Der Iran-Krieg eskaliert wieder. Was bedeutet das für die Region und die Weltwirtschaft? Drei SzenarienDonald Trump hat die Verhandlungen mit Iran als nutzlos bezeichnet. Dennoch müssten die Parteien ein Interesse an einer Deeskalation haben. «NZZ Pro» präsentiert drei Szenarien, wie es nun weitergehen könnte.09.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDie Lage am Golf eskaliert, die strategisch wichtige Meerenge bleibt umstritten: Schiffe in der Strasse von Hormuz.Stringer/ReutersDer Konflikt zwischen den USA und Iran ist neu aufgeflammt. Als Reaktion auf den Beschuss dreier Handelsschiffe in der Strasse von Hormuz haben die USA in der Nacht auf Mittwoch über achtzig Ziele in Iran angegriffen. Dann erklärte der amerikanische Präsident Donald Trump die Waffenruhe für beendet und kündigte weitere Militärschläge gegen Teheran an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um den Druck auf Teheran zu erhöhen, hat Washington die Genehmigung für die iranischen Erdölverkäufe widerrufen; das Waffenstillstandsabkommen nannte Trump am Mittwoch am Nato-Gipfel in Ankara eine «Zeitverschwendung». Die Unterhändler könnten zwar weiter miteinander reden, doch Trump glaube, es sei vorbei, so der Fernsehsender CNN. Damit schwächte der Präsident seine eigene Aussage wieder ab.Auch Teheran hält das Abkommen inzwischen offenbar für nichtig. Der Entzug der Genehmigung für den Ölverkauf ohne Sanktionen sowie die israelischen Angriffe in Libanon hätten Teile des Abkommens ausser Kraft gesetzt, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf das iranische Aussenministerium.Als Reaktion darauf ist der Ölpreis am Mittwoch auf über 80 Dollar pro Fass gestiegen. Für die europäische Referenzsorte Brent ist dies der höchste Stand seit gut zwei Wochen. Nach Ausbruch des Krieges Ende Februar hatte sich der Erdölpreis auf bis zu 126 Dollar pro Fass erhöht.Steigende Rohstoffpreise sind für die Weltwirtschaft ein Risiko, denn sie befeuern die Teuerung und dämpfen das ohnehin schon schwache Wirtschaftswachstum in Europa. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hob in seinem jüngsten Bericht zur Weltwirtschaftslage am Mittwoch hervor, dass aufgrund des Krieges in Nahost die Inflationserwartungen vielerorts angestiegen seien, beliess allerdings seine Prognose für das globale Wachstum bei 3 Prozent.Das Scheitern des Abkommens würde eigentlich nur die Gegebenheiten vor Ort widerspiegeln: Die Lage am Golf ist trotz der Vereinbarung prekär geblieben. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge nahm zwar ab Mitte Juni wieder zu, wie Zahlen des britischen Branchenportals Lloyd’s List Intelligence zeigen. Doch die Zahl der Durchfahrten liegt noch immer deutlich unter dem Vorkrisenniveau, nicht zuletzt, weil jeder Transit gefährlich ist.Schiffe konnten entweder auf einer nördlichen Route durch iranische Gewässer fahren oder wie vom US-Militär empfohlen entlang der Küste Omans im Süden. Dazwischen hat Iran Seeminen verlegt. Die International Maritime Organization (IMO) schätzt deren Zahl auf etwa achtzig. Die drei angegriffenen Schiffe befanden sich laut der IMO auf der südlichen Route.Vor Kriegsbeginn war die Strasse von Hormuz für alle Schiffe frei befahrbar gewesen, doch dann entdeckte Iran das Nadelöhr als Druckmittel für sich: Die regimetreuen Revolutionswächter verminten einen Teil des Gewässers und führten ein Mautsystem ein.Mautsystem oder freie Schifffahrt?Die USA und die arabischen Staaten am Golf wollen die freie Schifffahrt wieder etablieren. Das Abkommen mit den USA verpflichtete Teheran jedoch nur dazu, Schiffen für einen Zeitraum von sechzig Tagen eine gebührenfreie Passage zu gewähren.Die neuste Entwicklung am Golf wirft die Frage auf, wie es mittelfristig dort weitergehen kann und was das für die Rohstoffmärkte bedeutet. Die Lage bleibt unübersichtlich. Der amerikanische Präsident müsste eigentlich angesichts der nahenden Zwischenwahlen ein grosses Interesse an einer Entspannung der Lage haben, damit die Treibstoffpreise in den USA und generell die Inflation wieder sinken. Er will aber kaum ein