Krebs kennt zwei Sorten Pech. Einmal das Unglück, von einer Krebserkrankung getroffen zu werden, die sich nach bisherigem Wissen nicht verhindern lässt. Das sind etwa 60 Prozent der Fälle. Und einmal das Pech, am falschen Ort zu leben. In einem Land oder einer Region, die nicht genug unternimmt, um wenigstens die 40 Prozent prinzipiell vermeidbaren Fälle zu minimieren oder durch ausreichende Behandlungen das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen. Die zweite Sorte Pech ist vor allem, aber beileibe nicht nur in ärmeren Ländern verbreitet, wie aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht von Weltgesundheitsorganisation WHO und der Weltkrebsagentur IARC hervorgeht.Insgesamt erkranken dem Bericht zufolge jährlich fast 21 Millionen Menschen an Krebs, nahezu zehn Millionen sterben daran. Wenn nicht schnell mehr getan werde, könnte die Zahl der Krebsfälle bis 2050 auf 35 Millionen jährlich steigen, warnen die Autoren. Die erwartete Zunahme liegt zum Teil an demografischen Entwicklungen, aber eben auch, wie es im Report heißt, an einer großen Lücke im Kampf gegen die Erkrankung: „einer Lücke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun. Zwischen dem, was versprochen, und dem, was eingehalten wird.“Um dies zu untermauern, haben die Autoren 16 Indikatoren ausgewertet, die zeigen, wie gut die Welt in Sachen Vorbeugung und Behandlung von Krebs vorankommt. Die Bestnote, die sie dabei vergaben, heißt „moderater Fortschritt“ und wurde nur einem der Kriterien verliehen: dem Schutz vor dem Tabakrauch. In den zurückliegenden 15 Jahren seien die Raucherquoten global betrachtet um 27 Prozent zurückgegangen. Das ist ein gewisser Erfolg. Denn, so sagt es André Ilbawi, bei der WHO für Krebskontrolle zuständig, auf einer Pressekonferenz, „Tabakkonsum bleibt mit großem Abstand der größte Faktor der Krebsentstehung“. Fast 20 Prozent aller Erkrankungen und Todesfälle gingen auf sein Konto.Dennoch wäre auch in diesem Bereich sehr viel mehr möglich. Obwohl sich fast alle Länder in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag zum Nichtraucherschutz verpflichteten, haben nur vier Staaten die dafür nötigen Maßnahmen komplett ergriffen. Es sind Brasilien, die Türkei, die Niederlande und Mauritius. Deutschland dagegen hat gerade mal zwei von sechs jener Interventionen, mit denen die WHO den Nichtraucherschutz bemisst, umfassend umgesetzt. Raucherquoten werden erfasst und vor Zigaretten wird ausreichend gewarnt, nicht zuletzt auf den Schachteln selbst. An Werbe- und Rauchverboten, Steuererhöhungen auf Tabak sowie Ausstiegshilfen für Raucher mangelt es laut WHO jedoch weiterhin.Schweres Übergewicht ist ein Risikofaktor für mindestens 13 KrebsartenAm unteren Ende der Erfolgsskala stehen zwei Indikatoren, die nicht nur jeglichen Fortschritt missen lassen, sondern sich zunehmend verschlechtern: Übergewicht und Bewegungsarmut. Adipositas ist ein Risikofaktor für mindestens 13 Krebsarten, mangelnde Bewegung steht mit sieben oder mehr Krebsarten in Zusammenhang. Doch kein einziges Land habe den Anstieg des schweren Übergewichts gestoppt, heißt es in dem Bericht. Nicht einmal für die Hälfte aller Staaten ist die Förderung von Bewegung ein politisches Thema. Somit seien weltweit 30 Prozent der Erwachsenen nicht ausreichend aktiv – gemessen am WHO-Standard von mindestens 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche. Unter Jugendlichen schaffen 80 Prozent diese Empfehlung nicht, die Autoren sprechen von einem „Krisenlevel“.Die Folgen werde man erst in etwa 20 bis 30 Jahren sehen, sagt André Ilbawi. Dann dürften sie eine „erhebliche zusätzliche Belastung“ für die Versorgung der Krebspatienten bedeuten.Allen weiteren Indikatoren bescheinigen die Autoren einen partiellen, minimalen oder unzureichenden Fortschritt. Dazu gehören etwa die Etablierung von Vorsorgeuntersuchungen und die Vorbeugung von jenen Infektionskrankheiten, die Krebs begünstigen. Eine wirksame Maßnahme ist etwa die Impfung gegen HPV. Darunter fallen aber auch alle Möglichkeiten der Behandlung, in denen ärmere Länder große Lücken aufweisen. Als Beispiel für die Folgen der fehlenden Kapazitäten nennen die Autoren Brustkrebs. 87 Prozent der Frauen aus den Industriestaaten überleben ihn. In den Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen sind es nur 42 Prozent.Die Autoren des Reports fordern daher, wo immer nötig, die Vorsorge- und Behandlungsmöglichkeiten deutlich auszubauen. Denn schon heute gelte: Jeder fünfte Mensch auf dieser Welt wird irgendwann in seinem Leben an Krebs erkranken. Rechnet man mit ein, wie sehr die Krankheit auch Familienangehörige belastet, dann sei Krebs ein Thema für mehr als 90 Prozent aller Menschen auf diesem Planeten.
WHO: 35 Millionen Krebsfälle weltweit bis 2050
Laut WHO könnten die weltweiten Krebsfälle von 21 auf 35 Millionen bis 2050 steigen. Hauptgründe sind Demografie, aber auch mangelnde Prävention.








