PfadnavigationHomePolitikDeutschlandKI-generiertes PlakatWenn eine Schule plötzlich judenfeindliche Klischees verbreitetStand: 15:35 UhrLesedauer: 6 MinutenVorher – nachher: Die KI-generierte Illustration mit antisemitischer Bildsprache und die neue VersionQuelle: waldorfschule-fds.de/Screenshot WELT; Montage: Infografik WELT/anna wagnerAntisemitische Bildsprache auf einer Einladung zum Schultheater: Eine Werbung für „Der Geizhals“ in Freudenstadt zeigt eine geldgierige Figur mit riesiger Hakennase. Die Schule löscht das Bild – und verweist als Erklärung auf Künstliche Intelligenz.Die Einladung zum Theaterstück sieht nun harmlos aus: Ein abstraktes Bild mit rotem Kreis und grünen Streifen illustriert die geplante Aufführung von Molières Komödie „Der Geizhals“ in der Freien Waldorfschule Freudenstadt in Baden-Württemberg. Die Schulleitung änderte das Motiv auf ihrer Homepage umgehend, nachdem WELT am vergangenen Freitag eine Rechercheanfrage geschickt hatte.Anlass für die Anfrage war die vorherige Bebilderung, die seit einigen Wochen im Internet zu sehen gewesen und auch im Schaufenster eines örtlichen Geschäfts ausgehängt war: Sie zeigte einen finster dreinblickenden Mann mit übergroßer Hakennase und grauen, fast lockenartigen Haaren unter einer Kopfbedeckung. Seine krallenhaften Hände umklammern eine kleine Schatztruhe. Links neben der Figur steht „Mein Geld! Mein Geld!“ und rechts ein Schild mit der Aufschrift „Ein Stück über Geld, Gier und menschliche Schwächen.“Es handelt sich offenbar um Harpagon, den titelgebenden „Geizhals“. Er ist ein reicher, alter Witwer, der sein Geld krankhaft liebt und selbst Beziehungen zu seinen eigenen Kindern und Heiratspläne finanziellen Interessen unterordnet. Molières literarische Figur besitzt keine jüdische Identität, ganz im Gegensatz zu „Shylock“, dem jüdischen Geldverleiher aus William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Die Bebilderung des Harpagon der Waldorfschule gleicht allerdings historisch belasteten Darstellungen. Es lassen sich judenfeindliche Stereotypen erkennen, wie sie vor allem aus dem Nationalsozialismus bekannt sind.Die Waldorfschule Freudenstadt gestand gegenüber WELT ein: „Bisher gab es keine Konfrontation mit diesem Thema in der Schule, weshalb unser Bewusstsein an der Stelle nicht geschärft war. Unsere Intention war es, das Klassenspiel zu bewerben, keinerlei suggestive Botschaften damit zu verbinden.“ Es sei unter Umständen auch deshalb nicht aufgefallen, „weil in diesem Schuljahr ausnahmsweise die Einladung nicht wie üblich von den Schülerinnen und Schülern selbst künstlerisch gestaltet wurde und die deshalb mit der Bilderstellung beauftragte KI eine vermeintliche ,Richtigkeit‘ suggerierte“, erklärt die Schulleitung. Eine „zusätzliche sensible Recherche der KI-generierten Bebilderung hätte die Einladung in dieser antisemitischen Bildsprache verhindern können“.Lesen Sie auchNach Informationen von WELT wurden die folgenden zwei Prompts bei ChatGPT benutzt: „Kennst du das Theaterstück von Molière ‚Der Geizhals‘?“ und „Erstelle mir ein Plakat für eine Theateraufführung, das aussieht wie von Hand gezeichnet.“Lesen Sie auchDie Waldorfschule kündigte an, dass sie nun im Zusammenhang mit der Aufführung die Bildsprache der Einladung aufarbeiten und über Workshops und Vorträge eine größere Sensibilität bei Schüler- und Lehrerschaft erreichen wolle. Nach Angaben der Schulleitung ist die Aufklärung über das totalitäre System des Nationalsozialismus und den Holocaust ohnehin fester Bestandteil im Lehrplan Geschichte für Mittel- und Oberstufe.In der 11. Klasse seien jährlich Besuche von KZ-Gedenkstätten im Rahmen des Geschichts- und Deutschunterrichts vorgesehen. In den kommenden Wochen seien seit Längerem verschiedene Veranstaltungen geplant, etwa zum Thema „Propaganda und Desinformation in der NS-Zeit und heute“, „Antisemitismus“ und „Shalom Deutschland – Jüdisches Leben heute“.