Scheitern auf ganzer Linie eingestehen müssen.In Iran wiederum ist die Wirtschaftslage prekär, und moderatere Kräfte wünschen sich ein Ende der Kampfhandlungen sowie der Blockade und der Sanktionen Amerikas. Zudem wollen sie an die eingefrorenen Gelder gelangen und damit den Wiederaufbau finanzieren. Doch die in die iranische Führung aufgerückten jüngeren Hardliner scheinen dem Feind keine Zugeständnisse machen zu wollen und torpedieren die Gespräche mit den USA.Wie es weitergehen kannAngesichts der grossen Unsicherheit analysiert «NZZ Pro» drei Szenarien zur künftigen Entwicklung. Im ersten, nach bisheriger Erfahrung nicht mehr wahrscheinlichsten führt die gegenwärtige Eskalation zu einem raschen Ende des Ringens um die Kontrolle über die Strasse von Hormuz.Die Eskalation führt zu einem Ende der BlockadeDie Rückkehr der USA zu den Waffen war nötig und zeigt Wirkung. Sekundiert von arabischen Staaten wie Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, gelingt es den USA, den Druck auf Iran so zu erhöhen, dass sich in Teheran schliesslich die verhandlungsbereite Fraktion auf ganzer Linie durchsetzt. In der Strasse von Hormuz wird der Zustand vor Kriegsbeginn wiederhergestellt – die Erdöl- und Erdgastanker aus aller Welt können die Meerenge wieder frei passieren, und die Revolutionswächter verzichten auf neue Provokationen. Spezialisten verschiedener Länder widmen sich der Entminung.Im Gegenzug erhält die iranische Führung Zugriff auf den Wiederaufbaufonds im Umfang von 300 Milliarden Dollar, den die USA und die Golfstaaten in Aussicht gestellt haben. Hinzu kommen die im Ausland eingefrorenen iranischen Vermögenswerte, die gemäss Abkommen zurückgegeben werden sollen. Laut Schätzungen könnten sich diese auf rund 100 Milliarden Dollar belaufen. Darüber soll ein abschliessendes Friedensabkommen zwischen den USA und Iran bestimmen, das nun intensiviert verhandelt wird und das sich auch um die nukleare Frage dreht.Für Kuwait, den Irak und das erdgasreiche Katar ist die Strasse von Hormuz überlebenswichtig. Anders als Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen diese Länder für ihre Rohstoffexporte nicht über Ausweichrouten per Pipeline. Deshalb versuchen sie mit aller Macht, die freie Durchfahrt zu sichern, die ihnen nach internationalem Recht zusteht.Nachdem die erneute Eskalation den Erdölpreis in die Höhe getrieben hat, führt das Einlenken Irans rasch zu einer nachhaltigen Entspannung. Der Erdölpreis sinkt auf das Vorkriegsniveau, und der Inflationsdruck in den USA und in Europa lässt nach. Der globale Wirtschaftsgang wird wieder durch andere Faktoren bestimmt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ihr Geschäftsmodell durch den Krieg existenziell bedroht sahen, kehrt allmählich wieder Normalität ein.Das Hin und Her geht weiterIran verteidigt seine neu gewonnene Machtposition an der neuralgischen Meerenge vehement, wohingegen Washington an den Strafmassnahmen gegen das Regime unter dem Revolutionsführer Mojtaba Khamenei festhält. Für die dauerhafte Aufhebung der Sanktionen ist Trump laut Experten ohnehin auf die Zustimmung des Kongresses angewiesen.An der Strasse von Hormuz herrscht damit eine Pattsituation: Die Kosten eines dauerhaften Nachgebens sind sowohl für Washington als auch für Teheran zu hoch. Gleichzeitig ist es für Washington kostspielig, die Militärschläge zu intensivieren. Die Waffenbestände gehen zur Neige, ein noch grösserer Einsatz würde die Entsendung amerikanischer Bodentruppen erfordern. Dies wäre in den USA zutiefst unpopulär.Damit verfolgen beide Seiten weiterhin den bisherigen Kurs. Auf verkündete Entspannung folgt jeweils bald wieder eine Eskalation, weil man sich nicht auf gemeinsame Regeln einigen kann. Die iranischen Revolutionswächter lassen nur wenige Schiffe durch die Meerenge, welche ihnen Tribut zahlen, und die USA blockieren den Export von iranischem Erdöl. Die Lage auf dem Rohstoffmarkt bleibt angespannt. Der Erdölpreis verharrt somit in den kommenden Monaten auf seinem derzeitigen Niveau und schlägt immer wieder nach oben aus. Die Weltwirtschaft bleibt