«Der ICF hat sie mir genommen»: Wie eine Mutter ihre Tochter mithilfe der Kesb an strenggläubige Evangelikale verliertWeil es unter der Scheidung der Eltern leidet, kommt ein Mädchen zu einer religiösen Pflegefamilie. Gegen den Willen der Mutter wird es dort zu einem «gottgefälligen Leben» erzogen – und niemand greift ein.09.07.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenFreikirchlicher Gottesdienst: Religiöse Pflegefamilien übten laut der Soziologin Noëmi van Oordt durch einen religiös durchdrungenen Alltag und ein idealisiertes christliches Lebensbild subtilen Druck aus.Andrea Tina Stalder / CH Media«Das ist meine Tochter», schreibt Lea Maurer* in einer Whatsapp, die sie uns im Frühjahr 2026 zusammen mit einem Video und einem Foto schickt. «Sie sieht glücklich aus. Aber der ICF hat sie mir genommen.» Der ICF ist eine evangelikale Freikirche, zu sehen ist auf den Bildern ein Mädchen, völlig losgelöst, mit verzücktem Gesicht. Sie steht auf einer Bühne, inmitten einer freikirchlichen Truppe, die voller Ekstase ein Bibel-Musical aufführt. Überall Glück, überall Emotionen, überall Feel-Good-Sound. «Deinetwegen bin ich da», sagt einer der Schauspieler, er soll Jesus darstellen: «Ich möchte dich lehren, wie man Menschen fischt.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Lea Maurer dieses Video auf Instagram erstmals sieht, läuft es ihr kalt den Rücken hinunter. Sie fürchtet jetzt endgültig, dass sie ihre Tochter Masha* verloren hat. Es ist der Höhepunkt einer Geschichte, die vor über zehn Jahren begonnen und das Leben der Tochter sowie ihr eigenes langsam, aber radikal verändert hat. So erzählt es Lea Maurer.Lea Maurer lebt heute mit zwei Kindern aus einer früheren Beziehung irgendwo in der Schweiz in einem grossen Haus in einem wohlhabenden Dorf an einem See. Ihre Geschichte basiert auf ihren Erzählungen, auf unzähligen offiziellen Dokumenten und auf Anfragen bei mehreren involvierten Personen, von denen sich viele nicht äussern wollten. Deshalb kann diese Geschichte nicht die ganze Wahrheit erzählen. Sie dokumentiert den Fall vor allem aus der Perspektive der Mutter, die zunächst um die Obhut für ihre bei Pflegeeltern lebende Tochter kämpft – und dann gegen den Einfluss christlicher Fundamentalisten.In der Schweiz leben Tausende von Kindern zeitweise ausserhalb ihrer Familien, bei Pflegeeltern. Pflegefamilien sind gesucht, denn die Aufgabe ist anspruchsvoll. Viele von ihnen sind religiös geprägt, weil sie der Glaube dazu motiviert, Verantwortung zu übernehmen, und weil religiöse Gemeinschaften Unterstützung bieten. Auch im Leben der Pflegefamilie Weber,* wo Masha wohnt, ist Jesus überall im Alltag zentral: Die Webers stehen der evangelikalen Freikirche ICF nahe, die rigide Moralvorstellungen predigt und alles dem Leben für Gott unterordnet.Doch weshalb bloss ist Masha bei Webers gelandet? Mitte der 2010er Jahre geht es mit der Ehe von Lea Maurer und ihrem Mann rasant bergab. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter, ausserdem hat Lea zwei Kinder aus einer früheren Beziehung. Doch dann gibt es immer mehr Streit, das Vertrauen kommt abhanden, und bald wird klar, dass es auf eine Scheidung hinausläuft.Ein Trennungskrieg mit FolgenZur Trennung kommt ein Konflikt um das Sorgerecht und die Obhut für die gemeinsame Tochter. Der Streit zwischen den Eltern ist zeitweise so heftig, dass 2015 erstmals die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingreift: Masha erhält eine Beiständin. Das Gesetz sieht dies vor, wenn es notwendig ist, das Kind vor den Folgen des Konfliktes zwischen den Eltern zu schützen.Im Falle von Masha bedeutet das Eingreifen der Kesb den Auftakt zu einem endlosen Kampf zwischen Eltern, Tochter, Behörden und immer neuen Akteuren.Einige Jahre später belastet die Situation die siebenjährige Masha trotz Beiständin immer stärker, so geht es aus den Akten hervor. Die Rede ist von Bauchschmerzen, Schlafproblemen, anderen psychosomatischen