In der Nacht zum Mittwoch veröffentlichte Nathalie Armbruster in den sozialen Medien ein Bild in Schwarz-Weiß, es zeigt sie erschöpft am Boden liegend, im Zieleinlauf der Nordischen Kombination. Sie sei „am Boden zerstört“, schrieb Armbruster unter das Bild, dazu stellte sie neun weitere Begriffe, die ihre Gefühlslage in Worte kleiden sollten: verzweifelt, wütend, leer, schockiert, verwirrt, sprachlos, traurig, enttäuscht, ungläubig.Armbruster, 20, ist dreimalige WM-Silbermedaillengewinnerin und 2025 Gesamtweltcup-Siegerin, sie ist eine der großen deutschen Hoffnungen in ihrem Sport, hat in den vergangenen Jahren zudem mit Worten dafür gekämpft, dass sie ihren Traum bei Olympischen Spielen verwirklichen darf. Umsonst, wie sie am Dienstag erfuhr. Da beschloss das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Kombination, die seit 1924 olympisch war, aus dem Programm zu nehmen – für die Männer, denn die Frauen hatte das IOC auch für die vergangenen Winterspiele in Italien nicht zugelassen. Doch anstatt auch Frauen für 2030 zu integrieren, für die Gleichberechtigung, ist nun auch deren olympischer Pfad verstellt, zumindest für die kommenden Jahre.Armbruster legte am Mittwoch mit einem emotionalen Statement nach: Sie sei sauer, „dass das IOC unsere Leistung der vergangenen Jahre und die Geschichte unserer Sportart mit Füßen tritt. Und gleichzeitig seine eigenen olympischen und sportlichen Werte verrät.“ Zwar hatte das IOC seit einer Weile bemängelt, dass die Disziplin seit 2014 bei fast allen Popularitätsbewertungen auf den hinteren Plätzen gelegen habe, und die Kombiniererinnen liefen erst 2020 ihren ersten Weltcup, 2021 kürten sie ihre ersten Weltmeisterinnen. Doch seitdem, so betonen es die Kombinierer, habe sich vor allem die Frauensparte enorm entwickelt, das Zuschauerinteresse sei gestiegen, der Weltcup-Kalender inzwischen gut gefüllt. Und auch in den Ergebnislisten sei die Vielfalt der Nationen auch viel größer, als es das IOC nun darstelle.Nordische Kombiniererin Nathalie Armbruster:„Vor dem Fernseher zu sitzen, den Männern zuzuschauen – das wird wehtun!“Die Nordische Kombination ist die einzige reine Männersportart bei Olympia. Gesamtweltcup-Siegerin Nathalie Armbruster findet das diskriminierend. Ein Gespräch über Frauenrechte im Sport.Fakt ist, dass die Streichung aus dem olympischen Programm existenzbedrohend für die Sportart ist. Der im März zurückgetretene Olympiasieger Johannes Rydzek sagte jetzt: „Das ist eine Entscheidung, deren Ausmaß man noch gar nicht begreifen kann. Sie ist so weitreichend, raubt Athleten, Betreuern die Perspektive.“ Für die Weltmeisterschaften in Falun im Februar 2027 ist die Kombination zwar im Programm, der Weltverband Fis bekräftigte am Dienstag zudem, man werde die Sportart gerade jetzt umso stärker unterstützen. Das dürfte wiederum den Deutschen Skiverband erfreuen, der zuletzt den Zuschlag für die Nordischen Skiweltmeisterschaften 2031 in Oberstdorf erhielt.Aber durch die fehlende Olympiaperspektive werden unweigerlich Fördermittel gestrichen; Förderstellen von Athleten bei der Polizei, der Bundeswehr, dem Zoll stehen zur Disposition, auch die Unterstützung durch die Sporthilfe und für Sportinternate. Sponsoren dürften abspringen, wenn sie nicht mehr auf der größten Bühne – Olympia – zu sehen sein werden. Zuletzt wechselten schon einige Weltcupathleten die Seiten, zu den Spezialspringerinnen oder Langläufern. Selbst wenn die Sportart ab 2034 wieder olympisch werden sollte, wie es das IOC zuletzt in Aussicht stellte – der Unterbau könnte bis dahin weitgehend weggebrochen sein.Schon am Dienstagabend zeigte sich, wie ein solcher Eingriff von oben ein jahrzehntelang gewachsenes Habitat durcheinanderwirbeln dürfte. Die Kombination hängt eng mit dem Skispringen zusammen, viele Jugendliche lernen beide Disziplinen parallel. Die Sprungschanzen sind auch ihretwegen überhaupt ausgelastet, die Anlagen werden nicht zuletzt von Fördergeldern finanziert, die der Kombination gewidmet sind. Was