unter Druck, erweist sich aber als deutlich resilienter gegenüber dem Erdölpreisschock als noch in den 1970er Jahren. Erst nachdem andere Bezugsquellen erschlossen sind und die USA ihre Exporte noch weiter gesteigert haben, sinken die Preise wieder.Das Hin und Her schwächt die rohstoffexportierenden Länder im Nahen Osten. Sie setzen alles daran, sich alternative Ausfuhrwege zu erschliessen, doch das braucht Zeit. Die grosse Unsicherheit trifft auch das Geschäftsmodell der Vereinigten Arabischen Emirate mit ihren einst blühenden Geschäftsmetropolen Dubai und Abu Dhabi im Kern. Diese versuchen im Verbund mit den USA, den Druck auf Iran zu erhöhen, haben aber der militärischen Logik der iranischen Revolutionäre wenig entgegenzusetzen.Die Revolutionswächter sichern sich die KontrolleDie erneute Eskalation ist kein Zufall. Die aus der Führung der Revolutionswächter stammenden Hardliner waren schon immer der Ansicht, dass sich ein Abkommen mit dem Feind USA nicht lohnt, wenn dieses auf einen Verzicht hinausläuft, die Strasse von Hormuz zu kontrollieren und für die Durchfahrt saftige Gebühren zu erheben.Mit der militärischen Eskalation bringt das Regime zwar das Waffenstillstandsabkommen zum Scheitern, aber es gelingt ihm, die Kontrolle über die Strasse von Hormuz zu festigen und für die Durchfahrt Zölle in Kryptowährung oder chinesischen Yuan zu verlangen. Einige Reedereien finden sich damit ab und zahlen die Gebühren, doch viele westliche Schifffahrtsgesellschaften sehen davon ab. Sie befürchten, andernfalls mit dem komplizierten Geflecht internationaler Sanktionen gegen Teheran in Konflikt zu geraten.Die USA sind nicht gewillt, Bodentruppen einzusetzen, und nicht in der Lage, das iranische Regime mit militärischen Mitteln niederzuringen. Donald Trump gibt seine Niederlage zwar nicht zu, findet sich aber mit der neuen Situation ab und reduziert allmählich die militärische Präsenz der USA wieder; die Sanktionen gegen Iran bleiben in Kraft.Den rohstoffexportierenden Ländern in der Region bleibt nichts anderes übrig, als sich möglichst rasch nach alternativen Exportrouten umzuschauen. Saudiarabien und die Emirate beschleunigen den Ausbau ihrer Pipelines nach Yanbu am Roten Meer und nach Fujairah am Golf von Oman. Das Vorhaben nimmt allerdings einige Monate in Anspruch.Für Kuwait, den Irak und die Emirate ist die Situation noch gravierender, da sie für ihre Exporte auf den Seeweg angewiesen sind. Auch sie suchen nach Alternativen, doch bis diese einsatzbereit sind, vergeht viel Zeit.Die Versorgungslage auf dem internationalen Erdöl- und Erdgasmarkt bleibt damit mittelfristig angespannt, das weltwirtschaftliche Wachstum gedämpft. Ein noch stärkerer Anstieg des Erdölpreises über 120 Dollar hinaus findet allerdings nicht statt. Verhindert wird er durch die Substitution des Angebots aus der Strasse von Hormuz durch andere Produzenten, die ihr Angebot erhöhen. Mittelfristig gewinnen die USA dadurch als Erdöl- und Erdgaslieferant und geopolitisch an Bedeutung, und der Nahe Osten verliert.Machtpolitisch geht Iran vorerst als Gewinner aus dem Konflikt hervor und nimmt auf dem internationalen Parkett eine noch wichtigere Rolle ein. Es bleibt aber in der Region isoliert und durch die Sanktionen wirtschaftlich geschwächt. Dafür haben sich die Revolutionswächter eine neue Einnahmequelle gesichert und festigen somit ihre Macht innerhalb des Landes. Für Regimegegner rückt die Hoffnung auf ein Ende der Islamischen Republik in weite Ferne.Wenn die Vernunft siegt . . .Szenarien sind keine Prognosen. Der bisherige Verlauf des Iran-Kriegs hat bereits viel unsinnigen Kollateralschaden angerichtet. Das lässt das mittlere Szenario eines weiteren Hin und Her noch für einige Zeit wie das wahrscheinlichste erscheinen. Leider würde es auch nicht überraschen, wenn schliesslich das für den Erdölmarkt und die Weltwirtschaft negativste, das dritte Szenario einträte. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Wären beide Seiten von dem für ihr Land vernünftigsten Resultat geleitet, müssten sie sich im ersten Szenario finden.Passend zum Artikel