Beschwerden und Schwierigkeiten in der Schule. Wenn das Wohl der Kinder bei hochstrittigen Elternkonflikten gefährdet ist, können sie im Extremfall fremdplatziert werden: bei Verwandten, in einem Heim oder in einer Pflegefamilie.Ende 2019 entzieht das Gericht den Eltern superprovisorisch das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Kurze Zeit später erklären sie sich bereit, dass Masha fremdplatziert wird, bis definitiv geklärt ist, wo die Tochter aufwachsen soll. Zunächst kommt Masha in eine Institution, Anfang 2020 dann zur Familie Weber.Die Unterbringung in einer Pflegefamilie soll Masha aus dem Konflikt zwischen den Erwachsenen herausholen – damit sie endlich zur Ruhe kommen kann. Nur an den Wochenenden fährt sie zur Mutter oder zum Vater nach Hause.Es ist von aussen nicht möglich, zu beurteilen, inwiefern die Fremdplatzierung notwendig war und geblieben ist. Lea Maurer wehrt sich heftig dagegen, es läuft ein Verfahren gegen die Entscheide der Kesb. Der Vater hält sich häufig im Ausland auf. Es gibt Gutachten, die zeigen, dass Lea Maurer bestens in der Lage wäre, ihr Kind zu erziehen. Und es stellt sich heraus, dass Mashas körperliche Beschwerden keine Folge der familiären Probleme sind. Maurers Anwältin sagt, das Festhalten an der Fremdplatzierung in einer evangelikalen Pflegefamilie sei durch nichts mehr zu rechtfertigen.Andere Dokumente, die im Laufe der Jahre zusammengekommen sind, beschreiben aber auch, wie sehr Masha unter dem Streit ihrer Eltern und der verfahrenen Situation leidet. Sie wisse nicht, welchem Elternteil sie was glauben könne und was mit ihr passiere, heisst es in einem Entscheid der Kesb vom letzten Herbst. Masha fühle sich unter Druck gesetzt und sei nicht bereit, bei einem Elternteil zu wohnen. Bei Webers fühle sie sich dagegen geborgen.«Auf Basis des christlichen Glaubens»Umso wichtiger ist es, dass Pflegeeltern ein stabiles Umfeld bieten. Der Auftrag der Pflegefamilie ist es, das Kind bestmöglich auf die Rückkehr in seine Herkunftsfamilie vorzubereiten. Denn das ist das Ziel. Die Eltern von Masha können sich Ende 2020 trotz ihrem Konflikt darauf einigen, dass sie wieder abwechselnd selber für ihre Tochter sorgen wollen, sobald der Vater eine Wohnung im Bezirk findet. Ist dies nicht der Fall, soll Masha spätestens im Sommer 2022 zu ihrer Mutter kommen. Nur so lange soll sie bei Webers bleiben. Das Gericht unterstützt dieses Vorgehen.Bald ist Masha wieder zu Hause, hofft Lea Maurer.Bei einer Besprechung mit Webers wird den Eltern ein Dokument zur Unterschrift vorgelegt, wonach sie sich damit einverstanden erklären sollen, dass Webers mit Masha Gottesdienste besuchen. Lea Maurer weiss heute, dass sie spätestens jetzt hätte hellhörig werden müssen. Aber sie denkt: Es ist ja nur für kurze Zeit – und unterschreibt.Weil die Webers einen netten und zuverlässigen Eindruck machen, wundert sie sich auch nicht, dass sie als Pflegefamilie einer Organisation angeschlossen sind, die sich «Gott hilft» nennt. Sie vertraut darauf, dass die Behörden die Pflegefamilien kontrollieren. Sie kann nicht ahnen, dass die Stiftung aus einem evangelikal-freikirchlichen Umfeld hervorgegangen ist und heute christlich geprägte Kinder- und Jugendhilfe mit Heimen und Pflegefamilien betreibt. Das Leitbild aber macht den Hintergrund deutlich: «Die Mitarbeitenden sehen ihre Arbeit als Dienst am Menschen und der Gesellschaft, auf Basis des christlichen Glaubens.»Es ist nicht unerwünscht, wenn Pflegefamilien im Christentum verhaftet sind und deshalb auch ihr Engagement für Kinder in schwierigen Situationen vor diesem Hintergrund verstehen. Die Grenze ist dort erreicht, wo die religiösen Überzeugungen an das Pflegekind herangetragen werden, mit dem Ziel, seinen Glauben zu beeinflussen. Damit wird das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung und das Prinzip der Orientierung am Kindswohl verletzt. Denn das Pflegekind kann in ein Dilemma geraten.Pflegeeltern dürften daher in diesem Bereich keine Entscheidungen für ihre Pflegekinder treffen, erklärt die Soziologin Noëmi van Oordt. Van Oordt forscht zum Spannungsfeld zwischen religiösem Engagement von Pflegeeltern in der Schweiz und den Rechten und Bedürfnissen von Kindern und Eltern. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie dazu eine vielbeachtete Studie: Sie zeigt, wie religiöse Praktiken in Pflegefamilien regelmässig zu Konflikten führen. Viele Pflegeeltern missionierten, unter anderem indem sie immer wieder über den richtigen Glauben redeten oder das gute christliche vom schlechten unchristlichen Leben abhöben, erklärt van Oordt.«Dabei müssen die Pflegeeltern und das Kind in diesem Bereich grundsätzlich den Weisungen und Wünschen der Eltern folgen», betont van Oordt. Diese Grenze werde aber im Alltag der Pflegefamilien oft überschritten. Evangelikale Pflegeeltern glaubten an einen Missionsauftrag. Gleichzeitig wüssten sie um das Missionsverbot und erklärten, niemanden zum Glauben zu zwingen. Sie übten aber durch einen religiös durchdrungenen Alltag und ein idealisiertes christliches Lebensbild subtilen Druck aus, erklärt van Oordt. Die Kinder würden so zu einem «gottgefälligen Leben» erzogen – auch wenn dies ihrem ursprünglichen Hintergrund widerspreche.Plötzlich herrscht «komische Stimmung»Masha wohnt noch immer bei Webers, als klarwird, dass ihr Vater doch nicht in den Bezirk ziehen wird. Lea Maurer freut sich, dass Masha – basierend auf der gerichtlich genehmigten Vereinbarung – nun bei ihr aufwachsen wird. Doch kurz vor dem geplanten Termin im Sommer 2022 entscheidet die Kesb, die Rückkehr zur Mutter vorerst nicht umzusetzen. Noch immer gerate Masha wegen des Streits in einen Loyalitätskonflikt, womit das Kindswohl gefährdet sei, sagt die Kesb. Masha bleibt bei Webers.Wann genau sie zu realisieren beginnt, dass ihre Tochter dort unter den Einfluss einer konservativen Freikirche gerät, weiss Lea Maurer nicht mehr.Nachdem sie etwa zwei Jahre bei Webers gelebt hat, spricht Masha immer häufiger über Gott, Jesus und religiöse Themen, was die Mutter zuerst nicht stört. Sie ist die Enkelin eines einstigen Pfarrers und hat einen positiven Bezug zur Kirche, auch wenn sie selber nicht mehr Mitglied ist.Ein Detail sei ihr früh aufgefallen, sagt Maurer rückblickend: Masha erzählt nie von Gott, wie sie es von ihrem Grossvater kennt, sondern immer nur von Jesus. Heute weiss sie, dass dies kein Zufall ist: In evangelikalen Gruppierungen wird Jesus oft als Star des religiösen Lebens inszeniert, zu dem die Gläubigen eine persönliche Beziehung pflegen sollen. Die Bindung an eine idealisierte Figur bildet in neocharismatischen Gemeinschaften eine Grundlage, um eine emotionale Abhängigkeit aufzubauen.Als Masha in die Pubertät kommt, scheint Jesus in ihrem Leben eine immer wichtigere Rolle einzunehmen. Bald ist er auf allen Zeichnungen zu sehen, und er taucht in jedem Gespräch auf. Mehr und mehr wirkt sich Mashas aufdringliche Frömmigkeit auf ihre ganze Familie aus: Wenn sie ihre Mutter und ihre Halbgeschwister am Wochenende besucht, herrscht oft eine «komische Stimmung», wie es Maurer formuliert.So stört sich Masha an einer Buddha-Statue in der Wohnung. Das solle man nicht im Haus haben. «Oft sieht etwas gut aus, aber dahinter steckt der Teufel. Das Böse führt uns in Versuchung», sagt sie warnend, wenn ihr im Alltag ihrer Familie etwas nicht passt. So erzählt es ihre Mutter.Die Kesb spielt das Problem herunterTrotz solchen Anzeichen ist Lea Maurer lange nicht bewusst, wie stark die Pflegefamilie ihr Kind zu prägen beginnt. Sie kämpft dafür, dass ihre Tochter nach Hause kommt – das Alltagsleben in der Familie Weber spielt für sie eine weniger wichtige Rolle. Und die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter verläuft in kleinen Schritten, so dass Maurer zunächst nicht richtig begreift, wie gross die Distanz wird.Masha sieht es nun auch ungern, dass Lea offen mit Homosexualität und