Regelmäßige Bahnfahrer kennen den Ärger nur allzu gut: Ihnen machen nicht nur die ständigen Zugverspätungen das Leben schwer, sondern auch die mangelhafte Information darüber. Die hochgelobte Navigator-App der DB weist Züge häufig als pünktlich aus, wenn Kunden längst im Wartemodus stecken, informiert zu spät über Gleisänderungen und gibt erst im letzten Moment Zugausfälle bekannt. Das alles soll bald besser werden.„Wir investieren 50 Millionen Euro zusätzlich in moderne IT und künstliche Intelligenz“, sagte Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn (DB), am Mittwoch anlässlich der Vorstellung eines Programms für eine bessere Kundenkommunikation. Das Geld soll bis Ende 2027 fließen. Damit mache man die Kundeninformation verlässlicher, schneller und besser.„Bisher ließen die Informationen für Reisende bei Verspätungen oder Zugausfällen oft zu wünschen übrig“, sagte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU). „Ich begrüße sehr, dass sich das jetzt ändern soll.“ Nahezu in Echtzeit und einheitlich würden Reisende künftig über das Geschehen auf den Gleisen informiert, so lautet das Versprechen.Bahn-Assistentin Kiana spricht 100 SprachenGewährleisten soll das unter anderem eine neue virtuelle Assistentin namens Kiana. Über sie könnten eingeloggte Nutzer präzise und individuelle Auskünfte zu ihrer Reise abfragen – „schnell, rund um die Uhr und in über 100 Sprachen“. Bis zum Ende des Jahres werde Kiana für alle Reisenden auf bahn.de und im DB Navigator verfügbar sein.Darüber hinaus will die DB ihre IT sowie die Prozesse in den Leitstellen modernisieren und dabei „voll auf Künstliche Intelligenz“ setzen. Informationen zu Störungen würden schneller verarbeitet, aufbereitet und an die Kundenkanäle weitergegeben. Fahrgäste erhielten dadurch rascher als bisher verlässliche Hinweise zu Halteausfällen, Verspätungen oder Anschlussmöglichkeiten.Die Information über kurzfristige Gleiswechsel soll die Navigator-App demnächst deutlich schneller anzeigen, und zwar nach etwa zwei Sekunden anstatt wie bisher nach 60 Sekunden. Am Bahnsteig verspricht die Deutsche Bahn Klarheit. 7000 neue Anzeiger an kleinen wie großen Bahnhöfen böten bessere Lesbarkeit und mehr Platz für wichtige Informationen.„PR-Stunt“ oder echte Verbesserung?Das Sofortprogramm „Bessere Kundenkommunikation“ komplettiert die Bemühungen der Bahn, den Kunden kurzfristig ein besseres Angebot zu bieten, wenn schon die Verbesserung der Infrastruktur Jahre dauert. Zwei Programme in diesem Rahmen waren zuvor vorgestellt worden: ein erstes für mehr Sicherheit und Sauberkeit an den Bahnhöfen und ein zweites für mehr Komfort in den Fernzügen.Die Reaktionen auf die Ankündigungen fielen gemischt aus. „Die DB hat schon viele toll klingende Programme vorgestellt, wirklich besser geworden ist dadurch selten etwas“, sagte die Grünen-Politikerin Paula Piechotta und sprach von „PR-Stunts“. Die Bundesvorsitzende des Verkehrsclubs VCD, Christiane Rohleder, sagte, man begrüße es sehr, dass die Deutsche Bahn die Information ihrer Fahrgäste verbessern wolle. Denn: „Der Handlungsbedarf ist groß.“Wie groß, das lässt sich derzeit besonders eindrücklich im Güterverkehr verfolgen. Dort ist von guter Kommunikation ebenso wenig zu spüren wie im Personenverkehr, ganz im Gegenteil. „In den vergangenen Tagen und Wochen mehren sich Warnmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen über folgenreiche Zwischenfälle im deutschen Schienennetz“, klagt das Netzwerk europäischer Eisenbahnen (NEE). Die Güterbahnen äußern sich nach Angaben ihrer Lobbyorganisation „bestürzt, verzweifelt und wütend“ über von der DB-Infrastrukturgesellschaft DB Infrago verursachte „Missstände“.Die Odyssee von Güterzug 88897Die Spitze des Gleisbergs markiert die gleich mehrtägige Odyssee eines Zuges quer durch Deutschland. Der Güterzug 88897 war