Der technologische Fortschritt kann auch der Kunstwissenschaft zugutekommen: Raffinierte materialtechnische Analysen und eine auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Stilkritik sollen die Frage klären helfen, ob ein Kunstwerk ein Original oder eine Fälschung ist. Doch nicht immer erfüllen sich die Hoffnungen, die mit den Versprechen der Forschung einhergehen, wie drei Beispiele zeigen.1998 wurde bei Christie’s in New York eine farbige Kreidezeichnung mit Tinte auf Pergament für knapp 22.000 Dollar versteigert. Das Damenporträt im Stil Leonardo da Vincis wurde im Auktionskatalog als deutsche Arbeit aus dem frühen 19. Jahrhundert bezeichnet und später mit „La bella principessa“ betitelt. Doch 2010 meinte der britische Kunsthistoriker Martin Kemp, in dem Bild ein verschollenes Werk Leonardos zu erkennen. Auch umfangreiche materialtechnische Analysen deuten in seinen Augen auf ein Original des Künstlers aus der Zeit um 1496, das dann zwischen 100 und 150 Millionen Dollar wert wäre.Fingerabdrücke von wem?Doch die Zuschreibung war unter Experten höchst umstritten und löste eine kontroverse Debatte aus. Wenig hilfreich war dabei, dass der Fälscher Shaun Greenhalgh 2017 behauptete, er sei der Urheber der Zeichnung und die Dargestellte sei nicht Bianca Sforza, eine Tochter des Herzogs von Mailand, sondern Sally, eine Kassiererin aus dem Supermarkt in Greenhalghs Heimatstadt Bolton, auch wenn dies wenig glaubwürdig schien.Angeblich von Leonardo da Vinci: „La bella principessa“picture-alliance/ dpaEines der Indizien, die Martin Kemp für seine Theorie in der ersten Auflage seines Buches über die Zeichnung anführt, ist ein am linken Rand des Blattes sichtbarer Fingerabdruck, der für eine forensische Untersuchung allerdings kaum ausreicht, da er nur fragmentarisch erhalten ist. Selbst wenn er mit anderen Fingerabdrücken auf gesicherten Originalen des Renaissancekünstlers übereinstimmen würde, was Kemp anfangs behauptete, ist dies kein Beweis, dass Leonardo die Zeichnung geschaffen hat. Denn der Künstler könnte das Blatt lediglich angefasst haben, und es ist vielleicht das Werk eines Werkstattmitarbeiters oder Kollegen. Kemp musste 2016 außerdem eingestehen, dass es „keine verlässliche Sammlung von Referenzabdrücken von Leonardo“ gibt. Die Idee, mit einem Fingerabdruck die Echtheit des Werks beweisen zu können, läuft also ins Leere.Soll Genmaterial von Leonardo bergen: Rötelzeichnung „The Holy Child“Norberto Gonzalez-Juarbe/J. Craig Venter InstituteEbenso fragwürdig ist die Vorstellung, man könne eine künstlerische Arbeit anhand eines DNA-Profils als Original Leonardos bestätigen. So soll seine Erbsubstanz in Hautpartikeln und Haaren auf den Oberflächen seiner Bilder entdeckt worden sein. Das amerikanische J. Craig Venter Institute in Maryland untersuchte letztes Jahr eine Zeichnung eines Kinderkopfes, die angeblich von Leonardo stammt.Auch hier muss das gefundene biologische Material nicht unbedingt vom Künstler stammen, sondern kann auf andere Personen zurückgehen: Mitarbeiter, Sammler, Händler oder Restauratoren, die das Blatt irgendwann berührt haben. Außerdem müssten 500 Jahre alte DNA-Spuren als eine gesicherte Referenzprobe des Künstlers vorliegen, was nicht der Fall ist. Eine eindeutige Zuordnung der Zeichnung durch einen Genvergleich ist also nicht möglich, selbst wenn die Forscher auf ihrer Homepage das Gegenteil suggerieren und ihre Arbeit vollmundig als „bahnbrechend“ bezeichnen.Das Versprechen einer „objektiven“ MethodeDie Einsatzmöglichkeit von KI als Instrument bei Zuschreibungsfragen ist ebenfalls umstritten. Selbst Kunsthistoriker, die deren Potentiale positiv einschätzen, wie der führende Rubens-Experte Nils Büttner, betonen, dass letztlich das menschliche Urteil ausschlaggebend bleibe.Doch in diesem Sommer verkündeten Forscher der Polytechnischen Universität von Valenciennes, sie hätten eine neue, angeblich „objektive“ physikalische Methode zur Entlarvung von Fälschungen entwickelt. Dabei werden die Oberflächen von Gemälden optisch abgetastet und in dreidimensionale topographische Karten umgewandelt, die dann wie eine „morphologische Signatur“ des Künstlers gelesen und verglichen werden können. Somit soll für den jeweiligen Maler eine typische Struktur des Farbauftrags, der Malschichten und der Leinwand veranschaulicht werden.Als Beispiel haben die Forscher Werke von Vincent van Gogh ausgewählt. Es ist nachvollziehbar, dass auf diese Weise dessen pastoser Pinselstrich untersucht werden kann. Dass jedoch eine Oberflächenmesstechnik, die lediglich an neun originalen Gemälden durchgeführt wurde, eine nennenswerte Erkenntnis bei der Aufdeckung von Fälschungen bringen soll, muss wohl bezweifelt werden. Denn eine so geringe Menge an analysierten Bildern hat keinerlei exemplarische Aussagekraft.Hingegen arbeitet das Technologieunternehmen Art Recognition in Zürich, das mit seiner KI auf Kunstauthentifizierung spezialisiert ist, mit einer ganz anderen Datenmenge: Fast 1000 gesicherte Werke van Goghs und ebenso viele ähnliche, aber nicht authentische Bilder des Künstlers hat die Firma in Form hochauflösender Fotografien als Vergleichsbeispiele in ihren Computer eingespeist. Der Algorithmus der KI benötigt eine möglichst hohe Anzahl an Werken, um daraus lernen zu können. Bei einem zu untersuchenden Gemälde werden dann der Farbauftrag, die Bildstrukturen und die kompositorischen Details mit dem Stil des Künstlers verglichen, um eine prozentuale Wahrscheinlichkeit für ein Original, eine Fälschung, Imitation oder Kopie zu errechnen.Dabei soll die KI laut Carina Popovici, der Mitbegründerin und CEO von Art Recognition, nur „ein Werkzeug in der Werkzeugkiste“ für die kunsthistorischen Experten sein, ohne diese zu ersetzen. Geisteswissenschaftliche Kompetenzen wie kritisches Denken in komplexen Zusammenhängen bleiben die Domäne der Kunsthistoriker. Nur sie können die Ergebnisse von Stilkritik, Provenienzforschung und materialtechnischen Analysen zusammenführen und im Dreiklang beurteilen. Die KI kann als Hilfsmittel für die Kunstwissenschaft durchaus von Nutzen sein, doch die menschliche Fähigkeit zu einer umfassenden Reflexion und Bewertung hat sie nicht.
Leonardo und Van Gogh: Kunst-Authentifizierung mit KI und DNA
Mit Künstlicher Intelligenz und Genanalysen Bilder ihren tatsächlichen Schöpfern zuordnen? Wenn das so einfach wäre. Die neuesten Technologien sind aber weitere Geräte im Werkzeugkasten menschlicher Spezialisten.







