PfadnavigationHomeRegionalesHamburgKostensteigerungen und Terminverzögerung„Vertrauensbruch“ – Fegebank kritisiert Geheimhaltung zur neuen MüllverwertungStand: 13:45 UhrLesedauer: 5 MinutenKatharina Fegebank sieht sich als Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtreinigung über die Schwere der Probleme bei der neuen Müllverwertungsanlage getäuschtQuelle: Georg Wendt/dpaWachsendes Finanzloch, beschädigtes Vertrauen: Beim Bau der Müllverwertungsanlage ZRE alarmiert ein Prüfbericht die Politik – die Umweltsenatorin zieht „die Zügel an“, die Opposition verlangt Haftungsprüfungen.Ein Prüfbericht zum Hamburger Großprojekt Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) wirft den früheren Verantwortlichen vor, den Aufsichtsrat über die Probleme beim Bau der neuen Müllverwertungsanlage im Dunkeln gelassen zu haben. Die Wirtschaftsprüfer der Stadtreinigung, die Unterlagen zum Jahresabschluss und Lagebericht der ZRE GmbH eingesehen haben, kommen zu dem Schluss, dass die zuständigen Gremien über Kostensteigerungen und Terminprobleme nicht angemessen und nicht rechtzeitig informiert worden seien. Zugleich geht die Projektgesellschaft inzwischen von Kosten zwischen 720 und 780 Millionen Euro aus. Die Unterlagen beschloss der Aufsichtsrat der Stadtreinigung am Mittwoch. Umweltsenatorin und Aufsichtsratsvorsitzende Katharina Fegebank (Grüne) sprach anschließend von einem „klaren Vertrauensbruch“. Dem Aufsichtsrat sei „trotz mehrmaliger, klarer Nachfragen kein realistisches Bild gezeichnet“ worden. „Essenzielle Informationen über Kosten und Termine“ seien dem Gremium „über lange Zeit bis Ende vergangenen Jahres schlicht vorenthalten“ worden. „Das, was uns gestern im Aufsichtsrat von den Wirtschaftsprüfern bestätigt wurde, ärgert mich maßlos“, so Fegebank. Lesen Sie auchDas Zentrum für Ressourcen und Energie, kurz ZRE, gehört zu den wichtigsten Infrastrukturprojekten der Hamburger Wärmewende – und inzwischen auch zu den in der Kritik stehenden. Die Anlage entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Müllverbrennungsanlage Stellinger Moor in Bahrenfeld. Dort soll Hausmüll künftig zunächst sortiert, ein Teil der Wertstoffe für das Recycling zurückgewonnen und die verbleibenden Abfälle energetisch genutzt werden. Nach bisherigen Planungen soll das ZRE jährlich 350 bis 450 Gigawattstunden Wärme liefern und damit einen erheblichen Teil der bisherigen Wärmemengen des abzuschaltenden Kohlekraftwerks Wedel ersetzen.Seit 2017 arbeitet Hamburg an dem Vorhaben. Als 2023 der Baustart erfolgte, ging die Stadtreinigung noch davon aus, die Anlage im Jahr 2025 in Betrieb nehmen zu können. Der zuletzt offiziell vom Aufsichtsrat beschlossene Zeitplan sah eine Fertigstellung im Jahr 2026 vor, allenfalls mit einer leichten Verschiebung bis 2027. Inzwischen wird jedoch erst mit einer schrittweisen Inbetriebnahme in den Jahren 2029 bis 2030 gerechnet. Einzelne Anlagenteile sollen dabei zeitversetzt anlaufen. So könnte Müll bereits verbrannt werden, bevor tatsächlich Wärme in das Hamburger Fernwärmenetz eingespeist wird.Parallel dazu sind die Kosten immer weiter gestiegen. Ursprünglich war das Projekt mit rund 234 Millionen Euro kalkuliert worden. Später erhöhte sich der Kostenrahmen auf mehr als eine halbe Milliarde Euro. Nun nennt die Projektgesellschaft erstmals den Korridor von 720 bis 780 Millionen Euro. Einen neuen offiziellen Gesamtkostenrahmen hat der Aufsichtsrat bislang allerdings nicht beschlossen. Um die Fortführung des Baus sicherzustellen, wurden zunächst weitere 97 Millionen Euro freigegeben. Fegebank kündigte an, jeder weitere Euro werde künftig gesondert geprüft. Zudem solle ein externes Monitoring eingeführt werden. „Wir ziehen die Zügel hier an“, sagte sie.Lesen Sie auchEnde vergangenen Jahres schied der langjährige