demnach am 27. Mai um 13.41 Uhr in Hamburg abgefahren. In Nürnberg kam er am 2. Juni um 1.04 Uhr an – fast sechs Tage später nach einer Reihe von Umwegen. Sperrungen und eine Dienstzeitüberschreitung des Lokführers hatten zur Folge, dass der Zug mehrere Tage abgestellt werden musste. Mit einer längeren Liste ähnlicher Beispiele will der Güterbahnenverband zeigen, dass das kein Einzelfall ist – auch wenn es nicht immer um tageweise Verspätungen geht.Wegen einer Großstörung im Raum Kassel mussten etwa am 2. Juli zwei im Auftrag eines großen deutschen Automobilherstellers verkehrende Güterzüge abgestellt werden, obwohl sie sich auf einer Expresstrasse befanden. Die Folge: Verspätungen von mehr als vier und sogar mehr als neun Stunden.Auch in der Versorgung eines großen deutschen Chemieunternehmens sei es vergangene Woche zu einem Abriss der Lieferkette und somit zu Produktionsstörungen gekommen. Und ein Zug mit Brückenbauteilen, der am 29. Juni von Karthaus nach Dresden Friedrichstadt fahren sollte, kam statt wie geplant am Dienstagabend erst Donnerstagfrüh ans Ziel. Letztlich hätten für diese Fahrt fünf Triebfahrzeugführer eingesetzt werden müssen statt wie ursprünglich geplant zwei.Ein Hauptkritikpunkt der Güterbahnbetreiber: In der DB-Netzgesellschaft Infrago herrsche „Kommunikationschaos“. Betriebszentralen seien häufig nicht besetzt. So habe eine mutmaßlich mangelhafte Koordination in und zwischen ihnen in der vergangenen Woche weitreichende Betriebsstörungen verursacht. Berichtet wird über gescheiterte Versuche („200 Mal vergeblich“), Fahrplanmitarbeiter zu erreichen.Als Folge sorgen die laut Güterbahnenverband „chaotischen Betriebsbedingungen“ zu erheblichen Umsatzeinbußen für die Eisenbahnen. Von bis zu 300.000 Euro ist die Rede; je nach Größe des Zuganbieters seien solche Beträge existenzgefährdend. Die Branche reagiert, wie es heißt, nur mehr mit Frust auf die Situation im Gleisnetz. Das Resümee: „Längst besteht der Alltag der privaten Güterbahn-Unternehmen aus Schadensbegrenzung.“Tatsächlich lässt sich die desolate Lage auch dann und wann aus dem Regionalexpress oder ICE verfolgen. So konnten Bahnreisende vor wenigen Tagen unter anderem rund um Frankfurt ein stark erhöhtes Aufkommen von Güterzügen beobachten – die wiederum den Personenverkehr ins Stocken brachten.Ein StrategieschwenkDie Deutsche Bahn will ihr großes Sanierungsprogramm für die wichtigsten Strecken auf den Prüfstand stellen. Hintergrund sind die Verzögerungen auf der Baustelle Nürnberg-Regensburg – es ist schon die zweite sogenannte Generalsanierung, die nicht planmäßig fertig wird. Sie habe entschieden, dass deshalb „die Art und Weise, wie wir mit der Korridorsanierung umgehen, wie wir planen, wie wir umsetzen, wie wir in Betrieb nehmen“ noch einmal umfassend auf den Prüfstand gestellt werde, sagte Bahnchefin Evelyn Palla während eines gemeinsamen Auftritts mit Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU). Der Minister betonte, dass nach jeder Korridorsanierung vor allem die Kosten und Zeitabläufe evaluiert und kritisch betrachtet würden. „Und wir haben nun Anlass, das sehr sorgfältig zu tun“, sagte Schnieder. Das Konzept grundsätzlich infrage stellen wolle er nicht. Die Frage sei aber, „wie müssen wir das Konzept insgesamt ausgestalten, damit es für alle erträglich wird“. Die Deutsche Bahn will bis Mitte der dreißiger Jahre rund 40 besonders wichtige Strecken grundlegend sanieren. Kernbestandteil des Konzepts sind längere Vollsperrungen, um die Arbeiten nicht im laufenden Betrieb umsetzen zu müssen. dpa
Deutsche Bahn: Ein Zug kommt erst mit sechs Tagen Verspätung an
Die Bahn sorgt nicht nur mit Verspätungen für Frustration, sondern auch mit ihrer Kommunikation. Die soll sich bald ändern. Wie viel noch zu tun bleibt, zeigen haarsträubende Beispiele aus dem Güterverkehr.









