PfadnavigationHomeSportWintersportNordische Kombination„Hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen“ – Athleten nach Olympia-Aus in NötenStand: 15:23 UhrLesedauer: 4 MinutenDeutschlands Top-Athletin Nathalie Armbruster ist eine der Leidtragenden der IOC-EntscheidungQuelle: Barbara Gindl/APA/dpaDie Ära der Nordischen Kombination bei Olympia ist nach mehr als 100 Jahren beendet. Die Sportart zählt nicht mehr zum Wettkampfprogramm. Für die deutschen Athleten stellt sich eine existenzielle Frage.Ein Schwarz-Weiß-Foto von Deutschlands erfolgreichster Nordischer Kombiniererin, erschöpft nach einem Rennen im Ziel liegend. Rund um das Bild hat Nathalie Armbruster Worte wie „verzweifelt“, „schockiert“, „leer“, „wütend“, „sprachlos“ und „traurig“ platziert. Mit ihrer Instagram-Story bringt die 20-Jährige ihre Gefühlswelt über das Olympia-Aus der Königsdisziplin des Nordischen Skisports zum Ausdruck.Nach über einem Jahrhundert zieht das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen Schlussstrich: Die Nordische Kombination fliegt für die Winterspiele 2030 aus dem Programm. Für die gesamte Szene ein existenzieller Tiefschlag. „Es war eine herbe Enttäuschung, zu hören, dass wir als Sportart in Zukunft nicht mehr zur olympischen Geschichte gehören werden. Das tut enorm weh“, gestand der dreimalige Olympiasieger und heutige Bundestrainer Eric Frenzel.Das IOC begründet das Aus mit mangelndem Zuschauerinteresse – die Disziplin sei laut Studien von 2014 bis 2026 die unbeliebteste Wintersportart. „Wir haben mehrere Probleme im Zusammenhang mit der Beliebtheit und Universalität der Disziplin identifiziert“, hieß es von Seiten des IOC. Bundestrainer Frenzel kann das nicht glauben. Er hoffe, „dass man beim IOC die Größe hat“ und die der Entscheidung zugrunde liegenden Studien und Zahlen öffentlich macht. „Das haben wir als traditionsreiche Sportart verdient.“Das IOC argumentiert unterdessen, dass sich die Sportart auf sehr wenige Länder konzentriere – nur fünf Nationen hätten in diesem Zeitraum Medaillen gewonnen. Damit endet nun eine 102-jährige Tradition: Die Sportart war seit 1924 fester Bestandteil der Winterspiele – allerdings als letzte Disziplin bis zuletzt komplett ohne Frauen.Ohne Olympia ist offen, wie Nordische Kombination finanziert wirdDie Enttäuschung sitzt tief, vor allem bei den Athletinnen, die jahrelang für ihre Premiere gekämpft hatten. „Niemandem sollte die Möglichkeit verwehrt werden, seine Träume zu leben – nur weil man eine Frau ist“, hatte Deutschlands erste Gesamtweltcupsiegerin Armbruster vor den Winterspielen in Mailand auf Instagram geschrieben. Ihr Appell blieb ohne Erfolg. Statt der erhofften Premiere für die Frauen folgte jetzt der Olympia-K.o. der gesamten Sportart.„Rauszufliegen ist für die Athleten ein ganz schwerer Schlag – und für die Athletinnen ist es ein ganz schwerer Schlag, jetzt doch nicht aufgenommen zu werden“, schilderte Johannes Rydzek, Athletensprecher im Ski- und Snowboard-Weltverband Fis. „Uns hat es den Boden unter den Füßen weggerissen“, ergänzte der im Frühjahr zurückgetretene Kombinations-Star. Die langfristigen Konsequenzen – insbesondere für den Nachwuchs – seien aktuell noch gar nicht absehbar.Sportarten wie die Nordische Kombination sind sehr von Fördergeldern und Sponsoren abhängig – ohne die große Olympia-Bühne scheint offen, wie eine Finanzierung künftig funktionieren soll. Rydzek berichtete von einer Zusage des DSV, dass es bis zur nächsten Weltmeisterschaft 2027 in Falun noch so weitergehe wie bislang. „Aber wie lange, das weiß man nicht“, sagte er. Der erfahrene Athlet dachte dabei primär an Nachwuchssportlerinnen und -sportler, die sich nun fragen werden: ,Auch wenn ich den Sport liebe, habe ich überhaupt eine Perspektive, ihn professionell ausüben zu können?’“Während DSV-Sportdirektor Horst Hüttel von einer „niederschmetternden“ Entscheidung sprach, meldeten sich auch Stimmen aus anderen Sportarten zu Wort. So schrieb Rodel-Olympiasieger Felix Loch bei Instagram: „Während Funktionäre über Programme abstimmen, verlieren Menschen ihre Perspektive. Es geht nicht nur um Medaillen. Es geht um Karrieren. Um Bundesstützpunkte. Um Trainerstellen. Um Nachwuchs. Um Existenzen.“Hoffnung auf ein Wunder für Olympia 2034Hinter den Kulissen des DSV stellt man sich bereits auf harte Zeiten ein. „Natürlich haben wir Konsequenzen zu erwarten, was die Infrastruktur und Förderung von Seiten des Bundes angeht“, sagte DSV-Sportvorstand Andreas Schlütter. Dennoch wolle der Verband die Sportart nicht fallenlassen und auch künftig eine sportliche Perspektive bieten. Der nächste Meilenstein bleibe die WM 2027 im schwedischen Falun.Auch der Weltverband Fis will an Disziplin und Unterstützung festhalten und betonte, dass das Olympia-Aus keinen Einfluss auf Weltcup und Weltmeisterschaften habe. „Wenn überhaupt, ist das ein Grund, sie noch stärker zu unterstützen“, sagte Fis-Generalsekretär Urs Lehmann. Zudem werde man „hart daran arbeiten, die Nordische Kombination 2034 zurück in die Olympischen Winterspiele zu bringen“, sagte Fis-Präsident Alexander Ospelt.Ein Comeback, das auch IOC-Präsidentin Kirsty Coventry nach der Entscheidung in Aussicht stellte. Doppel-Olympiasieger Rydzek zeigte sich kämpferisch: Auch wenn eine schnelle Rückkehr derzeit wie ein „mittelgroßes Wunder“ erscheine, wolle man alle Möglichkeiten ausschöpfen. Bis dahin bleibt offen, wie die stark von Fördergeldern und Sponsoren abhängige Sportart ohne die weltweite Aufmerksamkeit der olympischen Bühne bestehen kann.pk/dpa