„Klassische antisemitische Bildsprache“ Der Bund der Freien Waldorfschulen, dem die Freudenstädter Einrichtung angehört, reagierte überaus kritisch auf die ursprüngliche Bebilderung. „Dieses KI-generierte Bild folgt in seiner Symbolsprache den Stereotypen einer klassischen antisemitischen Bildsprache des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ist in dieser Hinsicht absolut inakzeptabel“, erklärte Vorstandsmitglied Nele Auschra auf WELT-Anfrage. Diese widerspreche „allen ethischen Grundlagen der Waldorfpädagogik und des Bundes der Freien Waldorfschulen zutiefst“. Wie in vielen anderen Bereichen seien KI-generierte Inhalte „durch die Algorithmen oft problematisch bis diskriminierend, was – wie in diesem Fall – zeigt, dass eine besondere Sensibilität im Umgang mit diesem Werkzeug vonnöten ist, die hier offensichtlich nicht bestand“.Der Bund sei nun in Kontakt mit der Freudenstädter Schule. Zudem werde es Unterstützung durch die Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in Baden-Württemberg und die eigene „Fachstelle zu Rassismus, Antisemitismus, Extremismus“ geben. Es gehe dabei vor allem um eine Sensibilisierung des Kollegiums und eine Aufarbeitung mit der betroffenen Klasse. Es könnten auch „redaktionelle wie begutachtende Verfahren für die Veröffentlichung von Bild und Text online wie analog“ zur Sprache kommen.Lesen Sie auch„Die umgehende und gründlich erarbeitete Reaktion der Schule lässt uns die Situation als grobe Fahrlässigkeit bewerten und wir begrüßen die sofortigen Maßnahmen sowie die insgesamt an der Schule vorhandenen, vielfältigen Unterrichtsbestandteile zum Thema Antisemitismus“, so Auschra vom Vorstand des Bundes. Ein ähnlicher Fall sei bisher nicht bekannt. Allgemein habe die genannte Fachstelle bereits mehrere Schulen beraten, die vor einer Veröffentlichung nachgefragt hatten, ob die Bildsprache von Plakaten politisch oder ethisch angemessen sei.Zudem verweist der Vorstand auf die „Stuttgarter Erklärung“, die 2007 erstmals verabschiedet wurde und seit 2020 in einer aktuellen Version vorliegt. Der BdFWS stellte damit klar, „dass die Waldorfschulen sich von jeder Form der Diskriminierung, also auch von jedweder ethnisch begründeten Form der Diskriminierung, distanzieren.“ Sie arbeiteten „auf der Grundlage der anthroposophisch erweiterten Menschenerkenntnis und beziehen aus ihr eine Fülle von Gesichtspunkten, die den Respekt vor der einzigartigen Individualität eines jeden Menschen in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen“.Die Erklärung war eine Reaktion auf zunehmende Kritik an rassistischen Äußerungen und Ansichten des Begründers der Anthroposophie und Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner. In der Erklärung heißt es dazu: „Die Freien Waldorfschulen sind sich bewusst, dass das Gesamtwerk Rudolf Steiners vereinzelt Formulierungen enthält, die von einer rassistisch diskriminierenden Haltung der damaligen Zeit mitgeprägt sind. Die Waldorfschulen distanzieren sich von diesen Äußerungen ausdrücklich. Sie stehen im vollständigen Widerspruch zur Grundausrichtung der Waldorfpädagogik und zum modernen Bewusstseinswandel.“ Der Bund weist darin auch Deutungen zurück, Steiner sei ein Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassenideologie gewesen: „Ein Urteil, das ebenso oft widerlegt wie mit den immer gleichen Zitaten neu aufgelegt wurde.“Lesen Sie auchDie Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs reagierte gelassen auf die inzwischen zurückgezogene Geizhals-Darstellung in Freudenstadt. „Das Plakat, mit dem die Freie Waldorfschule Freudenstadt für die Theatervorstellung ihrer achten Klasse geworben hatte, war sicher nicht antisemitisch“, betonte Vorstandsmitglied Mihail Rubinstein. Er wünsche den Schülern für ihr Theaterprojekt „auf jeden Fall ein begeistertes Publikum und toi, toi, toi für die beiden Vorstellungen“.Das gelöschte, KI-generierte Plakat hat nach Ansicht Rubinsteins aber „tatsächlich eindrucksvoll eine große Gefahr“ deutlich gemacht: Die Mustererkennung von Künstlicher Intelligenz schaffe es eben nicht nur, Krebsgeschwüre in Röntgenaufnahmen zuverlässig zu erkennen, „sondern sie birgt auch das Potenzial, die übelsten in unserer Kultur verborgenen Vorurteile und Stereotypen neu zu reproduzieren. Aus Zerrbildern von einst entstehen künstlich ganz neue Zerrbilder, ohne jede Chance, zwischen Realität sowie alten und neuen Täuschungen zu unterscheiden.“Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.