In den ersten Minuten von Steven Spielbergs Film „Saving Private Ryan“ passiert etwas Seltsames mit dem Gesicht von Tom Hanks. Der Captain, den er spielt, ist mit einer Einheit von US-Rangers am Omaha Beach gelandet, er sieht seine Männer fallen und sterben, rennt durch das deutsche Abwehrfeuer von Deckung zu Deckung stürzend über den Strand und leitet schließlich den Angriff, der die Überlebenden aus der Todeszone herausbringt. Eine Granate explodiert in seiner Nähe und zerstört sein Trommelfell, Blut spritzt über seine Uniform. Aber seine Gesichtszüge werden immer ausdrucksloser. Sie zeigen keinen Schmerz, keine Todesangst, nur die versteinerte Maske des Entsetzens. Es ist, als hätte der Krieg selbst sie geformt.Sein Meisterstück: die Rolle eines Aidskranken in „Philadelphia“Vor der Kamera, heißt es, dürfe man nicht zu dick auftragen, kein Theater spielen, das Geheimnis der filmischen Wirkung sei Präsenz. Die kleinen Stars des Kinos machen daraus ein Handwerk, die großen eine Kunst. Zu ihnen gehört Tom Hanks. Vor dreißig Jahren, in Spielbergs Film, war Hanks auf der Höhe seines Könnens, aber sein Meisterstück hatte er schon lange zuvor abgeliefert, in Jonathan Demmes „Philadelphia“. Da ist er ein an Aids leidender Anwalt, der seine ehemaligen Arbeitgeber wegen Diskriminierung verklagt. Zum Verhandlungsbeginn tritt Andrew Becketts Krankheit in ihr Endstadium. Der Prozess und sein Sterbeprozess laufen parallel. Aber während sein Körper verfällt, wird sein Gesicht immer härter und klarer. Hanks spielt das mit winzigen Akzenten, die man in Zeitlupe anschauen muss, um ihre Magie zu begreifen. Die Szene, in der er seiner Figur zu einer Arie von Maria Callas die Zügel schießen lässt, hat Filmgeschichte geschrieben, weil sie so untypisch für ihn ist: Ein einziges Mal, in einem Rausch von Liebe und Tod, dreht er voll auf.Den Katastrophen des Lebens läuft er davon: Tom Hanks in „Forrest Gump“, 1994.Allstar Picture LibraryDer Oscar für seine Rolle in „Philadelphia“ war die Belohnung für die ersten 15 Jahre von Hanks’ Karriere – für die Sporen, die er sich mit Fleiß und zappliger Energie beim Theater und Fernsehen verdient hatte, für die Auftritte mit Vierbeinern und Meerjungfrauen, für den Knaben im Männerkörper in „Big“ und den alleinerziehenden Witwer in „Schlaflos in Seattle“, für den Börsenmakler in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ und den Frauenbaseballtrainer in „Eine Klasse für sich“. Dass er die Auszeichnung im Jahr darauf für „Forrest Gump“ gleich wieder bekam, ist fast eine Ironie der Geschichte, denn den ewigen Jungen, dem die Katastrophen des Jahrhunderts nichts anhaben können, weil er einfach vor ihnen davonrennt, wollte er eigentlich hinter sich lassen. Aber er spielte ihn einfach so gut, dass keiner ihn einholen konnte, er verlängerte im Alleingang die Laufzeit des amerikanischen Traums, und so öffnete sich die Pralinenschachtel der Filmindustrie für ihn ein zweites Mal.Ein Held von nebenan: Hanks in der Dan-Brown-Verfilmung „Illuminati“ von 2009Allstar/Sony PicturesVon da an konnte er spielen, was er wollte: den Chefastronauten in „Apollo 13“, den abermaligen Glücksbringer von Meg Ryan in „e-m@il für Dich“, einen modernen Robinson in „Cast Away“, einen warmherzigen Killer in „Road to Perdition“, einen Flughafenbewohner in „Terminal“, den Symboldeuter und Actionhelden Langdon in allen drei Dan-Brown-Verfilmungen, den Kapitän eines gekaperten Containerschiffs in „Captain Phillips“ und den eines notwassernden Passagierflugzeugs in „Sully“. Was er auch noch wollte, war, die Plätze zu tauschen mit jenen, die ihm die Rollen gaben: Regie führen, Filme und Serien produzieren. Letzteres hat geklappt, Ersteres nicht. Während „Band of Brothers“, „The Pacific“, „My Big Fat Greek Wedding“ und „Masters of the Air“ erfolgreich im Kino und Fernsehen liefen, fielen „That Thing You Do!“ und „Larry Crowne“ beim Publikum durch. Es wäre wohl auch zu viel des Ruhms gewesen.Wenn man heute an Tom Hanks denkt, muss man unvermeidlich an Amerika denken – das Amerika der Anständigen, der Freien und Gleichen, des Mitgefühls und der Gerechtigkeit. Er verkörpert das, was davon geblieben ist, nicht nur in seinen Filmfiguren, sondern in seiner ganzen öffentlichen Existenz, als Vizepräsident der Academy in Hollywood, als Unterstützer der Demokraten und Kämpfer für Umweltschutz und Gleichberechtigung. Er ist der Jedermann als Held, der Bürgersoldat, der die Armee des Tyrannen besiegt. Der Junge aus Concord, Kalifornien, der seine Mitschüler mit Späßen unterhielt, hat seine Mission erfüllt. Heute wird er siebzig Jahre alt.
Tom Hanks wird 70: Der Jedermann unserer Träume
Tom Hanks verkörpert im Kino den Antihelden, der zum Helden wird: als Bürgersoldat, Astronaut, Flugkapitän, Schiffbrüchiger und in vielen anderen unvergesslichen Rollen. Jetzt wird er siebzig.