Trans-Themen umgeht. «Findest du das gut?», fragt sie, als ihr schwuler Halbbruder mit einem Freund auftaucht. Demonstrativ trägt sie eine Halskette mit einem Kreuz, die sie von Webers erhalten hat, wie Maurer vermutet. Mit Webers geht sie regelmässig zum Gottesdienst – dass es sich dabei um den ICF handelt und welche Form von Glauben dort vermittelt wird, ist Lea zunächst nicht bewusst.Der ICF ist eine evangelikale Freikirche, die ihren Glauben besonders stylish und trendig inszeniert. Hinter Pop, Lichtshows und locker auftretenden Pastoren steht aber ein streng konservatives Weltbild mit rigiden Regeln. Wegen ihres Instagram-tauglichen Stils ist die Gemeinschaft bei Jugendlichen besonders beliebt. Auf Social Media postet der ICF Slogans wie: «Bist du gehorsam, wenn Gott dich ruft?»Ein dichtes Netz von Kleingruppen und eine straffe Hierarchie sorgen zudem für ein Gemeinschaftsgefühl, aber auch für soziale Kontrolle. Die ICF-Anhänger sollen sich voll und ganz dem Glauben verschreiben und ihr Leben nach den Regeln der Freikirche ausrichten. Zweifel am Glauben führen rasch zu Ausgrenzung, so dass ein hoher Anpassungsdruck entsteht. «Als ICF ist es unsere Leidenschaft, dass Menschen Jesus Christus ähnlicher werden, furchtlos leben und ihr Umfeld positiv verändern» lautet ein Werbeslogan. Laut der Beratungsstelle Info-Sekta weist der ICF «sektenhafte Züge» auf.Ab sechzehn Jahren sind Kinder religionsmündig und dürfen in Glaubensfragen frei entscheiden. Solange sie aber – wie Masha – minderjährig sind, ist die religiöse Erziehung Sache der Eltern, auch wenn ihnen die Obhut entzogen wird. Selbst die vor Jahren von den Eltern unterzeichnete Einverständniserklärung zum gelegentlichen Gottesdienstbesuch ändert daran grundsätzlich nichts: Sie kann jederzeit rückgängig gemacht werden, was Lea Maurer immer wieder versucht.«Gott als Ressource im Familienleben mit einbeziehen»Auch gegenüber den Pflegeeltern macht Maurer ihr Unbehagen deutlich. Doch diese gehen nicht darauf ein. Masha sei selber sehr spirituell und wolle beim ICF mitmachen, entgegnen sie der Mutter. Die Kesb spielt das Problem ebenfalls herunter. Es entstehe der Eindruck, dass die Religionszugehörigkeit der Webers vorgeschoben werde, weil die Mutter Masha nach Hause holen möchte, hält sie in einem Entscheid fest. Sie besteht weiterhin auf der Fremdplatzierung bei Webers.Die Beiständin beruft sich laut Akten darauf, dass die Mutter die Zugehörigkeit Mashas zur Freikirche in früheren Gesprächen akzeptiert habe. Mit dem Vater von Masha ist der Kontakt laut Maurer nach wie vor schwierig und lose: Einmal scheint er sich an den ICF-Besuchen zu stören, dann wieder nicht.Masha gerät immer tiefer in die ICF-Welt: Es ist von evangelisch-christlich geprägten Sommerlagern die Rede, es taucht ein Zertifikat auf, das darauf hindeutet, dass Masha ICF-Ausbildungskurse besucht. Und Masha steht für die Freikirche bald vor grossem Publikum auf der Bühne. Es ist der Auftritt in jenem Oster-Musical, das Lea Maurer im Frühjahr auf Instagram entdeckt. Wie ihre Tochter zu ihrer Rolle gekommen ist, weiss sie nicht. Aber sie hat einen Verdacht.Zur Musical-Crew gehört Thomas Lindner,* dem der ICF auf Instagram dankt: «Ihr seid nicht nur Team, ihr seid Familie.» Schon vor Jahren war er vorne dabei, als es darum ging, für den ICF Bibelgeschichten als Musical zu inszenieren. Auch in der Stiftung «Gott hilft» ist Lindner bestens verankert. Auf der Website ist er dort unter «Leitung sozialpädagogische Pflegefamilien» aufgeführt. Beruflich ist Lindner also für jenen Bereich verantwortlich, dem in der Stiftung die Familie Weber und Maurers Tochter zugeteilt sind. Und in der Freizeit instruiert er Masha auf der ICF-Bühne.Solche Querverbindungen sind in dieser Szene keine Seltenheit: So treten zwei Personen, die bis vor wenigen Jahren in leitender Funktion bei der Stiftung «Gott hilft» tätig waren, als Autoren eines evangelikal geprägten Erziehungsratgebers mehrfach in