aber, wenn nun immer mehr Talente aus Perspektivlosigkeit einen anderen Weg einschlagen?Was entgegnet das IOC?Man verstehe, dass viele Athleten und Funktionäre enttäuscht seien, sagte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry am Dienstag. Zugleich wiederholte das IOC, dass es sich verstärkt an zwei Fixsternen ausrichte. Zum einen strebe man „Geschlechtergleichheit“ an, diese werde es 2030 erstmals überhaupt bei Winterspielen geben – wobei die Athletinnen nach derzeitigem Plan sogar einen minimalen Überhang haben, mit 1525 zu 1521 Startplätzen. Das schreit natürlich schleunigst nach einer Gegenbewegung!Zum anderen will das IOC sein Angebot „relevant für künftige Generationen von Athleten und Fans“ gestalten, ohne dass „Kosten und Komplexität“ ausufern. Es sei also nicht damit getan, die Nordischen Kombiniererinnen einfach zu den Spielen dazuzuholen, sagte Pierre Ducrey, der Sportdirektor des IOC. Vielmehr müsse eine Sportart „universal“ sein, also von möglichst viele Athleten betrieben werden, und ein gewisses Publikum anziehen. Und allein eine Evaluierung der Winterspiele 2026 mit 14 „Popularitätsindikatoren“ wie Ticketverkäufen und TV-Verbreitung habe gezeigt, dass die Kombination in fast allen dieser Kategorien im Tabellenkeller rangiert. Auch wenn das IOC diese Rangliste bislang nirgends veröffentlicht hat, was Eric Frenzel, den Bundestrainer der Männer, ebenfalls erzürnt: „Das haben wir als so traditionsreiche Sportart auch verdient“, sagte er. „Aktuell fühlt es sich enorm schwer an, solche Dinge zu glauben.“Im Kern ist das alles nicht neu, das IOC durchleuchtet und ergänzt das Programm seit Jahren, so schafften es etwa Surfen, Breaking und 3×3-Basketball auf die Olympiabühne. Ungewohnt ist, dass nun auch von hinten gekürzt wurde; dass eine Traditionssportart es also nicht mehr schafft, im Hinterzimmer mit Erfolg für ihren Verbleib zu lobbyieren. Die Modernem Fünfkämpfer oder Ringer etwa, die sich so immer wieder im Programm gehalten habe, dürften mit Blick auf die Sommerspiele 2032 also mal wieder zittern.Felix Gottwald, der Kombinations-Olympiasieger aus Österreich, gab der Bewegung dafür noch einen Denkanstoß mit auf den Weg: „Nicht alles, was sich leicht messen lässt, ist von großem Wert“, schrieb er in den sozialen Netzwerken, „und nicht alles, was von großem Wert ist, lässt sich leicht messen.“Was steckt hinter dem Verbleib der Alpinsnowboarder?Ein wenig erinnerten die Snowboarder mit ihrem Parallel-Riesenslalom an einen Abstiegskandidaten, der sich mit einer starken zweiten Saisonhälfte gerettet hat. Man habe festgestellt, teilte das IOC am Dienstag mit, dass die Disziplin sich seit den Spielen 2022 bei einer Vielzahl an Popularitätsindikatoren „signifikant“ verbessert habe. Daher werde der Wettbewerb für 2030 olympisch bleiben – vorausgesetzt, er bestreitet seine Rennen nicht wie bisher auf einer Wettkampffläche, die exklusiv für diese Disziplin genutzt wird. Was am Dienstag zur Fußnote verkam, könnte künftig hochinteressant werden für olympische Sportarten, die ebenfalls Arenen oder Spielfelder für einzelne Disziplinen beanspruchen, Stichwort: Kosten! Die Snowboarder jedenfalls könnten sich den Hang für ihren Riesenslalom bei den Spielen 2030 dem Vernehmen nach mit den Skibergsteigern teilen, die nach ihrer Premiere 2026 im Programm bleiben – und mit dem sogenannten „Individual“ noch eine Disziplin dazubekommen.Trend zum Teamwettbewerb: Synchron-Eiskunstlaufen soll 2030 seine olympische Premiere geben. Charly Triballeau/AFPEinen Zuwachs nahmen jetzt übrigens auch die Parallel-Snowboarder entgegen: Auch das gemischte Team-Event soll 2030 olympisch sein, auch bei Skicrossern und Eiskunstläufern wurde ein ähnlicher Wettbewerb angebaut. Bei den Eiskunstläufern handelt es sich um „Synchro9“, bei dem eine neunköpfige Auswahl Figuren präsentiert, eine Art Synchronschwimmen auf dem Eis. Der Trend der gemischten Wettkämpfe, den Coventrys Vorgänger Thomas Bach angestoßen hat, setzt sich also munter fort – von