Der Fall erschütterte die Republik: Fünf Monate nach dem brutalen Angriff auf einen Zugbegleiter der Deutschen Bahn in Rheinland-Pfalz ist der Angeklagte zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der 26-Jährige hatte Anfang Februar den 36-jährigen Schaffner Serkan Çalar bei einer Ticketkontrolle Gerichtsangaben zufolge so heftig geschlagen, dass der Mann eine letztlich tödliche Hirnblutung erlitt. Der Täter war ohne Fahrkarte in dem Zug gewesen.Das Urteil des Landgerichts Zweibrücken gegen Ioanni V. erging am Donnerstag wegen Körperverletzung mit Todesfolge und ist noch nicht rechtskräftig. Die Attacke hatte deutschlandweit eine Debatte über mangelnde Sicherheit in Zügen ausgelöst.Der Anwalt der Hinterbliebenen hatte in dem Prozess bereits vor dem Urteil angekündigt, Revision beim Bundesgerichtshof einzulegen. Die Opferfamilie forderte eine Verurteilung wegen Totschlags oder Mordes. Vergeblich – deswegen blieben Familienangehörige und Freunde der Verkündung fern.Der Angeklagte handelte spontan und aufgeladen. Er rechnete nicht mit dem Ableben des Opfers.Andreas Herzog, Richter„Das Urteil ist für die Angehörigen und für alle Menschen, die für das Gemeinwesen arbeiten und sich jeden Tag in Gefahr begeben, ein weiterer Schlag ins Gesicht“, sagte Anwalt Yalçın Tekinoğlu. Es handele sich um ein „Fehlurteil“.Die Verteidigung hatte der ARD zufolge von einem „Notwehrexzess“ sowie einem psychischen Ausnahmezustand ihres Mandanten gesprochen und eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge als minderschweren Fall gefordert, „der sich am unteren Bereich des Strafrahmens orientiert“. Nach dem Schuldspruch teilte sie mit, ebenfalls eine Überprüfung des Urteils gegen ihren Mandanten zu erwägen. „Prüfen wir, wir müssen ja auch mit ihm noch mal sprechen“, sagte Anwalt Dimitrios Giannadakis.Für die Kammer handelte es sich nicht um Mord. Richter Andreas Herzog begründete der „Bild“ zufolge das Urteil: „Der Angeklagte handelte spontan und aufgeladen. Er rechnete nicht mit dem Ableben des Opfers.“ Es habe keine deutlich sichtbaren äußeren Verletzungen gegeben, die ihn auf eine tödliche Verletzung hätten schließen lassen, zitiert die ARD das Gericht. Auch die Mitfahrenden seien zunächst nicht davon ausgegangen, dass Serkan Çalar tödlich verletzt wurde.Notwehr sah das Gericht dagegen nicht: Serkan Çalar habe sich absolut richtig verhalten und als Zugbegleiter richtig gehandelt, somit habe für den 26-Jährigen auch keinerlei Gefahr bestanden.Ein schwer zu ertragendes Video von der AttackeDie Tat im Regionalexpress zwischen Landstuhl in Rheinland-Pfalz und Homburg im Saarland ist gut belegt – auch, weil das Geschehen von Überwachungskameras aufgezeichnet wurde. Der angeklagte Grieche hatte demnach keinen Fahrschein und wollte sich nicht ausweisen. Zeugen sagten aus, dass Serkan Çalar noch versucht habe, die Situation zu deeskalieren. Nach der Aufforderung des Zugbegleiters, auszusteigen, kam es zu der Tat. Erdal Çalar, Vater des getöteten Zugbegleiters Serkan Çalar, hält im Verhandlungssaal des Landgerichts ein Bild des Opfers in den Händen. © dpa/Uwe Anspach Auf einem tonlosen Video sind schnelle und harte Faustschläge an Kinn, Brust und Kopf von Serkan Çalar zu sehen. Es dauert nur kurz, dann sackt der Mann in Uniform bewusstlos zusammen. Beim nächsten Halt in Homburg (Saar) wurde der Angeklagte festgenommen und der Schwerverletzte von einem Notarzt behandelt. Zwei Tage später starb er im Krankenhaus. Der Alleinerziehende aus Ludwigshafen hinterlässt zwei minderjährige Söhne im Alter von zehn und zwölf Jahren.Nach Angaben der Angehörigen kümmern sich nun vor allem die Großeltern um die Kinder. Allerdings