ICF-Videos auf. Auch ein Elterncoaching des ICF Zürich stützt sich auf Konzepte aus dem Ratgeber der beiden früheren Kadermitglieder jener Institution ab, der Masha anvertraut ist. Die Teilnehmer lernen dort, «Gott als ‹Ressource› im Familienalltag voll mit einzubeziehen». All dies ist nicht verboten, doch es zeigt, wie eng staatlich beauftragte Pflegekind-Institutionen und evangelikale Netzwerke teilweise verflochten sind.Die Stiftung «Gott hilft», Lindner und die Familie Weber wollen sich zu solchen Fragen nicht äussern. Auf verschiedene Mails mit detaillierten Fragen antwortet stellvertretend für alle der Gesamtleiter der Stiftung: Die Angebote stünden unter der Aufsicht des betreffenden Kantons, erklärt er. Zu Details könne aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keine Stellung bezogen werden.Konflikte um religiöse Erziehung werden oft unterschätztDie NZZ hat auch die Beiständin von Masha sowie die zuständige Kesb kontaktiert, um zu erfahren, wie die Behörden mit Missionierungsversuchen durch evangelikale Pflegefamilien umgehen. Zum konkreten Fall wollten beide aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht Stellung beziehen.Für die Bewilligung und Aufsicht der Kinder- und Jugendheime sei das Amt für Jugendberatung in der Bildungsdirektion des betreffenden Kantons zuständig, antwortet die Kesb. Es werde alle zwei Jahre überprüft, ob sich die Institutionen an das Konzept der pädagogischen Leitlinien hielten, erklärt die zuständige Behörde. Darunter falle auch der Umgang mit religiöser Erziehung.Die Beistandsperson stelle zudem durch regelmässige Besuche bei der Pflegefamilie, durch Gespräche mit dem Kind, seinen Eltern und weiteren Personen sicher, dass das Pflegekind gut betreut sei. Die Aufsicht über die Beistandsperson wiederum obliegt der Kesb. Ihre Entscheide könnten mit Beschwerde angefochten werden, schreibt die Behörde.Das hat Lea Maurer getan. In einer Besprechung wird sie schliesslich von der Pflegefamilie, der Kesb und der Beiständin unter massiven Druck gesetzt, so beschreibt sie es. Sie soll ein Protokoll unterzeichnen, wonach sie damit einverstanden sei, dass Masha «ins ICF mitkommt». Sie verweigert die Unterschrift. Monate später beantragt die Beiständin ein Kontaktverbot, das die Kesb gutheisst. Die Situation ist völlig verhärtet, die Verfahren dauern an, nichts ist geklärt.Für Noëmi van Oordt weist der Fall viele Elemente auf, die sie auch in anderen Fällen beobachtet. Sie kritisiert, dass Behörden ungenügend abklären und bei religiöser Einflussnahme in Pflegefamilien zu spät eingreifen. Vielen Fachpersonen fehle das Wissen darüber, wie subtil Missionierung in evangelikalen Milieus funktioniere, sagt sie. Hinzu komme, dass viele Stellen unsicher seien, wo das Kennenlernen einer anderen Religion ende und weltanschauliche Einflussnahme beginne, sagt van Oordt. «Dadurch werden Konflikte um religiöse Erziehung häufig unterschätzt oder erst spät ernst genommen.»Zunehmend lebt Masha von der übrigen Welt abgekapselt, so nimmt es Lea Maurer heute wahr: «Freundinnen und Freunde ausserhalb des ICF gibt es kaum mehr, und die Distanz zu meiner Familie wird immer grösser.» Ihre Tochter habe es sich zum Ziel gemacht, in der Welt herumzureisen und den Glauben zu verbreiten.Lea Maurer weiss nicht, ob Masha dem Einfluss der Freikirche wieder entkommt – erst recht nicht, wenn sie auf Instagram sieht, wie glücklich ihre Tochter auf der ICF-Bühne wirkt. Sie hofft nur, dass sie Masha irgendwann doch noch jene Werte und Überzeugungen näherbringen kann, die ihr in ihrer Erziehung ihrer Kinder immer wichtig waren.* Namen und biografische Daten sind geändert und der NZZ bekannt.Passend zum Artikel
Wie eine Mutter ihre Tochter an den evangelikalen ICF verlor
Weil es unter der Scheidung der Eltern leidet, kommt ein Mädchen zu einer religiösen Pflegefamilie. Gegen den Willen der Mutter wird es dort zu einem «gottgefälligen Leben» erzogen – und niemand greift ein.






