Welcher Finanzplatz auf der Welt ist am attraktivsten? Diese Frage stellen sich weltweit Bankmanager, Standortvermarkter, Arbeitnehmer und Regulierungsbehörden immer wieder. Denn von Faktoren wie Finanzdaten und der Größe eines Marktes, aber auch von Kriterien wie der Infrastruktur und der Attraktivität für Beschäftigte hängen Standortentscheidungen von Unternehmen und Organisationen ab – und damit auch, wie viel Geld an welchen Ort fließt und wie viele Arbeitsplätze dort entstehen.In Frankfurt war es vielen Akteuren seit Jahren ein Dorn im Auge, dass der wichtigste und bekannteste Finanzplatz-Index in London entstand, zumal Frankfurt hier zuletzt schlecht abgeschnitten hat: So belegte die Stadt im Global Financial Centres Index zuletzt im weltweiten Vergleich nur noch den 13. Platz. Für die hessische Stadt bedeutete das einen Abstieg um drei Plätze, innerhalb eines Jahres zogen Zürich, Boston und Tokio an Frankfurt vorbei.Doch nun zeigt eine Studie des an der Frankfurter Goethe-Uni angesiedelten Center for Financial Studies (CFS) in Kooperation mit dem Institut Louis Bachelier ein ganz anderes Bild. Hier nämlich belegt Frankfurt unter den wichtigsten Finanzplätzen weltweit den fünften Platz.Der in Paris und Frankfurt entwickelte Open Financial Ecosystem Index, kurz OFEX, unterscheidet sich vor allem in zwei Punkten wesentlich von seinem Pendant aus London, wie Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies, erklärt: „Uns geht es um eine wissenschaftlich fundierte und vor allem transparente Darstellung“, sagt der Finanzprofessor. Die Kriterien aus London seien häufig auf Grundlage von Umfragen entstanden, die OFEX-Tabelle stütze sich dagegen auf 53 Indikatoren, die aus validierten Quellen stammten, etwa der OECD oder der Weltbank, und für jedermann nachvollziehbar seien.Frankfurt rückt in die globale Spitzengruppe vorDem OFEX zufolge bleibt die amerikanische Metropole New York unangefochten die Nummer eins unter den globalen Finanzzentren. Unter den Top 3 hat London seinen zweiten Platz von Chicago zurückerobert. Paris und Frankfurt vervollständigen die Gruppe der fünf wichtigsten Finanzplätze der Welt. „Frankfurt hat sich in der Spitzengruppe etabliert“, so Finanzprofessor Brühl, der die Studie mit initiiert hat. Allerdings seien die Top 3 für die Metropole uneinholbar. Die französische Hauptstadt sei aber durchaus in Reichweite. „Hier sollte Frankfurt Vorreiter bei Zukunftstechnologien wie KI und Tokenisation sein“, so Brühl. Allerdings verfüge Frankfurt nun mal nicht über die Attraktivität einer Weltmetropole wie Paris. „Leute ziehen halt viel lieber von London nach Paris, das darf man nicht unterschätzen“, glaubt der Finanzprofessor.Asiatische Städte setzen der Studie zufolge ihren Aufstieg fort: Seoul und Singapur klettern auf den siebten und achten Platz des Finanzplatzvergleichs, während das chinesische Shenzhen auf Platz zehn zwei Plätze verliert – beeinflusst durch jüngste politische Maßnahmen, die den Autoren zufolge die Kapitalbeschaffung in China erschwert haben.EZB und AMLA stärken Frankfurts StandortprofilBesonders stark ist Frankfurt auf dem Feld der regulatorischen Infrastruktur, vor allem durch den Sitz der Europäischen Zentralbank, aber auch zuletzt durch den Umzug der Antigeldwäschebehörde AMLA an den Main. Auch die Finanzmarktinfrastruktur und das Kreditgeschäft, bei dem Frankfurt besonders vom Brexit profitiert hat, sind den Studienautoren zufolge Stärken des Finanzplatzes. Der Brexit-Effekt sei allerdings nicht fortzuschreiben, mahnt Brühl.Zu den Schwächen im globalen Vergleich zählen die Forschungsinstitute die hohen Steuersätze in Deutschland, sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmen. Aber auch der rigide Arbeitsmarkt, die hohen Lebenshaltungskosten, das kulturelle Angebot, die hohe Bürokratie sowie die Qualität der Schulen und Universitäten werden als Nachteile Frankfurts gegenüber anderen Bankmetropolen gewertet. Zudem verfügt die Stadt demnach über eine zu geringe Zahl an Finanz-Start-ups (Fintechs) und mithin über zu wenige sogenannte Unicorns – also junge Unternehmen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind. Jüngste Studien haben ergeben, dass es in der Region in der Tat lediglich drei dieser Einhörner gibt, nur eines stammt aus der Finanzbranche. Es gebe in Deutschland ein paar wenige Leuchttürme bei Fintechs, das sei für die größte Volkswirtschaft Europas aber einfach zu wenig, urteilt Brühl.Für den Finanzplatz haben die Macher der Untersuchung auch Herausforderungen formuliert, die bewältigt werden müssen, um im Rennen der weltweiten Finanzmetropolen nicht zurückzufallen. So kritisiert die Untersuchung, dass es zu wenige Börsengänge in Deutschland gebe, zudem existiere kein ausreichendes Ökosystem für Börsengänge lukrativer Techunternehmen. Außerdem belaste die strukturelle Schwäche des gesamtwirtschaftlichen Umfelds auch den Finanzplatz. Und nicht zuletzt sei die laut Brühl „kaum noch zu verhindernde Übernahme der Commerzbank“ nicht hilfreich für den Finanzplatz Frankfurt.