Ein Gesetzesvorhaben, das kaum jemand außerhalb der Finanzbranche kennt, sorgt in Frankfurt für erhebliche Nervosität. Die EU-Kommission hat mit FiDA (Financial Data Access Regulation) im Jahr 2023 ein Projekt angestoßen, das den Zugang zu Finanzdaten von europäischen Anlegern und Versicherungskunden grundlegend neu ordnen soll.Um zu verstehen, warum sich die Branche so ereifert, lohnt ein Blick auf das, was heute schon Alltag ist. Seit 2018 gilt in Europa das sogenannte Open-Banking, geregelt über die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2. Sie erlaubt Banken, Kontodaten und Zahlungsverkehrsinformationen ihrer Kunden an lizenzierte Drittanbieter weiterzugeben – wenn der Kunde zustimmt, meist per Klick auf Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB).Vom Kontoauszug zum kompletten FinanzlebenTrade Republic und Co. In der Brokerwelt gelten bald neue Spielregeln – mit Folgen für Kunden Die EU verbietet Neobrokern wie Trade Republic, bestimmte Provisionen zu nehmen. Damit bricht ein wichtiges Geschäft weg. Was Kunden beachten müssen. von Philipp Frohn, Julia Leonhardt und Lukas ZdrzalekWer heute ein neues Konto eröffnet, dessen Zahlungsdaten werden automatisch an die neue kontoführende Bank weitergegeben über Datenschnittstellen, die dafür von den Banken geschaffen wurden. Dadurch laufen Lastschriften oder Daueraufträge automatisch weiter. Das ist der praktische Nutzen.FiDA würde diesen Datenzugang massiv ausweiten – ein großer Schritt von Open Banking zu Open Finance, wie es im Fachjargon heißt. Bislang beschränkt sich die Öffnung für den Datenaustausch auf Zahlungskonten. Künftig sollen dieselben Schnittstellen auch für Wertpapierdepots, Versicherungsverträge, Bausparprodukte, Hypotheken, Altersvorsorgeprodukte und Spareinlagen gelten.Damit wandert nicht mehr nur der Blick aufs Girokonto zu Dritten, sondern der komplette finanzielle Hintergrund des Kunden: was er anlegt, wie er abgesichert ist, wie viel er fürs Alter zurücklegt, wo er einen Kredit laufen hat.Das IT-Beratungsunternehmen TrustEQ aus München beschreibt die Möglichkeiten so: Kunden könnten in Zukunft auf eine App zugreifen, die ihre Finanzsituation in Echtzeit analysiert und auf Basis aggregierter Bank- und Versicherungsdaten individuell optimierte Spar- oder Anlagevorschläge erstellt. Banken wiederum könnten auf Grundlage umfassender Kundendaten passgenaue Kreditangebote in Echtzeit bereitstellen, während Versicherungen ihre Policen dynamisch an das aktuelle Konsumverhalten ihrer Kunden anpassen könnten.Fintechs wissen morgen mehrEin Anbieter könnte heute schon Kontobewegungen auslesen und daraus einen Ausgabenreport basteln. Was ihm bislang verwehrt bleibt, ist der direkte Zugriff auf Depotdaten, auf die Riester- oder Rürup-Police, auf die Baufinanzierung oder die private Krankenversicherung.Mit FiDA könnte ein digitaler Robo-Advisor etwa künftig automatisiert Umschichtungsvorschläge, Versicherungstarifwechsel oder Anlageempfehlungen ableiten. Vergleichsportale könnten in Echtzeit prüfen, ob sich ein Wechsel der Baufinanzierung oder der Altersvorsorge lohnt, ohne dass der Kunde mühsam Unterlagen zusammensuchen muss.Börsentag Der Süden und der Osten holen auf Europas Vermögensverteilung und die Rolle der Aktienmärkte: Wer beim Dax auf die Aufholjagd hofft, schaut in die falsche Richtung. Die Gewinner waren zuletzt Budapest und Mailand. von Heike SchwerdtfegerFür Verbraucher klingt das zunächst nach mehr Transparenz und echtem Wettbewerbsdruck für die oft teure, provisionsgetriebene Beratung. Genau diese Aussicht sehen viele in der Branche jetzt aber mit gemischten Gefühlen.Wie das konkret ausgestaltet werden könnte, wird an zwei Beispielen deutlich: Nehmen wir BlackRock: Der weltgrößte Vermögensverwalter könnte über Onlinewerbung und Social Media interessierte Anleger anwerben, ihnen einen kostenlosen Depotcheck bieten. Stimmt der Kunde zu – vielleicht lockt ein Amazon-Gutschein – und gibt sein