Die Protestwelle beginnt am Donnerstag noch vergleichsweise klein. Doch sie lässt schon erahnen, wie groß der Konflikt werden könnte. Im niedersächsischen Osnabrück versammeln sich am Vormittag rund hundert Gewerkschafter vor dem Werk von Volkswagen, um gegen Einschnitte im Konzern zu demonstrieren. Für den Standort steht schon länger fest, dass die Autoproduktion in einigen Monaten endet. Als Alternative wird dort eine Rüstungsproduktion geprüft, doch noch haben die Beschäftigten keinerlei Sicherheit. Auch deshalb will der örtliche IG-Metall-Chef Stephan Soldanski nun Solidarität mit den anderen Werken bekunden. „Die Beschäftigten an allen Standorten stehen zusammen und kämpfen um ihre Zukunft“, ruft er den versammelten Arbeitnehmervertretern zu.Eine „Flashmob-Aktion“ vor dem Audi-Werk in Ingolstadt, ein Fahrzeugkorso von Beschäftigten der Autobranche in Stuttgart und etliche weitere Aktionen vor den Werkstoren aller Standorte des VW-Konzerns in Deutschland: So läuft sich die IG Metall für eine Auseinandersetzung warm, die das Land lange in Atem halten dürfte.Am Nachmittag will sich der Aufsichtsrat des VW-Konzerns treffen, um über einen tiefgreifenden Umbau zu beraten. Vier Werke – Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm – könnten schließen, bis zu 60.000 weitere Stellen rund um die Welt abgebaut werden. Die Zentrale in Wolfsburg hält sich mit Details bedeckt, bekräftigt aber vor der Sitzung noch einmal grundsätzlich, dass es um einen großen Schritt gehen solle. Ziel sei es, die ganze Unternehmensgruppe mit allen Marken und Tochtergesellschaften „schneller, robuster und wettbewerbsfähiger“ zu machen, teilte ein Sprecher mit: „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“Autobranche sieht sich in BedrängnisDie betroffenen Fabriken in Deutschland gelten als zu groß und zu teuer. Von Anfang des kommenden Jahrzehnts an könnten sie sukzessive auslaufen. So sehen es zumindest die Planspiele des Managements vor. Die IG Metall, die sich gleichzeitig auch mit einem neuen Sparprogramm von Mercedes und etlichen Zulieferern konfrontiert sieht, warnt schon vor einem „abgestimmten Generalangriff“ auf die Beschäftigten der ganzen Branche.Am frühen Nachmittag wollen die Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Daniela Cavallo, und Niedersachsens IG-Metall-Chef Thorsten Gröger, am Werkstor in Wolfsburg vor die Kameras treten, bevor im Markenhochhaus auf dem Werksgelände die Sitzung beginnt. Dass der Vorstand bislang öffentlich zu den Themen schweige, sei „respektlos und unanständig“, wettert Gröger schon vorab auf dem Netzwerk Linkedin. Man zeige nun „gemeinsam Kante gegen diese Konzernstrategie“.Auch unter den Audi-Mitarbeitern herrscht Nervosität. Mit dem Standort in Neckarsulm, an dem 15.500 Menschen arbeiten, steht das größte der vier fraglichen Werke vor dem Aus. Unbestätigten Plänen zufolge könnte die Produktion dort im Jahr 2034 auslaufen. Für die aktuell gebauten Fahrzeugreihen gibt es keine Nachfolger. Die Fabrik ist vor allem auf die Fertigung der Verbrennermodelle Audi A5, A6 und A7 ausgelegt, reine Elektrofahrzeuge können nicht montiert werden.Und die Expansionspläne des Konzernvorstands in den Vereinigten Staaten, in denen Audi über kein eigenes Werk verfügt, sind für Neckarsulm eine zusätzliche Bedrohung. VW baut dort ein eigenes Werk für die neu belebte Geländewagenmarke Scout, das Audi künftig mitnutzen könnte. Audi-Modelle, die bislang von Neckarsulm in den großen US-Markt exportiert werden, fielen dann weg.Gewerkschaft und Betriebsrat von Audi haben am Donnerstag zu Solidaritätsaktionen mit den Audianern in Neckarsulm unter dem Motto „Vereint für unsere Zukunft kämpfen“ aufgerufen. Die Aktion soll am frühen Nachmittag beginnen.Wie umfassend die Pläne für alle Konzerngesellschaften sind, zeigen Überlegungen für die Vereinigten Staaten. Wie die „Bild“-Zeitung berichtet hat, will das Management dort einen Strategieschwenk hinlegen und künftig lokale Modelle mit Partnern wie Ford oder Nissan bauen. Auf Konzernebene wiederum sorgen sich die Beschäftigten der krisengeplagten Software-Sparte Cariad, dass ihre Einheit endgültig eingestellt werden könnte. Man werde solchen Schritten nicht „tatenlos zusehen“, heißt es von den dortigen Arbeitnehmervertretern, die ebenfalls protestieren wollen.Das Management um Konzernchef Oliver Blume sieht sich unter Druck, auf immer neue Einschläge im Weltmarkt reagieren zu müssen. Untermauert wird die Dramatik am Donnerstagvormittag durch aktuelle Verkaufszahlen der Tochtergesellschaft Porsche. Von Januar bis Juni lieferte der Sportwagenhersteller auf der ganzen Welt gut 122.300 Fahrzeuge ab, wie das Unternehmen aus Stuttgart mitteilte. Das war ein knappes Fünftel weniger als in der Vorjahreszeit und der niedrigste Wert seit dem Jahr 2020. Damals hatte die Corona-Pandemie für Turbulenzen gesorgt und die Weltwirtschaft schwer beeinträchtigt.Der VW-Konzern müsse nun umsteuern, um seine Zukunft in einem hart umkämpften Umfeld sichern zu können, heißt es intern. Wie die Sitzung am Nachmittag verläuft, ist völlig offen. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie sich bis in den späten Abend oder sogar bis in die Nacht hinein hinzieht. Am Freitag will Konzernchef Blume dann seinen versammelten Managern in München den Zukunftsplan vorstellen.
Säbelrasseln vor dem großen VW-Showdown
Am Nachmittag wird der Aufsichtsrat über Zehntausende Arbeitsplätze entscheiden. Die IG Metall läuft sich für eine Auseinandersetzung warm, die das Land noch lange in Atem halten dürfte.










