es sollte behutsam abgebaut werden.STMicroelectronics sendet WarnsignalQuelle: finance.yahoo.comDoch wann drängt sich der Wiedereinstieg auf? «Dann, wenn ein Bündel an Signalen das Ende der Korrektur anzeigt», sagt Cortés. «Dieses Bündel sollte nicht nur bei einer einzelnen Aktie, sondern der ganzen Branche auftreten, der sie zuzurechnen ist.» In Umkehr der negativen Signale könnte ein solches Bündel aus einer positiven Kerze bestehen, also einer mit grossem Körper fast ohne Schatten, die über die nach oben drehenden gleitenden Durchschnitte steigt, während sich gleichzeitig die relative Stärke verbessert.Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl an Namen aus den vier Momentumkategorien Blase, stabiler Trend, Ausbruch und Nachzügler, wobei die Abgrenzung nicht immer scharf ist, wie das Beispiel der europäischen Bankaktien zeigt. Weil sie teils deutlich unter ihren Höchst notieren, stuft The Market sie als Nachzügler ein, die sich gleichzeitig aber durchaus in einem stabilen Trend befinden können.Bollinger-Bänder und japanische KerzenDas Konzept geht auf den US-Markttechniker John Bollinger zurück. Die Bänder werden um einen gleitenden Durchschnitt gelegt und erfassen die Volatilität eines Trends. Im Normalfall werden der gleitende Durchschnitt und die Standardabweichung, das statistische Mass für Kursschwankungen, über zwanzig Perioden errechnet, seien es Tage, Wochen oder Monate.Das obere Band liegt zwei Standardabweichungen über, das untere zwei Standardabweichungen unter dem gleitenden Durchschnitt. Damit umfassen die Bänder rund 95% aller während der beobachteten Periode bezahlten Kurse. Bollinger-Bänder sind in vielen Chart-Angeboten vorhanden, zum Beispiel bei Finance.yahoo.com.Diese Angebote ermöglichen ferner, den Kursverlauf als japanischen Kerzen-Chart darzustellen. Im Gegensatz zu einem Linien-Chart, der nur die Schlusskurse miteinander verbindet, zeigen japanische Kerzen Eröffnungs- und Schlusskurs – sie bilden den Körper der Kerze – sowie Höchst- und Tiefstkurs, den Schatten (siehe Grafik weiter unten). Weiss oder grün ist die Kerze, wenn der Schluss- über dem Eröffnungskurs liegt. Schwarz oder je nach Anbieter auch blau oder rot ist sie, wenn der Schluss- unter dem Eröffnungskurs liegt.Kerzen enthalten wertvolle Informationen zum Momentum eines Titels. Grosse weisse Kerzen ohne Schatten stehen für einen stabilen Aufwärtstrend. Eine Kerze fast ohne Körper, aber mit langem Schatten kann nach einer Hausse auf eine Ermüdung hinweisen.Um den Tageslärm auszublenden, setzt Alfons Cortés auf Monats- und Wochendaten. Damit bestimmt er den lang- und den mittelfristigen Trend. Tagesdaten benutzt er einzig zum Timing des Ein- und des Ausstiegs.Die Anzahl Perioden ergibt sich aus der Historie eines Titels. Zur Beantwortung spezifischer Fragen verwendet Cortés den gleitenden Durchschnitt über zehn Monate zusammen mit Bollinger-Bändern, die 1,9 Standardabweichungen um den Schnitt gelegt werden, sowie Vierzigmonatsbänder. So hilft ihm der Zehnmonatsschnitt bei der Bestimmung des Abwärtsrisikos für Aktien, die nach einer Blasenbildung konsolidieren. Der Vierzigmonatsschnitt kommt bei einer aus dem Nichts aufgetretenen Korrektur zum Einsatz, damit nicht überstürzt gehandelt wird und im dümmsten Zeitpunkt verkauft werden muss.Mehr zur Verwendung der Bollinger-Bänder erfahren Sie hier.Quelle: Uni Saarland