Okay zur Datenfreigabe, kann sich BlackRock direkt an die Stellen wenden, bei denen der Interessent Depots hat – die einzelnen Bestandteile an Fonds oder Aktien und Anleihen würden offengelegt. Aus dem Depotcheck mit den Konkurrenzdaten würde flugs ein Vergleich mit einer Auswahl hauseigener ETFs.Und weil sich die Vergangenheitsperformance mit ein paar Kniffen immer vorteilhaft darstellen lässt, ärgert sich der Kunde vielleicht anschließend über sein eigenes Bankdepot und wechselt zu dem Anbieter, der ihm eine bessere Performance verheißt – ohne zu bedenken, dass vergangene Wertentwicklung bekanntlich keine Garantie für die Zukunft ist.Ein zweites Beispiel betrifft Versicherer. Bislang war die Welt der Privatversicherungen – ob Haftpflicht, Unfall oder Hausrat – recht überschaubar: standardisierte Policen für die Durchschnittsfamilie, bei denen sich auch die Preise der Anbieter kaum unterschieden. Durch FiDA sollen Kunden künftig passgenauere, individuell optimierte Produkte erhalten – nicht nur von heimischen Anbietern, sondern weltweit von denen, die eine EU-Niederlassung haben und in der EU reguliert sind. Ihr Sitz könnte aber auch in Malta oder auf Zypern sein.Freedom Holding Wie seriös ist der Broker Freedom24? Freedom24 macht massiv Werbung für sich, doch es gibt Kritik an Angeboten des Brokers. Vorwürfe gegen die börsennotierte Holding hinter der Marke gibt es schon länger. von Michelle JuraGeteilte Meinungen in der Branche„Ich sehe das FiDA-Dossier insgesamt mit großer Skepsis, denn die hohen Kosten stehen in keinem Verhältnis zum erwarteten geringen Mehrwert für die Verbraucher“, sagt Markus Ferber, wirtschaftspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament. „Eine solche Initiative passt auch eigentlich nicht in eine Zeit, in der wir an anderer Stelle daran arbeiten, die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken.“ Zudem verweist Ferber darauf, dass in anderen Ländern außerhalb der EU solche Open-Data-Ansätze nur von wenigen Kunden nachgefragt würden. Die Erfahrung zeige, so Ferber, dass es vom Markt nur wenig Nachfrage nach einem solchen Regime für das Datenteilen im Finanzsektor gebe.Auch Jasmine Bergmann, Abteilungsdirektorin Recht beim deutschen Fondsverband BVI, findet klare Worte. Unter der Überschrift „Bärendienst für die Finanzindustrie in Europa“ nennt sie den Kommissionsvorschlag zu FiDA im Jahrbuch des BVI zwar „gut gemeint“, aber eben nur das. Ihre Einschätzung: FiDA schwäche die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Finanzindustrie. Ihre Forderung: „Weg damit!“Der eigentliche Knackpunkt für viele in Frankfurt, die nicht techverliebt oder innovationsberauscht sind: FiDA könnte europäischen Anbietern die letzten Verteidigungslinien gegen die US-Konkurrenz nehmen. Während sich der amerikanische Finanzmarkt ausländischen Anbietern kaum öffnet, tummeln sich US-Finanzriesen wie BlackRock, Vanguard, J. P. Morgan, State Street oder Fidelity längst in der EU. Sie sammeln hier Kundengelder ein, verwaltet wird das Geld häufig von Fondsmanagern, die in Übersee sitzen. Mit FiDA geriete auch der Fonds- und ETF-Vertrieb unter Druck, der bislang noch stark von heimischen Häusern geprägt ist.Warum die US-Konkurrenz profitieren sollRein technisch könnte jeder zertifizierte Anbieter die Datenschnittstellen, die durch FiDA geschaffen würden, nutzen – auch deutsche Neobroker, Vergleichsportale oder Banken selbst. Ein deutscher Anbieter könnte theoretisch genauso gut Kundendaten der Konkurrenz auswerten und günstigere Produkte anbieten. Das Problem liegt eher in der Ausgangslage: US-Häuser verfügen bereits heute über enorme Marketingbudgets, globale Markenbekanntheit und Skaleneffekte aus einem viel größeren Heimatmarkt. Europäische Anbieter sind dagegen oft kleiner, nationaler aufgestellt und weniger kapitalkräftig für den Aufbau entsprechender Plattformen und Schnittstellen, die benötigt werden, um die Daten zu übertragen und auszuschlachten.