Wimbledon, 2019. Eine Jugendliche wird zur Sensation. Sie heißt Cori Gauff, ist 15 Jahre alt und hat das Tennisspielen auf den amerikanischen Hartplätzen in Georgia und Florida gelernt. In London spielt Gauff zum ersten Mal auf Rasen, gewinnt ihre drei Qualifikationsmatches und trifft in der ersten Runde des Hauptfeldes auf die große Landsfrau Venus Williams, die in Wimbledon fünfmal im Einzel triumphiert hat. Gauff gewinnt glatt und setzt ihren Siegeszug bis ins Achtelfinale fort, wo sie der späteren Turniersiegerin Simona Halep unterliegt. Schon bald, da ist sich die Tenniswelt sicher, wird der Teenager zur heißen Titelanwärterin in Wimbledon.Was in den sieben Jahren danach von der Amerikanerin auf Rasen kam: wenig. In den vergangenen beiden Jahren kam sogar gar nichts. Wo immer Gauff auf dem naturnahen Untergrund spielte – sie verlor gegen deutlich schlechter eingestufte Gegnerinnen. Nun steht Cori Gauff, die alle Welt „Coco“ nennt, im Halbfinale von Wimbledon. „Oh mein Gott – wie?“, rief die inzwischen Zweiundzwanzigjährige nach ihrem Viertelfinalsieg hinauf zu ihrem Trainerteam. Berechtigte Frage.Vor Gauff haben Hunderte Tennisprofis mit dem Rasen gefremdelt oder ihn verflucht, und nach ihr werden es weitere Hunderte tun. Der Belag ist mehr oder weniger feucht, der Ball springt flacher ab, und das Spiel ist rasanter als beispielsweise auf Sandplätzen. Die Spieler müssen ihre Beinarbeit anpassen, rutschen aus. Im Turnierverlauf wird der Untergrund kahler und holpriger, Bälle verspringen öfter. „Gras ist nur was für Kühe“, sagte Ivan Lendl, der acht Grand-Slam-Titel gewann, davon aber keinen in Wimbledon, einst resigniert. Da die Rasensaison mit dem Höhepunkt in Wimbledon nur einen Monat dauert, bleibt nicht viel Zeit zum Lernen. Coco Gauff, die wie Lendl ihre bisherigen Major-Titel auf Sand und auf Hardcourt gewann, hat es trotzdem geschafft. Wie?Gauff ist anders als das Heer der FrustriertenDie Weltranglistensiebte glaubt, dass sie alle Fähigkeiten mitbringe, um darauf gut zu spielen: „Es geht mehr ums Selbstvertrauen.“ Der Glaube an sich selbst stieg von Runde zu Runde. Gegen die Hamburgerin Tamara Korpatsch, die neue deutsche Nummer eins, lief es reibungslos. Danach musste Gauff alles aus sich herausholen und viermal über drei Sätze gehen. Zweimal gab sie eine Satzführung aus der Hand, zweimal musste sie aufholen, zuletzt am Dienstag gegen ihre Landsfrau Jessica Pegula.Anders als Lendl und das Heer der Frustrierten, hat Gauff einen Weg gefunden: Sie hat nicht den Rasen als bestimmenden Faktor empfunden, sondern sich selbst. Anfangs hatte sie zu spielen versucht, wie es auf dem Untergrund erfolgversprechend ist und wie sie es auch unbekümmert bei ihrem Wimbledon-Debüt vor sieben Jahren gegen Venus Williams tat: offensiv, so schnell wie möglich auf den Punktgewinn zielen. Den Aufschlag dazu hat Gauff, auch ihre Athletik kann sie überall zur Geltung bringen. Doch dieses Ruckzuck auf Rasen liegt der Amerikanerin nicht, ihr unterliefen viele Fehler.Also griff sie gegen Pegula darauf zurück, was ihr 2023 bei den US Open und 2025 bei den French Open zum Titel verhalf. „Ich habe erkannt, dass ich nicht jedes Mal einen spektakulären Ballwechsel spielen muss, um zu gewinnen“, sagte Gauff. „Ich glaube, es geht nur darum, mir selbst zu vertrauen und darauf zu bauen, dass meine Grundschläge gut genug sind, um auf diesem Untergrund mit jeder Gegnerin mithalten zu können.“Für diesen Ansatz hat Coco Gauff ein Vorbild gefunden: Iga Swiatek, deren Spielweise mit viel Taktik, starkem Topspin und kontrollierter Offensive ebenso fürs Sandplatztennis gemacht ist wie früher die ihres Vorbilds Rafael Nadal. Gleichwohl gewann die viermalige French-Open-Siegerin aus Polen im vergangenen Jahr in Wimbledon, der 14-malige Roland-Garros-Champion Nadal sogar zweimal. Für Gauff besteht ein Zusammenhang zwischen einem guten Abschneiden in Paris und dem weniger guten in London. „Das ist der größte Faktor, weshalb es so viele verschiedene Siegerinnen gab in den vergangenen Jahren.“ Sie selbst war 2025 nach der monatelangen Sandplatzsaison mit ihrem French-Open-Sieg als Höhepunkt so ausgelaugt, dass sie unmittelbar danach in der ersten Wimbledon-Runde verlor.Diesmal lief es umgekehrt: Gauff verlor in Paris in der dritten Runde, konnte sich in Berlin auf Rasen einspielen – und hat nun die Chance, mit einem Sieg über die Tschechin Karolina Muchova ins Finale einzuziehen. „Egal wie das Turnier hier ausgeht. Ich habe viel daraus gelernt. Das kann mir den Weg bereiten für zukünftige Erfolge hier.“ Gut möglich, dass sich der Kreis zum Sensationsdebüt vor sieben Jahren doch noch schließt.
Wimbledon: Coco Gauffs unwahrscheinlicher Lauf ins Halbfinale
In Wimbledon ging einst Coco Gauffs Stern auf, doch danach gelang ihr dort kaum noch etwas. Das Ruckzuck auf Rasen lag der Amerikanerin nicht. Nun steht sie im Halbfinale und stellt eine berechtigte Frage.