olympischen Schrumpfkursen kann also nur sehr bedingt die Rede sein. Die Winterspiele 2030 sollen 126 Wettkämpfe und 3046 Athleten aufbieten, zehn beziehungsweise über 100 mehr als bei den jüngsten Spielen in Italien.Wer oder was ist die neue Olympiadisziplin Freeride?Verfolgt man einen Freeride-Wettkampf, wirken schwindelerregende Sportarten wie Klippenspringen im Vergleich bisweilen wie eine Veranstaltung vom Dreimeterbrett. Freerider, ob Skier oder Snowboarder, jagen im Hochgebirge durch unverspurten Schnee und springen tollkühn über Felsen, eine Jury vergibt Noten. Es ist keine tollkühne These, dass die Olympiamacher sich davon ähnlich berauschende Bilder erhoffen wie 2024 beim Wellenreiten vor Tahiti.Der Sport entstand in den Neunzigerjahren, seit 2008 werden auf der Freeride World Tour (FWT) die besten Athleten gekürt – 2024 gewann in Max Hitzig sogar ein deutscher Skifahrer die Gesamtwertung. Vor vier Jahren schlüpfte die Veranstaltungsreihe unter das Dach des Ski- und Snowboard-Weltverbands Fis, im vergangenen Februar hielt sie in Andorra erstmals eine Weltmeisterschaft ab. Angst, dass die Olympiabosse den freigeistigen Sport einhegen könnten, hat Nicolas Hale-Woods, der Geschäftsführer der FWT, aber nicht.Eine neue Olympiadisziplin mit deutschem Champion: Max Hitzig bejubelt vor zwei Jahren beim Saisonfinale in Verbier seinen Gesamtsieg auf der Freeride World Tour. Fabrice Coffrini/AFPDie Fis und das IOC hätten früher den Fehler gemacht, solche Sportarten zu verändern, sagt der Schweizer im Gespräch. Aber jetzt? Das Feedback der Athleten sei „zu 99,9 Prozent“ positiv, die Fahrer hätten gesehen, wie andere Trendsportarten zuletzt von Olympia profitiert hätten: mehr TV-Präsenz, mehr Geld für Athleten und Hersteller. Zugleich bewahre sich der Sport seinen gesunden Kern, weil die Fahrer ihn im Grunde selbst gestalteten: „Wir haben ein Board aus acht Profifahrern, die entscheiden, in welche Richtung sich der Sport entwickeln soll“, sagt Hale-Woods, etwa was Formate und Bewertungen betrifft. Für die Olympiapremiere wolle man in jedem Fall wenig bis gar nichts ändern. Dass die Freerider wiederum eine eigene Wettkampfstätte beanspruchen, ist nach IOC-Logik auch gar kein Problem: „Der Sport nutzt ein natürliches Spielfeld, was die Auswirkungen auf die Spiele minimiert“, teilte es mit. Auch das dürften Vertreter vieler Sportarten, ob olympisch oder nicht, mit großem Interesse notieren.Eine spezielle Herausforderung öffnet sich noch der deutschen Freeride-Szene: Anders als die meisten Nationen sind Snowboarder und Skifahrer in zwei Verbänden organisiert, Snowboard Germany und Deutscher Skiverband (DSV). Beide müssen für ihre neuen Olympiakandidaten Förderströme freilegen, was durchaus anspruchsvoll ist, denn die Bundesförderung floss für neue Olympiadisziplinen oft mit Verzögerung. Und wie begrenzt die Eigenmittel der Verbände sind, bekamen insbesondere jene Freestyle-Athleten zu spüren, die sich unter dem Dach des DSV für die Spiele vorbereiteten. Zunächst einmal ist die Vorfreude der olympischen Zugänge gewaltig. Freeriderin Lena Kohler aus Memmingen sagt: „Wenn du Wettkampfsport betreibst, ist Olympia halt der größte Wettkampf. Wir haben jetzt ein richtig cooles Ziel.“Wie geht es nach den Winterspielen 2030 weiter?So sehr viele Athleten und Funktionäre am Dienstag jubelten: Nach den Winterspielen 2030 wird das Spiel von vorne beginnen. Danach greift die neue Programmlogik des IOC, wonach Sportarten nach einer Rangliste bewertet werden, die schwächsten im bisherigen Programm treffen dann auf die stärksten nichtolympischen, die ins Programm drängen. Frischer Jubel – und Tränen – sind in jedem Fall gewiss.
Keine Nordische Kombination mehr bei Olympia: Das IOC „verrät seine eigenen Werte“
Warum weicht die Nordische Kombination nach mehr als 100 Jahren aus dem olympischen Programm, während Parallel-Snowboarden und Freeride eine Zukunft haben? Fragen und Antworten zu den Entscheidungen des Internationalen Olympischen Komitees.