Stadtreinigungschef Rüdiger Siechau aus dem Unternehmen aus. Anfang 2026 übernahmen Daniela Enslein und Kristian Kuen die Geschäftsführung. Nach Darstellung der neuen Führung entsprach die Situation, die sie bei ihrem Amtsantritt vorfanden, nicht den bisherigen Berichten. Weder die kommunizierten Fertigstellungstermine noch die Annahme, mit dem verfügbaren Budget auszukommen, hätten den tatsächlichen Gegebenheiten entsprochen. Fegebank stellte sich deshalb demonstrativ hinter die neue Geschäftsführung. Enslein und Kuen hätten die „unhaltbare Lage“ überhaupt erst aufgedeckt und Projektsteuerung sowie Projektleitung neu aufgesetzt. Fegebank wies zugleich den Eindruck zurück, die Entwicklung beim ZRE lasse sich allein mit Fehlern im Projektmanagement erklären. „Großprojekte werden in ganz Deutschland massiv teurer und das nicht erst seit gestern“, sagte die Senatorin. Hamburg – wie andere Städte auch – erlebt eine „beispiellose Preisdynamik“ im Bausektor. „Kein Kontrollgremium der Welt kann sich vor weltweiten Marktpreisen isolieren.“ Die Umweltsenatorin reagierte damit auch auf die zuletzt intensiv geführte Debatte über Kostensteigerungen bei mehreren Großprojekten ihres Ressorts. Neben dem ZRE stehen etwa die Klärschlammverbrennungsanlage VERA II und das neue Gaskraftwerk auf der Dradenau wegen Mehrkosten oder Bauverzögerungen in der Diskussion. Die Senatorin verwies darauf, bereits im Herbst 2025 eine umfassende Überprüfung aller Großprojekte öffentlicher Unternehmen ihres Zuständigkeitsbereichs angestoßen zu haben. Viele dieser Vorhaben seien für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit Hamburgs zentral. „Den Kopf einzuziehen, weil weltweit die Kosten steigen, ist für mich keine Option“, sagte die Grünen-Politikerin.Lesen Sie auchSo leicht will die Opposition die Aufsichtsratsvorsitzende allerdings nicht aus der Verantwortung entlassen. Der umweltpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Sandro Kappe, fordert eine unabhängige Haftungsprüfung auch gegen die Mitglieder des Aufsichtsrats und insbesondere gegen Fegebank. Es sei „zu einfach“, die Entwicklung allein einem ehemaligen Geschäftsführer zuzuschreiben, erklärte Kappe. Der Aufsichtsrat habe die gesetzliche Aufgabe, die Geschäftsführung zu kontrollieren. Daher stelle sich nun die Frage, ob die vorhandenen Kontroll- und Überwachungsinstrumente ausreichend genutzt worden seien. Nach Auffassung der CDU beantwortet der Prüfungsbericht gerade nicht, warum die bestehenden Kontrollmechanismen nicht früher gegriffen hätten. Kappe verweist zudem auf Parallelen zur Klärschlammverbrennungsanlage VERA II von Hamburg Wasser, bei der bereits Probleme in der Projektsteuerung kritisiert worden seien. Wenn sich bei zwei Großprojekten derselben Behörde vergleichbare Steuerungsprobleme wiederholten, könne von einem bedauerlichen Einzelfall keine Rede mehr sein. Dann müsse auch geklärt werden, welche Verantwortung die Aufsichtsgremien selbst tragen. Die CDU fordert deshalb Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) auf, mögliche Haftungsansprüche gegen Mitglieder des Aufsichtsrats unabhängig prüfen zu lassen. Dressels Behörde steht dem städtischen Beteiligungsmanagement HGV vor. Dabei gehe es insbesondere um die Fragen, ob Kontroll- oder Überwachungspflichten verletzt wurden, so Kappe – und ob der Stadt daraus ein finanzieller Schaden entstanden sein könnte.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik.
Kostensteigerungen und Terminverzögerung: „Vertrauensbruch“ – Fegebank kritisiert Geheimhaltung zur neuen Müllverwertung - WELT
Wachsendes Finanzloch, beschädigtes Vertrauen: Beim Bau der Müllverwertungsanlage ZRE alarmiert ein Prüfbericht die Politik – die Umweltsenatorin zieht „die Zügel an“, die Opposition verlangt Haftungsprüfungen.