hatte Serkan Çalars Vater demnach einen Herzinfarkt erlitten, als er vom Tod seines Sohnes erfuhr.Während der Beweisaufnahme wurde das Video immer wieder im Saal gezeigt, es kam zu Tumulten im Gerichtssaal: Angehörige brachen in Tränen aus, es wurde laut, Justizbeamte mussten eingreifen, wie es im ARD-Bericht weiter heißt.Ein völlig sinnfreier Ausraster.Christian Horras, StaatsanwaltDer Angeklagte hatte die Tat eingeräumt, einen Tötungsvorsatz aber bestritten und die Angehörigen um Verzeihung gebeten. Die Vertreter der Nebenklage wiesen die Einlassung jedoch im Namen der Opferfamilie als „unaufrichtig“ zurück. Der Täter habe den Tod von Çalar zumindest billigend in Kauf genommen, hatte Anwalt Tekinoğlu gesagt. Er verwies der ARD zufolge auf Sätze, die der Angeklagte bei der Tat gesagt habe, wie „Fordere mich nicht heraus, du verdienst das“ und „Wenn er stirbt, dann stirbt er“. Nach dem Urteil sagte Tekinoğlu der „Bild“: „Serkan Çalar wurde mit vier Schlägen gegen den Kopf getötet. Das Urteil ist ein fünfter Schlag für die Familie Çalar.“ Der Familie gehe es nicht allein um ein höheres Strafmaß, zitierte ihn die Agentur dpa. Vielmehr müsse von dem Urteil ein klares Signal gegen die zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr ausgehen. Niemand solle befürchten müssen, auf dem Weg zur Arbeit oder bei der Ausübung seines Berufs Opfer schwerer Gewalt zu werden.Staatsanwalt Christian Horras hatte für den zuletzt in Luxemburg lebenden Ioanni V. zwölf Jahre Haft gefordert: Die Tat sei „ein völlig sinnfreier Ausraster“ aus einem nichtigen Grund gewesen. Das Gericht blieb bei seinem Strafmaß unter der Forderung.Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte den Angeklagten der ARD zufolge im Prozess als ehrgeizig und zielorientiert beschrieben. Gleichzeitig habe er eine geringe Frustrations- und Stresstoleranz. Außerdem habe er narzisstische Züge. Allerdings, und das war für den Prozessausgang wichtig: Es gab keine Anzeichen dafür, die die Schuldfähigkeit des Angeklagten mindern würden. Aus Sicht des Gutachters gab es zum Tatzeitpunkt keinen „Blackout“.Ein Angehöriger der Bundespolizei hatte der dpa zufolge im Prozess ausgesagt, dass der Angeklagte am selben Tag bereits aus einem französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV von Paris nach Frankfurt in Kaiserslautern des Zuges verwiesen worden war. Hintergrund sei „verbal-aggressives Verhalten“ gewesen. Bahn plant Mahnmal für Serkan Çalar in Mannheim Die Deutsche Bahn testet seit dem Vorfall beim Personal die Doppelbesetzung: In etlichen Zügen von DB Regio Mitte sind nun zwei Kundenbetreuer gemeinsam unterwegs. Alternativ arbeiten eine Sicherheitskraft und ein Kundenbetreuer zusammen. Von Mitarbeitenden sei zurückgemeldet worden, dass durch das gemeinsame Auftreten kritische Situationen besser entschärft und eine Eskalation verhindert werden konnte, wie ein Sprecher sagte. Ein weiteres Pilotprojekt mit stichhemmenden Westen soll noch im Juli starten.Die DB kündigte nach dem Urteil an, dauerhaft an Serkan Çalar erinnern zu wollen. Ein Bahnsprecher sagte der „Bild“: „Gemeinsam mit der Familie werden wir einen Mahn- und Gedenkort am Mannheimer Hauptbahnhof einrichten, um die Erinnerung an unseren geschätzten Kollegen und lieben Menschen, aber auch an die schreckliche Tat im Bewusstsein zu halten.“ (mit Agenturen)
Anwalt der Familie sieht „Fehlurteil“: Zehn Jahre Haft nach tödlichem Angriff auf Zugbegleiter
Die brutale Attacke auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz löste Entsetzen aus. Ein 26-Jähriger wurde jetzt wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Das juristische Ende ist dies nicht.












